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Regional Zwei Filme, zwei Musikkonzepte
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14:00 25.03.2019
Das Neue Ensemble interpretiert musikalisch einen surrealistischen Film von Man Ray. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Kurz ist der Film, den der US-Amerikaner Man Ray 1928 gedreht hat. „L’etoile de mer“ heißt das Werk, übersetzt „Der Seestern“. Ein solches Tier spielt eine tragende Rolle in dem Werk – so weit das zu erkennen ist. Denn ein Großteil der Filmbilder flimmert sehr unscharf über die Leinwand. Das allerdings ist kein technischer Mangel, sondern Programm.

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Regisseur Man Ray zählte zu den virulentesten Künstlern des Surrealismus. Die Vertreter dieser Avantgarde, die ihre Hochzeit in den 1920er-Jahre hatte. Ein wesentliche Bestrebung der Surrealisten, zu denen beispielsweise der Deutsche Max Ernst und der Spanier Dalí gehörten, war es, das Unterbewusstsein künstlerisch sprechen zu lassen. Dabei experimentierten sie auch mit Traum- und Erinnerungsbildern, die im Laufe der Zeit an Schärfe verlieren können.

Zeitgenössische Klänge

Dieser Bildunschärfe stellte das Neue Ensemble heißt so, weil es sich seit mehr als 25 Jahren um Neue Musik, um zeitgenössische Klänge verdient macht. Den unscharfen Filmbildern stellten die Musiker um den künstlerischen Leiter Stephan Meier unscharfe Rhythmen entgegen. Atmosphärisch sehr dicht schaffte das Ensemble es bruchlos, die flimmernden (Erinnerungs-)Bilder mit einer weiteren Dimension zu versehen. Ein bemerkenswertes optisches, und durch die Klasse des Neuen Ensembles eben auch akustisches Erlebnis.

Der zweite Teil des Abends war einem Stummfilm-Klassiker gewidmet. Buster Keatons Meisterwerk „Der General“ lief über die Leinwand auf der großen Bühne des Deutschen Theaters. Und das Neue Ensemble lieferte das, wofür in den Anfangszeiten des Films ein Pianist zuständig war – musikalische Begleitung, live gespielt.

„Der General“ gilt als größter Film des Stummfilm-Komödianten Buster Keaton, Film und Schauspieler-Regisseur Keaton gleichermaßen legendär. „Der General“ zähle zu den 100 größten Filmen der Geschichte, berichtete Lumière-Geschäftsführerin Telke Reeck zur Begrüßung. Protagonist des Films ist Johnnie Gray. Der Lokomotivführer will als einer der ersten in den Krieg ziehen, um seiner Angebeteten Annabelle Lee zu imponieren. Im Rekrutierungsbüro wird er allerdings abgewiesen. Als Lokomotivführer sei er wichtiger, befinden die Rekrutierer. Doch als Spione der Nordstaaten sein „General“ stehlen, folgt er ihnen, befreit seine geliebte Annabelle, erobert seine Lokomotive zurück und entscheidet ganz nebenbei noch die Schlacht für die Südstaaten.

Viele Freiheiten

Bei der musikalischen Begleitung orientierte sich das Neue Ensemble an der Komposition „In C“ von Terry Riley, ein Werk, das den Musikern viele Freiheiten gibt. Sie bestehe nur aus einem Blatt, erklärte der künstlerische Leiter Meier, die Anzahl der Musiker sei variabel und alles auf Improvisation ausgerichtet. Diese Vorgaben nutzte das Neue Ensemble bravourös. Die Musiker verstärkten dramatische Wendungen mit viel Spielfreude und Eleganz. Ein sehr unterhaltsamer Abend, für den das Publikum sehr viel Beifall spendete.

Von Peter Krüger-Lenz