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Regional Das Wurstbrot als Kulturkonstante
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17:30 17.07.2011
Sprachjongleur: Jochen Malmsheimer.
Sprachjongleur: Jochen Malmsheimer. Quelle: Pförtner
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Ein Kerl wie ein Baum, eine Stimme wie ein Donnerhall: Malmsheimer hält mit voller Wucht den gesellschaftskritischen Spiegel vor, und das ist absolut wörtlich zu nehmen. Ebenso stimm- wie wortgewaltig zieht er die Zuhörer in seinen Bann. Im Stakkato prasseln die intelligenten, wortwitzigen Salven auf das Publikum ein.

Jochen Malmsheimer ist nicht zum ersten Mal in Göttingen. Margot Blotevogel, Organisatorin des Kultursommers, hatte ihn schon mehrfach engagiert. So finden sich neben „Ersttätern“ auch langjährige Fans des gebürtigen Esseners im Publikum. Sie alle verfallen dem Wortwitz, der ehrlichen Entrüstung und vor allem der gnadenlosen Bosheit des bodenständigen Kumpels von nebenan binnen kürzester Zeit.

Klar, dass dem Wortakrobaten und Sprachjongleur linguistische Wortneuschöpfungen wie „smsn“ („Verben ohne Vokale“) gehörig auf den Geist gehen. Mal poetisch, mal flapsig verpackt er seinen Zorn über triste Zoo-Landschaften („schüchtern vermooste Betonbecken veralgen sanft“) oder die 1906 vom deutschen Frisör Karl Nessler erfundene Dauerwelle („das Nesslersche Fontanellen-Laminat“). Früher war zwar nicht alles besser, befindet Malmsheimer, aber manches war einfach gut. Die „Kulturkonstante“ Wurstbrot beispielsweise. Die Beschreibung dessen, was heutzutage in Bäckereien und Imbissen daraus mutiert, gipfelt in einer kakophonischen Vokal-Symphonie, die die Besucher gleichermaßen aufschreckt wie vor Lachen fast vom Stuhl rutschen lässt.
Lautstark regt sich der Kabarettist über sogenannte Expertenrunden im Radio auf. Im schlichtweg genial gespielten und überzeichneten Dialog zwischen Moderatoren, Experten und Zuhörern beweist er stimmliche Bandbreite und listige Schadenfreude. Malmsheimer lässt erfreulicherweise die Tagespolitik außen vor, macht aber aus seinem Hass gegen Faschisten, heute wie gestern, keinen Hehl. Beate Klarsfeld hätte außer dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger noch viel mehr Nazis „in die Fresse schlagen“ sollen. Die Pause im Programm benötigt der Kabarettist sicher nicht, das lachgebeutelte Publikum allerdings nimmt den Moment des Atemholens dankbar an.

Malmsheimer holt zum Rundumschlag aus: Pseudo-anspruchsvolle Theaterproduktionen („gebundene Sprache erzeugt gefühlte Wichtigkeit“), Reisetagebücher („die mit Abstand langweiligste Textsorte“) und modische Alterserscheinungen bringen ihn in Harnisch („Das Schlimmste am Älterwerden ist, dass man gezwungen wird, beige zu sein“). Sein Göttinger Publikum schätzt der Wahl-Bochumer als „mental alert“ ein, so dass er ihm auch das Zustandekommen des sperrigen wie rätselhaften Programmtitels zumutet.
Was dann folgt, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Malmsheimer steigert sich mit seiner Revolution der Bücher in ein aufwühlendes Finale, explodiert in Wort, Mimik und Gestik und lässt die Besucher nach gut zwei Stunden atemlos und glücklich zurück. Malmsheimer, komm wieder!

Von Christoph Mischke