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Regional Debütantinnenball im Literarischen Zentrum Göttingen
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00:27 28.04.2018
Dritter Debütantinnenball im Literarischen Zentrum Göttingen mit Theresia Enzensberger, Mareike Fallwickl, Jovana Reisinger (v. l.).
Dritter Debütantinnenball im Literarischen Zentrum Göttingen mit Theresia Enzensberger, Mareike Fallwickl, Jovana Reisinger (v. l.). Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Worte brauchen keine großen Säle, es genügt ein Podest, zwei Mikrofone und ein andächtig lauschendes Publikum. Erfreut über die vielen Zuschauer eröffnete Moderator Skorzinski, unter anderem Teil der Organisation „Unabhängige Lesereihe“, den Abend: „Veranstaltungen wie heute, weniger institutionell, haben das Potenzial, wieder mehr Leute dazu zu bewegen, Lesungen zu besuchen statt ins Kino oder Theater zu gehen.“ Dabei gehe es vor allem um Lesungen junger Autoren, die noch keinen greifbaren Stil präsentieren.

„Verlockend gefährlich

Den ersten Tanz zur flippigen Einstiegsmusik wagte Theresia Enzensberger mit ihrem Roman „Blaupause“. Die freie Journalistin wurde 1986 in München geboren und lebt heute in Berlin. Sie erschuf die Protagonistin Luise Schilling, die in den 1920er Jahren Architektur am Weimarer Bauhaus studiert. „In erster Linie war es das Bauhaus, was mich interessiert hat, danach kam ich erst auf die 1920er-Jahre“, so Schilling. Die damaligen Ideologien, Ideen und politischen Ströme seien teils heute noch aktuell, aber „verlockend gefährlich“ zu parallelisieren.

Dennoch schaffe der Roman einen Spagat, der schwierig ist, so Skorzinski. „Ich habe versucht, das Journalistische, wo ich zu Hause bin, mit der Prosa zu vermählen“, erzählt Enzensberger. Im Reportage-Stil beschreibt sie vieles sehr bildhaft, betitelt Glasbauten als Raumschiff oder beschreibt den knirschenden Schnee unter den Füßen.

Das stadtbekannte „Arschlochkind“

Zu Starsailors „In The Crossfire“ übernahm Mareike Fallwickl mit „Dunkelgrün fast schwarz“ den Platz am Pult. Ihr Roman über die Ungleichheit von Freundschaften ist inspiriert von einem wahren Ereignis: „Ich war auf einem Spielplatz und ein vier Jahre altes, stadtbekannte Arschlochkind, kam von der Rutsche und schlug seinem Bruder mit voller Absicht auf den Rücken“, so die Freie Texterin und Lektorin, die 1983 in Hallein nahe Salzburg geboren wurde.

„Da habe ich mich gefragt, ob vier Jahre für die Eltern reichen, ihr Kind zum Arschlochkind zu machen oder ob das angeboren ist. Das Buch ist die fiktive Antwort auf diese Frage.“ Generationsübergreifend und aus unterschiedlichen Perspektiven deckt sie nach und nach die verstörenden Hintergründe der Freundschaft zwischen Johanna, Moritz und Rafael, auf. Wobei Rafael als leere Hülle im Mittelpunkt steht, die von den anderen Protagonisten nach und nach gefüllt wird: „Es ist ein Ikea-Buch, wo man alle Einzelteile zusammen bauen muss, nur dass die Anleitung lesbar ist und am Ende alles passt“, scherzt Fallwickl.

Geschichte einer Frau, die dem Wahnsinn verfällt

Jovana Reisingers leitete ihre Vorstellung mit Paul Youngs „Come Back and Stay“ ein: „Das Lied passt super, in meinem Buch warten eigentlich alle immer auf irgendwas, die Protagonistin auf ihren Mann, der immer nur auf Konferenzen ist und er wartet auf sie, als sie weg ist.“ Die Film- und Fernseh-Studentin aus München erzählt die Geschichte einer Frau, die dem Wahnsinn verfällt. Und sie ist genau das: eine Frau. Sie hat im Gegensatz zu den „random“ -Nebencharakteren keinen Namen und kein Alter: „Ich wollte eine Frau, die ich in ganz vielen Frauenrollen darbieten kann“, erklärt die 29-jährige. „Still Halten“ handle vor allem von zwei Frau-Urbildern: „Die Ich-kann-alles-haben und die wartende Frau, die flexibel, anpassungsfähig ist und keine Personalität hat.“

„Wir achten auf keine konkreten Kriterien. Es muss uns allen Gefallen und wir versuchen natürlich auch eine große Bandbreite abzudecken, also mal ein sarkastischen, ein leichten oder einen heiteren Text“, erklärt Geschäftsführerin Anja Johannsen das Auswahlverfahren.

Von Madita Eggers

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