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Regional Der perfekte Moment – total verpennt
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20:04 24.09.2019
Ronny Thalmeyer als Horst Evers im DT-Keller. Quelle: Haneef Baloch
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Göttingen

Horst wird frühmorgens durch ein schrilles Telefonklingeln aus dem Schlaf gerissen, greift sich schlaftrunken die Vase vom Nachttisch und leert sie über seine Kleidung. Ein Nachbar ruft durch die hellhörigen Wände, wo er das Telefon in dem Chaos von Horsts Wohnung vermutet. Als der endlich unter der Dreckwäsche fündig wird, meldet sich Monika und macht mit ihm Schluss. Die Pointe: Horst kennt gar keine Monika, bringt aber die Energie nicht auf, sie zu unterbrechen.

Diese erste Szene des Abends mit dem Titel „Der perfekte Moment – total verpennt“ ist vielsagend. Sie definiert nicht nur das Umfeld, in dem sich der Abend in großen Teilen bewegt, sowie die trübe Geisteshaltung des Protagonisten, sondern auch in etwa das Humor-Niveau. Die Texte stammen aus der Feder des Kabarettisten Horst Evers. Der aus Funk- und Fernsehen hinlänglich bekannte gebürtige Diebholzer, dem seine Fans lakonischen Humor unterstellen, hat sich in einigen seiner Texte mit der Frage beschäftigt, wie man ein Leben unter Vermeidung jedweder Motivation absolvieren kann.

Wiederkehrende Stereotype

Die Göttinger RegisseurinJohanna Schwung konzipierte in ihrer erst zweiten Arbeit daraus einen 80-minütigen Soloauftritt für Ronny Thalmeyer. Dessen Aufgabe ist nicht einfach. Schließlich gilt es, dem ereignislosen Leben eines antriebsschwachen Schlaffis etwas Sehens- und Hörenswertes zu entlocken. Die Evers-Texte liefern dabei eine nicht immer optimale Vorlage, denn die stereotypen Bausteine wiederholen sich in den einzelnen Szenen doch ein bisschen zu oft.

So scheitert die auf der Bühne im grauen Jersey-Einteiler gekleidete Figur namens Horst beispielsweise ermüdend regelmäßig daran, den Wohnungsschlüssel einzustecken, bevor die Tür ins Schloss fällt. Auch wird der Antiheld in seinen Schilderungen erstaunlich oft in Unterhose beschrieben – mal im Wohnzimmer des Nachbarn, mal im Waschsalon oder auf der winterlichen Straßenkreuzung.

Mit dem Fuß in der Pizzaschachtel

Eine immer wieder gern benutzte Symbolik für die Antriebslosigkeit eines Mannes ist bei Evers schließlich der Zustand seiner Wohnung, genauer die Lagerung von Dingen und unerledigten Aufgaben auf dem Fußboden seines Wohnzimmers. Hier liegen Stapel von Büchern, Belege, Steuererklärungen, alte Umzugskartons oder teilentleerte Pizzaschachteln, in die der arme Horst natürlich hineintreten muss, weil das die Tradition des deutschen Humors offenbar so vorsieht.

Oder weil es sonst vermutlich einfach nicht abendfüllend wäre, einem Typen beim Nichtstun zuzusehen. Nein, ganz nichts ist es nicht. Horst gründet immerhin beinahe ein Busunternehmen, er baut ein inniges Verhältnis zu einem harten Brötchen auf, löst seine Verdauungsprobleme mit Hilfe von bewaffneten Sicherheitskräften und geht sogar einmal mit seiner Tochter auf den Flohmarkt. Solche Textpassagen erhalten vor allem durch Thalmeyers Darstellung Erinnerungswert.

Ballerndes Finale

Das langjährige DT-Ensemble-Mitglied monologisiert, lamentiert und interagiert sich sehenswert durch den Abend im Keller des Hauses. Letzteres sehr zur Freude der anwesenden Zuschauer. Mal gibt es frisch zubereitetes Popcorn für alle, dann Handshake und schließlich auch noch ein lustiges Ballspiel. Das Finale. Der „VfL Boah bin ich kaputt“ spielt gegen die Herausforderer vom „1. FC Horst, jetzt reiß dich aber mal zusammen“. Thalmeyer feuert abwechseln einen gelben Luftballon oder eine lustige Spielszenenbeschreibung ins Publikum. Eine Zuschauerin bekommt den Ball direkt ins Gesicht. Gelächter. Deutscher Humor.

Der anschließende Applaus ist lang anhaltend und beantwortet die Frage, ob Nichtstun wirklich abendfüllend ist, mit einem klaren: Für Menschen, die Horst Evers mögen, offenbar schon.

Von Markus Scharf

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