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Regional Buch zur 15-jährigen Amtszeit von Mark Zurmühle
Nachrichten Kultur Regional Buch zur 15-jährigen Amtszeit von Mark Zurmühle
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17:40 11.07.2014
Seit fünf Jahren ein Team, jetzt vor dem Absprung: Chefdramaturg Lutz Kessler und Intendant Mark Zurmühle verlassen das Deutsche Theater. Quelle: Pförtner
Göttingen

Zum Abschluss hat der ebenfalls scheidende Chefdramaturg Lutz Kessler ein Buch über die DT-Zeit Zurmühles herausgegeben, in dem zahlreiche Theater-Weggefährten wie Ulrich Khuon, Armin Petras, Luise Rist, John von Düffel, Rebekka Kricheldorf, Barbara Wendland und bekannte Göttinger wie der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann und Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) die Arbeit Zurmühles einschätzen und würdigen. Unter den Autoren finden sich auch die Tageblatt-Redakteure Angela Brünjes und Peter Krüger-Lenz. Ihr in dem Buch „Bleibt alles anders“ veröffentlichter Text:

Mehr als 400 Beiträge zum Stichwort „Zurmühle“ zählt das Tageblatt-Archiv. Mark Zurmühle ist seit 1998 ein regelmäßig erscheinender Name in den Ausgaben des Göttinger Tageblatts und Eichsfelder Tageblatts. In Verbindung mit diesem Namen tauchen Begriffe oder Bezeichnungen auf wie Stadt der Zukunft, Publikumsrenner, Freiraum, eiserner Besen, Vertragsverhandlungen, Hart am Wind, „Der Sturm“ oder „West Side Story“.

Das Deutsche Theater in Göttingen ist kein unbeschriebenes Blatt, kein unbekanntes Theater. Es ist ein Haus, das zuletzt 15 Jahre erfolgreich von Mark Zurmühle als Intendant geleitet worden ist. Zurmühle hat viel Neues gewagt und damit gewonnen. In der Berichterstattung geht es um ihn vor allem als Regisseur mit überwiegend positiven Urteilen. Aber als Intendant des Göttinger Stadttheaters ist er ebenfalls eine Person des Zeitgeschehens, wenn es um die öffentlichen Diskussionen um Budget, Verträge oder Projekte geht.

"Mit einer besonderen aktuellen Lesart"

Und so machte der künftige Intendant auch gleich von sich reden, als er 1998 in Göttingen zum Theaterchef gewählt worden war: Gleich bei seiner Ankunft kehrte er mit eisernem Besen und lehnte für zu viele Schauspieler eine Vertragsverlängerung ab. Das empörte Ensemble und Publikum. Die öffentliche Debatte war scharf, das Entsetzen der Freunde des Deutschen Theaters groß – dabei handelte es sich doch um einen in der Theaterwelt völlig normalen Vorgang. Neuer Intendant, neues Team. Als dann die Zahl der Nichtverlängerten kleiner geworden war, legte sich der Sturm der Entrüstung. 

Mit Spannung wurden die 44 Inszenierungen von Zurmühle erwartet. Es ist ihm gelungen, dass das nicht nur für seine Anfangszeit gilt, sondern für die gesamte Ära Zurmühle. „Wenn man ein bekanntes Stück auf die Bühne bringt, dann muss das mit einer besonderen aktuellen Lesart geschehen, sonst hat das Stück keine Berechtigung auf dem Spielplan“, sagte er bei einer Diskussion im November 2001. So ist er es angegangen: von „Die Räuber“ bis „Die Möwe“ und vielen Shakespeare-Stücken, gerne zur Eröffnung der Spielzeit.

Seine aktuelle Lesart hat sich nicht jedem Zuschauer erschlossen, seine immer in Zusammenarbeit mit Bühnenbildnerin und Lebenspartnerin Eleonore Bircher in Szene gesetzten Klassiker wie auch Gegenwartsstücke haben aber für Diskussionen gesorgt und oftmals große Begeisterung hervorgerufen. Bircher bereitete mit vielen großartigen Bühnenbildentwürfen den Boden für starke Zurmühle-Inszenierungen. Für Kleists „Käthchen von Heilbronn“ setzte sie das Publikum auf einen drehbaren Turm, während die Schauspieler auf der Seitenbühne, der Hinterbühne oder im Zuschauerraum agierten. Die Drehplatte setzte Bircher auch beim „Hauptmann von Köpenick“ ein. Wie in der Tretmühle liefen die Akteure von Raum zu Raum auf der sich immerfort drehenden Scheibe.

