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Regional „Alpha Pussy“ zu Gast in Göttingen
Nachrichten Kultur Regional „Alpha Pussy“ zu Gast in Göttingen
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00:18 22.11.2017
Carolin Kebekus gastiert in der Göttinger Lokhalle. Quelle: Brianpool/Willi Weber
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Göttingen

Mit ihren Programm „Alpha Pussy“ gastierte die Comedian Carolin Kebekus am Freitagabend in der ausverkauften Lokhalle. Der Aufritt wurde für den Fernsehsender RTL aufgezeichnet; zudem sollen eine DVD und BluRay von dem Abend in Göttingen produziert werden.

Freitagabend, 19.30 Uhr in der gut beheizten Lokhalle in Göttingen. Die Stimmung ist gut, ein heiteres Stimmengewirr liegt in der Luft. Viele haben sich ein kühles Bier mit zu ihrem Platz genommen, um das Wochenende gebührend einzuläuten. Die Vorfreude ist groß, denn gleich kommt Carolin Kebekus auf die Bühne, um ihr Programm „Alpha Pussy“ zu präsentieren. Der Auftritt soll für den Fernsehsender RTL aufgezeichnet werden. Das erklärt auch ein vom Publikum mit frenetischem Applaus begrüßter Mann im „Batman“-Anzug, der sich den Zuschauern als Christian vorstellt. „Heute ist ein ganz normaler Abend, den wir nur für RTL aufzeichnen“, witzelt Christian und erklärt, wie sich das Publikum kamerareif präsentieren soll. Das Fernsehteam brauche auch „Reserve-Appläuse“, deshalb müsse man vor dem offiziellen Start schonmal üben, wie so ein richtiger Applaus funktioniere. Das Publikum lässt sich nicht lange bitten, klatscht, pfeift, grölt und trampelt ausgelassen. Und einige, die von der Kamera eingefangen und auf die großen Leinwände projiziert werden, nutzen den Moment, um eine richtige Show abzuziehen. „Ich wusste, dass das klappt. Göttingen hat einfach das geilste Publikum“, urteilt Christian nach diesem Testdurchlauf.

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Überschwängliche Begrüßung

Als dann um kurz nach 20 Uhr Carolin Kebekus die Bühne entert, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Die fünffache Trägerin des Deutschen Comedypreises wird überschwänglich begrüßt. „Normalerweise komme ich raus und beschimpfe die Leute erstmal, aber das wird jetzt schwierig“, sagt die 37-Jährige. Sie fühle sich von den Göttingern verstanden, und deshalb sei sie auch gerne wieder in die Stadt gekommen. Sie erntet viel Applaus, als sie von ihren Trinkgewohnheiten spricht. Wichtig vor einem Auftritt sei „ein Wegbier“, das sie unterwegs trinken müsse. Doch sie könne leider „nicht mehr so saufen wie früher“, dabei müsse sie sich als rheinische Frohnatur doch auf Karneval vorbereiten. Viele Frauen überlegten ja, was sie an ihrem Körper verändern lassen sollten. Sie würde sich den Magen eines „20-Jährigen Fußballers“ implantieren lassen. Natürlich sei ihr bewusst, dass sie eine Vorbildfunktion habe, deshalb rate sie allen 20-Jährigen im Publikum: „Macht euch so voll, wie es geht!“ Die Zuschauer danken es ihr mit tosendem Beifall.

Gewohnt derb und laut ist die Show, mit der die Kölnerin seit Monaten die Hallen in Deutschland füllt. Unverblümt arbeitet sich Kebekus an gesellschaftlichen Themen ab, kritisiert auf ihre ganz eigene Art die Entwicklung der jüngeren Generation. So könne sie nicht verstehen, wieso junge Leute plötzlich Schlager hörten. Sie habe früher Partys gefeiert, bei denen alles kaputt gegangen sei, „und dazu haben wir Nirvana und Rage against the Maschine gehört.“ Wenn heute Polizisten wegen Ruhestörung zu einer Party kämen, hätten sie gleich Kaffee und Kuchen dabei, weil sie ebenfalls gerne Schlager hörten. Das könne doch niemand wollen. Viele junge Mädchen seien ja heute auch mit ihrer Mutter befreundet und gingen sogar mit ihr zusammen feiern. Das könne sie absolut nicht nachvollziehen.

Überraschungsgast David Kebekus

Nach einer Pause kommt ein Überraschungsgast auf die Bühne der Lokhalle: David Kebekus, Carolins jüngerer Bruder. Er präsentiert ein kurzes Stand-Up-Programm, das das Publikum wohlwollend beklatscht. Richtig in Fahrt kommen die Zuschauer aber erst wieder, als die selbst ernannte „Alpha Pussy“ zurückkehrt. In der zweiten Hälfte geht es vor allem um die Entwicklungen des Internets (“Was haben die Leute früher nur ohne Shitstorms gemacht?“) und politische Themen. Überall müssten Menschen ihren Kommentar hinterlassen. Auch auf ihren Social Media-Kanälen lese sie „ganz viel Bullshit“, unter anderem von „AfD-Orks“. Auch nach dem Ergebnis der Bundestagswahl müsse man festhalten, dass die Mehrheit nicht mit den Ansichten der AfD übereinstimme, und man könne „jedem Arschloch sagen, dass es ein Arschloch ist“ - die Zuschauer quittieren die Aussage mit lautem Applaus.

Auch das Frauenbild, geprägt durch das Internet, ist im Verlauf des Programms Thema. So schreckten viele Frauen heutzutage vor Kohlenhydraten zurück aus Angst, zuzunehmen. Dabei sei „ein Butterbrot mit Leberwurst das Grundrecht eines jeden Menschen“, so Kebekus. Frauen sollten endlich aufhören, sich wie eine „Baustelle“ zu fühlen, die bis zum Lebensende optimiert werden müsse. Auch im Berufsleben sollten Frauen die Opferrolle ablegen. „Wir wollen nicht mehr Geld als die Männer, sondern das gleiche Gehalt wie sie erhalten“, fordert die Comedian. Am Ende des Abends bedankt sich die auf der Bühne so hart Agierende höflich bei den Zuschauern. Sie sei „immer wieder beeindruckt“, dass sich ihretwegen so viele Menschen auf den Weg machten, um die Show zu sehen. Als besonderes Schmankerl spricht sie mit dem Publikum noch einige Parts für den Fernsehtrailer ein - und nach knapp drei Stunden gehen die Göttinger erschöpft aber fröhlich nach Hause.

Von Maren Iben

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