Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Buchvorstellung und Zeitzeugengespräch: „Ich wollte dieses Land nicht diesem Staat überlassen“
Nachrichten Kultur Regional Buchvorstellung und Zeitzeugengespräch: „Ich wollte dieses Land nicht diesem Staat überlassen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:09 23.10.2019
Im 30. Jahr des Mauerfalls sprachen Martin Stief, Daniela Münkel, Antonie Rietzschel und Uwe Schwabe (v.li.) in der Paulinerkirche über das Jahr 1989. Quelle: garben
Anzeige
Göttingen

Wie konträr Bürger und SED-Führung die Ereignisse und Umstände des Jahres 1989 bewertet haben, haben Besucher am Dienstagabend in der Paulinerkirche erfahren.

Die Historikerin und Projektleiterin beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Prof. Daniela Münkel stellte zum vierten Mal im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes den aktuellen Band aus der Reihe „Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“ vor. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Projektes, Martin Stief, nahm sie beispielhaft einige Berichte aus dem Jahr 1989 näher in den Blick. Uwe Schwabe, Zeitzeuge und Bürgerrechtler, sprang für den verhinderten Roland Jahn ein. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Antonie Rietzschel (Süddeutsche Zeitung).

Bild der damaligen Zeit

Technische Schwierigkeiten verhinderten, dass die Gäste die vertonten Berichte hören konnten, aber Münkel und Stief gelang es, diese so vorzustellen, dass daraus keine langweilig Nacherzählung wurde, sondern spannende Momentaufnahmen, die gut illustrierten, wie genau die Staatssicherheit über die Defizite im Land und die Unzufriedenheit der Menschen Bescheid wusste. Zudem stellte Rietzschel ihre Fragen so, dass die Wissenschaftler das, was Schwabe persönlich erlebte, in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einordneten und so ein greifbareres Bild der damaligen Zeit zeichnete.

Die Berichte der Stasi an die SED-Führung seien eine direkte Folge des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 erklärte Münkel. Gingen sie bis 1989 an ausgewählte Mitglieder des Politbüros, vergrößerte sich der Kreis der Adressaten schlagartig im Jahr des Mauerfalls. Erstes großes Ereignis in diesem Jahr waren die Kommunalwahlen im Mai. Eigentlich sollten sie als Beweis dienen, wie sehr das Volk hinter der Führung stand. Doch zahlreiche Oppositionsgruppen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahl genau zu beobachten. Schwabe war damals 27 Jahre alt. „Für uns war es wichtig, zu beweisen, dass die SED-Führung die Wahlen fälscht“, sagt er. Es sei ein Meilenstein gewesen, als dies gelang.

Obwohl selber nicht gläubig, habe er sich wie viele andere auch mit seinen Mitstreitern über die Kirche organisiert. Auf die Frage, warum er sich damals politisch engagiert habe, erklärte Schwabe, dass er sich wie viele andere auch in seiner persönlichen Freiheit so eingeschränkt gefühlt habe, dass er entschied: „Du musst versuchen, dieses System zu ändern.“

Überwachung war offensichtlich

Seit Anfang 1987 wurde Schwabe überwacht. Angst habe er immer gehabt. „Die Stasi hat ein wunderbares Tagebuch über mich geführt“, scherzte er, wurde aber gleich wieder ernst. „Das war kein Spaß.“ Er habe jeden Abend damit gerechnet, dass jemand vor seiner Tür stehe. 1989 wurde er tatsächlich verhaftet, für das Verbreiten von Flugblättern, verbunden mit dem Aufruf zur Demonstration. Schwabe hatte Glück und wurde nach zehn Tagen entlassen. Gedroht hätten ihm eigentlich zweieinhalb Jahre Gefängnis. „Da kommen Sie ganz schnell an ihre Grenzen und fragen sich: War es das wert?“

Die DDR zu verlassen, kam für den Leipziger zu keiner Zeit infrage: „Ich wollte dieses Land nicht diesem Staat überlassen.“ Was Schwabe im Lauf der Monate als zunehmende, mutigere Herausforderung des Staates durch Einzelne empfand, erklärte Münkel mit den Auflösungserscheinungen der SED-Führung. Genauestens informiert über den Mangel „bis ins kleinste Produkt“, wie Stief es beschrieb, und über das Ausmaß der zunehmenden Abwanderung und Massenflucht, sei sie trotzdem völlig „reformunfähig“ gewesen, so Münkel.

Als es schließlich am 9. November zum Mauerfall kam, sei er „nicht unbedingt glücklich“ gewesen, sagt Schwab. „Wir hatten was anderes vor, Reformierung und Teilhabe.“ Aber die Sehnsucht der Menschen nach der Wiedervereinigung sei, gerade bei den Älteren, die Deutschland noch ungeteilt kannten, stärker gewesen.

Editionsreihe

„Die DDR im Blick der Stasi 1989. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“ ist der elfte Band in der Editionsreihe, die von Daniela Münkel herausgegeben wird und im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erscheint. Die Edition ist auf 37 Bände angelegt. Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde bereiten die geheimen Berichte, die die „Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des Ministeriums für Staatssicherheit beziehungsweise ihre Vorläufer zur Information der Partei- und Staatsführung der DDR seit dem Juniaufstand 1953 bis zum Dezember 1989 verfasst hat, auf. Jahrgangsweise, aber nicht chronologisch erscheinen kommentierte Auszüge in Buchform. Ein Jahr nach Veröffentlichung sind die gesamten Berichte eines Jahres online kostenlos über eine Datenbank zugänglich.

„Die DDR im Blick der Stasi 1989. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“, herausgegeben von Daniela Münkel, Vandenhoeck & Ruprecht, 320 Seiten, 30 Euro

Von Nora Garben

Isabel Bogdan liest beim Göttinger Literaturherbst aus ihrem neuen Roman „Laufen“. In diesem begleitet der Leser eine Frau bei ihrem zweiten Trauerjahr. Das Laufen holt die Frau zurück ins Leben.

23.10.2019

Im Büro von Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) steht eine Bronze der Göttingerin Mira Stolze. Eine Variante des Werks soll jetzt in Nanjing installiert werden – in vielfacher Größe.

23.10.2019

Arnold Schwarzenegger ist in „Terminator 6“ zurück auf der Leinwand – und bringt viel Selbstironie mit. Außerdem neu in dieser Woche: „Nurejew“, die unglaubliche Geschichte der sowjetischen Ballettlegende.

23.10.2019