Außergewöhnliche und kostspielige Produktion

„Der Sturm“ wurde in Göttingen zu einem von etlichen Publikumsrennern. Mit dieser Inszenierung wurde er nach Bozen eingeladen. Das dortige deutschsprachige Theater hat kein eigenes Ensemble, der künstlerische Leiter verfügt aber über einen ansehnlichen Etat, mit dem er die interessantesten Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum nach Bozen holt. Eine Art Berliner Theatertreffen in Südtirol.

Nach anfänglichem Zögern nahm Zurmühle sich schließlich doch der populären Musiktheater-Produktionen an. Die „West Side Story“ inszenierte er mit  ausgesprochen lässiger, weil gegen das gängige Ideal ausgewählter Besetzung. Bei „Hair“ griff er auf eine Urfassung zurück, wo sich viele Theaterproduktionen am populäreren Film orientieren. Und dabei arbeitete er gerne mit ambitionierten Amateurtänzern und –sängern aus der Region zusammen, sehr erfolgreich, sehr publikumsorientiert.

Die außergewöhnliche und kostspielige Produktion zur Spielzeiteröffnung 2013/14 in der Göttinger Lokhalle von „Faust – der Tragödie erster und zweiter Teil“ hätte auch das Zeug zum Zuschauermagneten gehabt. Aber diese externe Spielstätte, ein seit Jahren von Zurmühle angestrebter Ort, war nicht so oft belegbar, wie es der schauspielerisch opulent gegebene „Faust“ verdient gehabt hätte. Mit dieser Produktion, zugleich seine erste Inszenierung eines Goethe-Stoffes, schaffte Mark Zurmühle Bemerkenswertes.

Dem Theater Freiraum gegeben

Viele junge Schauspielerinnen und Schauspieler hat er in das DT-Ensemble geholt und ihnen gerne verantwortungsvolle Rollen übertragen. Roland Bonjour und Alois Reinhardt kamen von der Schauspielschule und entwickelten sich unter Zurmühle beeindruckend. Diese beiden und viele weitere gingen nach ein paar Jahren in die berufliche Freiheit oder an andere, oft größere Häuser, wo sie sich meist prächtig behaupteten. Wie Sesede Terziyan, die heute zu den Stars im Gorki-Theater in Berlin zählt.

Und Mark Zurmühle fing an, mit der freien Szene zu kooperieren. Von dort holte er Schauspieler in sein Ensemble.Tragende Posten des Jungen Schauspiels besetzte er mit Joachim von Burchard und Nicola Bongard, die auch im Stadttheaterbetrieb beeindruckend arbeiteten.

Zurmühle hat sich manche Freiheit genommen, um dem Theater Freiraum zu geben. Die Lokhalle war nur einer von diversen externen Spielorten. Im Projekt „Stadt der Zukunft“ ließ er das Theater in der Spielzeit 2009/10 unterwegs sein – im umgebauten Lkw-Anhänger. Aufführungen an ungewöhnlichen und ungewohnten Orten wie am Friedhof in Bovenden oder auf einem zentralen Platz im sozialen Brennpunkt  Grone-Süd erreichten neue Publikumskreise. 

Zurmühles Bereitschaft, Neues zu wagen, hat sich auf vielen Gebieten bewährt. Das durchzusetzen war oft von Diskussionen geprägt, die zeigten, dass jemand, der sich künstlerische Freiheiten nimmt, als freiheitlicher Charakter nicht eben immer jedem in Ensemble und Team auch Freiraum geben will. Sein starker Durchsetzungswille war auch gepaart mit Verzicht auf Auseinandersetzung und Erklärungsbereitschaft.

So hat Zurmühle als Querdenker agiert und als Theaterlenker gehandelt. Auf diesem Weg fand er Anhänger und rief Widersacher auf den Plan. Keine Überraschung, aber für viele die schmerzliche Erfahrung, dass ein so überzeugter Intendant wie auch kreativer Regisseur den Weg für seine Ideen freimacht.

Lutz Kessler: „Bleibt alles anders. Die Intendanz von Mark Zurmühle am Deutschen Theater in Göttingen“, Verlag Theater der Zeit, 180 Seiten, 20 Euro.