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Regional „Der Kurzfilm ist eine Visitenkarte“
Nachrichten Kultur Regional „Der Kurzfilm ist eine Visitenkarte“
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18:04 28.11.2011
Viel Film, wenig Privatleben: Laura Fischer. Quelle: EF
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 „Verlangen“ heißt Fischers fünfter Kurzfilm, der gerade Premiere in Celle feierte. Am Sonntag lief er gemeinsam mit zwei weiteren Filmen Fischers im Rahmen des Europäischen Filmfestivals im Lumière in Göttingen. Die Regisseurin war mit Kollegen zu Gast.

Ein Filmtitel wie „Verlangen“ lässt an eine erotisch konnotierte Handlung denken. Aber Verlangen ist auch die deutsche Übersetzung von anorexia, anorexia nervosa die medizinische Bezeichnung für Magersucht. Fischer stellt sich in ihrem neuen Film diesem Thema. Sie erzählt in eindringlichen Sequenzen von einem an einer Essstörung leidenden Mann, gespielt von Axel Schreiber. Gemeinsam haben sie das Drehbuch im vergangenen Jahr geschrieben.

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Mit dem Thema Anorexie bei Männern soll sich auch ein Langfilm beschäftigen, an dem die Regisseurin derzeit arbeitet. Zwei weitere Langfilme sind in Vorbereitung, einer von ihnen wird in Göttingen gedreht werden. Thema hier: Immigration. Der andere soll in Schweden entstehen und in den Kinos zu sehen sein. Fischer ist vielbeschäftigt und -gefragt. Die Gattung Kurzfilm will sie hinter sich lassen: „Der Kurzfilm ist für einen Filmemacher eine Visitenkarte, um andere Projekte realisieren zu können“, so Fischer.

Souverän beantwortet sie die Fragen der Zuschauer und des Moderators, wirkt selbstbewusst und routiniert. Den violetten Schal, den sie und Schreiber tragen, mag man für ein modisches Accessoire halten. Aber Fischer hat ihn umgebunden, weil Violett die Farbe der Hoffnung ist. Sie selbst habe unter Anorexie gelitten, erzählt sie später. Am Anfang einer Therapie höre man oft, dass 99 Prozent nicht geheilt würden. Sie habe sich damals gedacht: „Ich will zu dem einen Prozent gehören, das geheilt wird.“

Ganz bewusst spricht sie heute offen über die Krankheit. „Weil sich unser Film gegen die Tabuisierung wendet, will ich auch selbst dazu stehen, von der Krankheit betroffen gewesen zu sein“, sagt sie. Manche, die sie kannten, hätten erst auf der Filmpremiere in Celle davon erfahren. „Weil ich auch Angst davor hatte“, gesteht sie. Viele Freunde hätten sich von ihr abgewandt, als sie von einer psychischen Krankheit hörten. Mit ihrem Film wendet sich Fischer auch an andere Betroffene. Sie habe zeigen wollen, „dass das Leben schön und lebenswert ist, wenn man sich selbst liebt und geliebt wird“.

Heute geht es der jungen Frau wieder besser. Nach Köln ist jetzt Belin-Kreuzberg ihre Wahlheimat. „Hier gibt es fast schon zu viele Möglichkeiten“ sagt sie schmunzelnd. Göttingen ist für sie nicht mehr der Hauptbezugspunkt, aber ganz der Berliner Kunstszene will sie sich auch nicht verschreiben. „Ich will ein Leben auch ohne den Film haben“, sagt sie. Darum habe sie in Berlin ganz bewusst auch Freunde, die gar nichts mit dem Film zu tun hätten. Manche wüssten gar nichts Genaueres über ihre Projekte. „Mit diesen Freunden will ich auch gar nicht über Filme sprechen.“

Und die persönlichen Wünsche für die Zukunft? Da muss Fischer nicht lange überlegen. Seit zwei Jahren arbeite sie nur, habe bei 14-Stunden-Tagen am Set kaum ein Privatleben. Das sei zwar ein Muss, wenn man eine Karriere als Filmemacherin anstrebe. Aber sie wünsche sich, dass sich daran etwas ändere – obwohl sie noch nicht wisse, wie.

Von Telse Wenzel