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Regional Deutsches Theater in der Lokhalle: Goethes kompletter „Faust“
Nachrichten Kultur Regional Deutsches Theater in der Lokhalle: Goethes kompletter „Faust“
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19:38 29.09.2013
Geldscheine wirbeln durch die Luft: Gerd Zinck, Meinolf Steiner, Florian Eppinger, Ronny Thalmeyer, Andreas-Daniel Müller, Andreas Jeßing, Angelika Fornell und Vanessa Czapla  (von links). Quelle: Müller
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Göttingen

Wahrscheinlich eine seiner Shakespeare-Produktionen, mit denen er bislang meist die Spielzeiten eröffnete. Jetzt ist es ihm gelungen, allerdings nicht mit einer Shakespeare-Komödie, sondern mit einem der größten Welttheater der Geschichte. Zurmühle inszenierte Goethes „Faust“ komplett, das heißt „Der Tragödie erster und zweiter Teil“.

Premiere war am Sonnabend, ein gut vierstündiger Abend in verschiedenen Räumen in der Lokhalle und für Zurmühle gleich eine doppelte. Denn für ihn war es die erste Inszenierung eines Goethe-Stücks. Ein wenig Ehrfurcht merkt man der Produktion an.

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Goethe hat einen Großteil seines Lebens am „Faust“ gearbeitet. Dementsprechend viel Weltwissen und Vision steckt in dem Stoff. Zurmühle und Chef-Dramaturg Lutz Kessler haben nach eigenen Angaben nur sehr vorsichtig gekürzt und der Dramendramaturgie vollkommen vertraut. „Da ist nichts falsch“, hatte Zurmühle im Vorfeld bekundet.

Recht hat er und viel Vertrauen. Er vertraut auf den Goethe-Text, der vier Stunden lang tragen soll, das erweist sich am Premierenabend akustisch als Problem. Und er vertraut auf sein Ensemble. Und damit liegt Zurmühle richtig.

Mit großartiger Verspieltheit

Florian Eppinger ist ein sehr männlicher, sehr präsenter Faust, weniger der intellektuelle Gelehrte als ein Getriebener. Barfüßig durchpflügt er oft zweifelnd die Welt von der Antike bis in die Gegenwart. Und diesen Mann voll Geistesgröße soll Mephisto prüfen.

Allerdings nicht auf seine Treue und Liebe zu Gott. Sein Arbeitseifer, seine Nützlichkeit, sein Drang nach Erkenntnis sollen auf die Probe gestellt werden. „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!“

Spricht Faust diesen Satz, so verebbt sein Streben, dann gehört er Mephisto. Den gibt Meinolf Steiner mit großartiger Verspieltheit, mit Ruhe und Dynamik, mit Größe und der Größe, sich auch zurückzunehmen. Ein eigenwilliger und sehr würdiger Mephisto.

Die acht anderen Akteure – Vanessa Czapla, Angelika Fornell, Marie-Kristien Heger, ­Andreas Jeßing, Michael Meichßner, Andreas Daniel Müller, Ronny Thalmeyer und Gerd Zinck – spielen diverse Rollen, manchmal chorisch, manchmal einfach im Hintergrund, immer wieder ganz stark und berührend wie Heger das Gretchen, Thalmeyer den Kaiser oder Fornell die Marthe.

Nicht aus dem Vollen schöpfen

Dieses Ensemble führt bombensicher durch einen ziemlich wilden Abend, der auch von einem guten Rhythmus zwischen Intimität und Masse lebt. Hier wird in trauter Zweisamkeit die Liebe verhandelt, aber auch durch den Karneval getobt. Hier explodieren Granaten, eine Kirche brennt. Viele Geldscheine wirbeln durch die Luft.

Und da man nicht im Stammhaus ist, musste also der Aufwand reduziert werden. Zurmühle spricht von „armem Theater“, entsprechend der Arte Povera in der Bildenden Kunst. Die Kostüme, entworfen von Ilka Kops, sind oft reduziert auf weißes Hemd und schwarze Hose. Auch Bühnenbildnerin Eleonore Bircher konnte nicht eben aus dem Vollen schöpfen.

Doch einen wirklich grandiosen Einfall verdankt ihr die Produktion. Von der Decke hängt ein schwerer Sack. Ziemlich zu Beginn stößt jemand ein Loch hinein. Fortan rieselt hier feiner Sand heraus und türmt sich zu einem Hügel. Hier verrinnt Zeit. Das lässt sich nicht treffender bebildern.

Großer Abend

Albrecht Ziepert ist der musikalische Leiter der Produktion. Er hat für diese Fülle einen Soundtrack geschrieben, der sehr atmosphärisch den Spagat wagt zwischen elektronischen Klängen, Geige und der schönen Stimme Hegers. Die Musik füllt die Räume, die Stimmen der Schauspieler füllen ihn oft nicht.

Sie verfügen über Mikrophone, doch zumindest bei der Premiere ist das gesprochene Wort immer wieder kaum zu verstehen. Die hallenartigen Räume, in denen Spielorte immer wieder wechseln, sind nur ganz schwer zu beschallen.

Dennoch: Vier Stunden „Faust“ sind natürlich nicht im Vorbeigehen zu konsumieren. Doch ein tolles Ensemble, eine Regie mit Gespür für Tempo, Raum, Wort und Geschehen und viel Atmosphäre machen den Abend groß.

Die nächsten Vorstellungen: 1., 4., 7., 8., 10., 11., 14., 16., 17. und 18. Oktober um 19 Uhr, am 20. Oktober bereits um 16 Uhr in der Lokhalle an der Bahnhofsallee. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11

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