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Regional Compagnia Buffo: Willi Lieverscheidt spielt „Liebe“
Nachrichten Kultur Regional Compagnia Buffo: Willi Lieverscheidt spielt „Liebe“
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13:15 13.06.2018
„Liebe“: Willi Lieverscheidt im Dialog mit dem Stummfilm. Quelle: Schäfer
Göttingen

Das rasante Einmannstück mit geschätzt 20 Rollen spielt Willi Lieverscheidt brillant.

Zur Göttinger Premiere am Donnerstag waren einschließlich Berichterstatter acht Zuschauer gekommen, das Gastspiel hatte sich wohl noch nicht herumgesprochen. Doch das stört Lieverscheidt überhaupt nicht: „Ihr seid so zahlreich, jeder für sich!“ Und so kann er noch intimer mit seinem Publikum Kontakt aufnehmen, es später gar zum doppelchörigen Chorsingen animieren

Ein Herz, von Liebe satt

Worum geht es? Natürlich, wie der Titel verheißt, vor allem um die Liebe in all ihren Spielarten, um einen Fußball-Schiedsrichter, der nur aus Liebe zu Elianita so gut pfeift, aber auch um Eifersucht, um verworrene Verwandtschaftsverhältnisse als Ehehindernis, gar um Mord, um Schiffbrüchige auf einer einsamen Insel, um ein Bordell, in dem der Vater seine totgeglaubte Tochter wiederfindet. Lieverscheidt spielt solo, macht Figuren- und Kasperletheater, leiht den stummen Mitspielern Elianita, Riccardo und Antonio so virtuos seine wandlungsfähige Stimme, dass man sie schon beinahe sprechen sieht. Elianita Gonzales ist die Frau, nach der sich alle sehnen, für die sich die Männer die Hand abhacken, wenn sie es will, nur um sie zu erobern, ja sogar sich selbst töten: „Stirbt hier ein Herz, von Liebe satt, weil Elianita es nicht erhöret hat?“

Sommertheater im Zelt: Die Compagnia Buffo spielt im Cheltenhampark „Liebe“.

Auf dem Plakat ist zu lesen, das Stück stamme von einem gewissen Pedro Camacho. Einen Mann dieses Namens gibt es in der Tat. Doch jener Pedro Camacho ist Komponist von Beruf, Portugiese, Jahrgang 1979. Man darf wohl mit Fug vermuten, dass nicht nur der Spieler, sondern auch der Autor von „Liebe“ Willi Lieverscheidt heißt. Ausgebildet wurde er an der Essener Folkwang-Hochschule und gehörte 1985 zu den Gründern der Compagnia Buffo. Seit einiger Zeit ist er vor allem mit Soloabenden unterwegs.

Elegant und skurril

Lieverscheidt schlüpft in mindestens zehn verschiedene Kostüme, präsentiert sich auch als Zauberer, hier absichtlich ungeschickt, dort verblüffend, er tanzt und hüpft mit einer Beweglichkeit, die man einem 72-Jährigen kaum zutrauen würde. Bisweilen überrascht er mit edlen klassischen Versen, die aus einem Shakespearestück stammen könnten, er schreit, flüstert, singt Opernmelodien, agiert als Dirigent elegant und skurril zugleich – und das alles auf einer Bühne, die kaum größer ist als eine durchschnittliche Studentenbude.

Info

Willi Lieverscheidt spielt „Liebe“ in Göttingen bis zum 23. Juni täglich außer montags um 20 Uhr im Zelt im Cheltenhampark. Eintrittskarten können unter Telefon 01 71 / 4 75 65 84 bestellt werden. Das Stück dauert mit einer Pause etwa zwei Stunden.

Da ist sogar noch Platz für Stummfilm-Kino, auf ein Bettlaken projiziert, in dem Lieverscheidt selbst mitwirkt und dazu live mitspielt, mit den Filmfiguren (auch mit sich selbst) dialogisiert, also die Ebenen vielfach miteinander verschränkt. Das ist faszinierend doppelbödig. Selbstverständlich spielt im Film auch Lieverscheidts Hündin Piccolina mit, die die Buffo-Stammgäste im Publikum schon sehnsüchtig erwartet hatten. Die echte Hündin allerdings (Tochter der Ur-Piccolina), mit der Lieverscheidt jetzt noch bis Ende September auf Tournee ist, hat so viel Angst vor Gewitter, dass Lieverscheidt sie am Premierenabend nicht auf die Bühne lässt, sondern in seinem Wohn-Bus sicher untergebracht hat.

Elementare Bühnenmittel

Die tollkühne Mischung der verschiedensten Genres macht „Liebe“ ungewöhnlich kurzweilig. Eine Parodie der Daily-Soap-Serien kann ja durchaus schon witzig sein, aber Lieverscheidt geht weit darüber hinaus. Er spielt geradezu anarchisch und setzt dabei ganz elementare Bühnenmittel ein: Das ist beinahe Commedia dell’arte. An einer Stelle im Stück sagt er: „Der Puppenspieler macht die ganze Welt.“ Ja, er hat recht.

Von Michael Schäfer

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