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Regional „Wir waren doch Sozialisten“
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00:17 14.08.2018
„Wir waren doch Sozialisten“: Museumsleiter Ernst Böhme (l.) im Gespräch mit dem Schauspieler Claus Theo Gärtner. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Carsten Friedrichs, Sänger der Hamburger Bands „Superpunk“ und „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen“, hat ein Faible für die kantigen Typen, für die Unangepassten, für die Individualisten, die Rebellen mit Herz, für Schauspieler mit Göttinger Vergangenheit. Mit „Matula, hau mich raus“ hat er dem Detektiv Josef Matula ein musiklaisches Denkmal gesetzt.

„Sie haben keine Beweise, doch der Stab wurde längst gebrochen. Matula bitte hau mich raus. Es wurde mir versprochen“, schreit Friedrichs in dem Punk-Soul-Pop-Uptempo-Bastard ins Mikro. Gärtner selbst gefiel der Titel so gut, dass er seine Biografie danach benannt hat.

„Raus hauen“, das konnte Matula. „Ich habe Matula gespielt, wie ich mir einen Privatdetektiv vorgestellt habe. Das hat 30 Jahre gut funktioniert. Da drauf bin ich stolz“, sagt Gärtner, der mit Rolle und Serie deutsche Fernsehgeschichte geschrieben hat. Mehr als 30 Jahre hat der heute 75-jährige Gärtner den Privatdetektiv in 300 Folgen der ZDF-Krimiserie „Ein Fall für zwei“ gespielt.

„Ich wollte unbedingt unter Hilpert spielen“

Dass er einmal beim Fernsehen landen würde, zeichnete sich 1966 noch nicht ab, als er am Deutschen Theater unter der Leitung von Heinz Hilpert sein erstes Engagement erhielt. „Ich wollte unbedingt unter Hilpert spielen“, schildert Gärtner in dem nur zur Häfte gefüllten Saal des Alten Rathauses. Die Zuhörer, die gekommen sind, lauschen bei der Moderation durch Ernst Böhme, Leiter des Städtischen Museums, Gärtners Göttinger Anekdoten gespannt. Seine Matula-Lederjacke hat Gärtner daheim gelassen. Er trägt Sakko und ein orangefarbenes Lacoste-Polo-Shirt. Dazu eine Schiebermütze.

„Bei uns kostete das Bier 1,10 Mark.“ Quelle: Niklas Richter

„Wir waren doch Sozialisten“

Geschichten etwa aus dem „Auditorium Minimum“ – jener Kneipe im Papendiek, die Gärtner mit Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben kurzerhand übernahmen, nachdem sich die Betreiber zuvor mit 60 000 Mark aus der Kneipenkasse nach Marokko abgesetzt hatten. „Wir haben ohne Geld zu haben, die Kneipe gemacht“, erinnert sich Gärtner. Und große Gewinne haben sie ausgeschlagen. „Bei uns kostete das Bier 1,10 Mark.“ Sehr zum Ärger der anderen Wirte, dort habe das Bier 1,50 Mark gekostet. „Wir waren doch Sozialisten“, bekennt Gärtner. Das „Auditorium Minimum“ war die Stammkneipe des Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). „Jeden Abend stand bei uns die Polizei vor der Tür.“ Ihr zur Freude hätten sie jede Nacht um kurz vor 1 Uhr die Internationale gespielt.

Schüsse auf Dutschke

Durch die Schüsse auf Rudi Dutschke und die Notstandsgesetze sei er weiter politisiert worden, sagt Gärtner. Irgendwann war die Idee geboren: „Wir verhindern die Auslieferung der Bild-Zeitung in Göttingen.“ Alle aus dem „Auditorium Minimum“ seien frühmorgens zum Bahnhof, wo sie die Lieferung der Bild vermuteten, hätten sich, wie es sich für anständige Revolutionäre gehöre, brav eine damals nötige Bahnsteigkarte gekauft, erzählt Gärtner erheitert. „Um den Bahnangestellten keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.“ Und die Bild-Zeitung? „Die kam gar nicht mit der Bahn, sondern wurde mit dem Lkw geliefert.“

Bier und Roth-Händle ohne Filter im „Auditorium Minimum“

Irgendwann kam dann das Aus für das „Auditorium Minimum“, jener Kneipe, in der Gärtner auch seine erste Frau kennenlernte. „Sie trank Bier und rauchte Roth-Händle ohne Filter. Da wusste ich, das ist die Richtige“, erinnert sich Gärtner.

Die Nachricht, dass das „Auditorium Minimum“ schließt, habe sich per Telefonkette schnell unter der Stammkundschaft verbreitet. „Die haben dann alles leer getrunken“, sagt Gärtner. Er habe alles angeschrieben. „Jupp: 3 Bier. Karl-Heinz: 8 Bier.“ Als die Brauerei am nächsten Tag zum Abschluss 3000 Mark von Gärtner forderte, habe er ihren Vertretern die Bierdeckel in die Hand gedrückt, mit dem Hinweis, dass sie die Schulden ja selbst eintreiben könnten. Unterdessen sammelte Gärtner von seinen Gästen, das ausstehende Geld selbst ein, nahm 800 Mark ein und kaufte dafür einen Viertel Ochsen, der bei einer Party in Bremke verspeist werden sollte. Das nötige Bier luchste er abermals der Brauerei ab. „Wir haben uns als christliche Studenten ausgegeben und um eine Unterstützung gebeten. 17 Kisten Bier hat es gegeben“, sagt Gärtner mit einem Lachen.

Wiedersehen nach 50 Jahren: Gärtner begrüßt seinen Weggefährten Günter Lehmann. Quelle: Niklas Richter

Viel zu schnell, nach nur knapp 40 Minuten endet der Gesprächsabend mit Gärtner. Doch das Ende hat es in sich, als im Publikum der inzwischen emeritierte Professor Günter Lehmann aufsteht und Gärtner daran erinnert, dass die beiden vor 50 Jahren nach Südfrankreich gefahren waren. Gärtners Erinnerungen an die Zeit am Strand, an das Gitarrenspiel kommen wieder. Gärtner kommt von der Bühne, begrüßt Lehmann, umarmt den alten Weggefährten. „Gehen wir noch ins Apex oder Trou“, fragt Lehmann. Gärtner ist nicht abgeneigt.

„Klappe auf! Ausstellung zu 68er Bewegung in Göttingen

Der Abend mit Claus Theo Gärtner war Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung „Klappe auf! Ausstellung zu 68er Bewegung in Göttingen. Über „1968 und seine Folgen“sprechen Reinhard Kahl, Bildungsjournalist und Filmemacher, und Claus Koch, Buchautor, am Sonntag, 19. August, um 15 Uhr im Museum, Ritterplan 7/8. Beide haben sich 1966 im „Aktionskomitee Unabhängiger Sozialistischer Schüler“ in Göttingen erstmals kennengelernt.

Ein Interview mit Claus Theo Gärtner mit dem Göttinger Tageblatt gibt es hier zu lesen.

Von Michael Brakemeier

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