Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Darum wirkt die Theaterperformance „Haare“ wie eine Installation
Nachrichten Kultur Regional Darum wirkt die Theaterperformance „Haare“ wie eine Installation
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:42 03.10.2019
Gab tanzend und singend eine lebhaft moderierende Performance: Darstellerin Jasmina Music. Quelle: Jörg Linnhoff
Anzeige
Göttingen

Mit der Theaterperformance „Haare“ von Nora Amin hat sich das Boat People Projekt unter der Regie von Nina de la Chevallerie an ein sehr spezielles Projekt gewagt: Haare als eine Art Visitenkarte des Menschen, ihre politische Bedeutung, ihre soziologischen Aspekte und damit verbundene Vorurteile. Begleitet durch Videoprojektionen von Reimar de la Chevallerie und der sehr lebendigen Darstellung von Jasmina Music wird diesen Aspekten nachgegangen.

Kopftuchdebatte als Anfang für das Stück

Sie hätten die Produktion als mobiles Theater extra klein gehalten, um es in Schulen, in einem Friseursalon und später auch in muslimischen Ländern spielen zu können, erzählt die Regisseurin nach der Vorstellung. Letztendlich hätte sie die Kopftuchdebatte auf das Thema gebracht.

 

Der Boden ist komplett mit meterlangen Vorhängen aus Haaren bedeckt, auf und mit denen Jasmina Music fortan tanzend, singend und mit ausdrucksstarker Mimik agiert. Quelle: Jörg Linnhoff

Die Bühne, einer Manege gleich in der Mitte des Raumes gelegen, wird jeweils gegenüberliegend von einer sechseckigen Leinwand und einem Spiegel begrenzt, sowie an zwei Seiten von den Besuchern gesäumt. Der Boden ist komplett mit meterlangen Vorhängen aus Haaren bedeckt, auf und mit denen Jasmina Music fortan tanzend, singend und mit ausdrucksstarker Mimik agiert. Ihre eher moderierende Performance und die sie begleitenden Videos fächern ein Kaleidoskop an Ideen zum Thema „Haare“ auf.

Schönheit, Schmutz, Revolution oder Verführung

Wie kann Haar sein, steht zu Beginn als Frage im Raum. Kurz, lang, seidig, blau, grün oder trocken - die Ideen dazu werden stakkatoartig aufgezählt. Haare können Schönheit, Schmutz, Revolution oder Verführung sein. Sie werden bedroht von einer Schere, fallen aus, tragen Erinnerungen und schützen das Gehirn. Die assoziativen Aneinanderreihungen erscheinen auf der Leinwand ins Englische übersetzt, während Darstellerin Music Haare vom Boden auflesend zählt, eine unlösbare Aufgabe.

Mystische Personen, wie die Medusa, die ihre Haare als Schlangen trägt, werden zitiert. Das Märchen von Rapunzel, die, in einem Turm eingesperrt, sein Haar herablassen soll symbolisiert das Gefängnis der Ehe. Eine starke Szene erzählt die Tortur einer Siebenjährigen, der allmorgendlich zwischen der Oma und der Mutter sitzend von beiden Seiten solange die Haare geglättet werden, bis kein Haar mehr absteht.

„Mein Haar ist meine Identität“

Eine Migrantin fühlt sich mit ihrem natürlichen Haar heimischen Frauen unterlegen und stellt sich die Frage, ob sie ihr Haar glätten soll, sodass es elegant und schön aussieht. Während auf der Leinwand Bilder der Afro-Bewegung laufen, erfahren die Besucher, das immer mehr schwarze Frauen sich entscheiden, ihr krauses Haar natürlich zu tragen. „Mein Haar ist meine Identität. Don’t touch my hair!“ Natürliches Haar bedeutet Freiheit. Die Bedeckung des Haars aus religiösen Gründen oder die Demütigung, die Frauen beim Verlust ihrer Haare wegen einer Krebsdiagnose empfinden, stehen dem entgegen.

Mit dem schlagerartigen Song „Rettet das Schamhaar“ wird der Körperkult in unserer heutigen Gesellschaft und die damit verbundene Werbung laut, radikal und zum Mitsingen thematisiert. „Ich bin Haar, ich trage Erinnerungen, ich bin, wer ich bin, hör’ auf nicht alles...“, heißt es zum Ende.

Durch die überbordende Fülle an Aspekten wirkte die Aufführung wie eine sehr bewegte, kurzweilige, in Teilen aber auch etwas überladene und in der Wahrnehmung überfordernde Installation, die trotzdem zu Recht mit großem Applaus bedacht wurde.

Weitere Vorstellungen

Weitere Vorstellungen finden am 3., 4., 19. und 20. Oktober sowie am 2. und 3. November jeweils um 20 Uhr im Werkraum, Stresemann Straße 24c, in Göttingen statt.

Außer den Vorstellungen dort sind zudem im Dezember eine Vorstellung in einem Friseursalon und zwei Vorstellungen in Schulen geplant.

Nähere Informationen unter: www.boatpeopleprojekt.de.

Von Jörg Linnhoff

Sie haben fast das ganze 20. Jahrhundert gemeinsam erlebt. Und sie haben viele Menschen mit ihrer Einstellung und Lebensweise beeindruckt: Helmut und Loki Schmidt. Autor Reiner Lehberger hat in Göttingen sein Buch „Die Schmidts – ein Jahrhundertpaar“ vorgestellt.

03.10.2019

Der Klonthriller “Gemini Man” und das aufrüttelnden Neonazi-Drama “Skin” laufen am Donnerstag in den Kinos. Das erwartet die Zuschauer.

02.10.2019

Er hält nur drei Lesungen 2019 in Deutschland, eine davon in Göttingen. Fernando Aramburu stellt am Mittwoch, 9. Oktober, sein aktuelles Buch „Langsame Jahre“ vor. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Alten Rathaus.

02.10.2019