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Regional Deutsches Theater tourt mit "Der Theatermacher" im ländlichen Raum
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17:11 10.07.2013
Was mache ich hier nur? Staatsschauspieler Bruscon (Paul Wenning) in der Provinz.
Was mache ich hier nur? Staatsschauspieler Bruscon (Paul Wenning) in der Provinz. Quelle: dpa
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Witzenhausen

Jedes Wort, jede Geste drückt nur Verachtung aus. Langsamen Schrittes, mit abschätzendem Blick, betritt der Staatstheaterschauspieler Bruscon (Paul Wenning) den kleinen Saal des Wirtshauses. Innerlich sträubt er sich. Er hat die großen Bühnen dieser Welt hinter sich gelassen und tourt nun durch die Provinz. Schlimm genug. Doch das hier, dieser kleine, staubige Saal, „als ob die Zeit stehen geblieben wäre“, das ist alles zu viel für ihn. Wütend presst er „Utzbach“, so heißt das Dorf, in dem er nun spielen soll, zwischen den Zähnen hervor. Dann folgt ein erneuter cholerischer Anfall. Wäre das nicht alles Theater, man wäre schockiert von so viel Arroganz und Spott. Denn es passt alles zusammen: Keine Bühne eines großen Schauspielhauses dient als Kulisse, sondern ein schummriger Saal der Musikkneipe. Im Publikum sitzen 60 Zuschauer, die Vorstellung ist ausverkauft. Und vor der Tür ist Provinz. Authentischer geht es nicht. Und ironischer auch nicht.

Reihe „DT auf Abwegen“

Mit dem „Theatermacher“ tourt das DT seit gut zwei Jahren durch Südniedersachsen und, wie an diesem Tag in Witzenhausen, Nordhessen. Es ist Teil der Reihe „DT auf Abwegen“, bei der das Theater mit drei Stücken im Repertoire in Gaststätten, Galerien und Boutiquen gastiert – womit jede Aufführung in authentischer Umgebung stattfindet. Die Idee zu dem Projekt kam vor drei Jahren. „Wir wollten raus aus dem Theater und neue Wege erschließen“, sagt Michaela Oswald, verantwortlich für die Organisation und Planung von „DT auf Abwegen“.
Ziel war es, ein größeres Publikum zu erreichen. „Viele auf dem Land sind nicht mehr so mobil, um für einen Abend in die Stadt zu kommen“, erklärt Oswald. Anderen fehle der Bezug zum Theater. „Mit unseren Stücken wollen wir möglichst viele Leute ansprechen.“ Erwünschter Nebeneffekt: Werbung im Landkreis für das Deutsche Theater.

Aufführungen auf dem Land steigen

Was für das DT vor wenigen Jahren als Experiment begann, ist für die Landesbühnen in Niedersachsen seit Jahrzehnten Hauptbestandteil ihres Geschäftes: Theater in den ländlichen Raum bringen. Auch sie haben das Ziel, Theater einer breiteren Masse zu präsentieren. „Alle Bürger sollen vergleichbare Lebensbedingungen haben, und bezogen auf den kulturellen Bereich, versuchen wir, dafür zu sorgen“, sagt Jörg Gade, Intendant des Theaters für Niedersachsen. Gade ist sich sicher, dass die Bedeutung von professionellen Aufführungen auf dem Land steigen wird. „Mit Blick auf den demografischen Wandel werden Landesbühnen immer wichtiger“, sagt er. Denn viele Besucher wollten gar nicht in die nächste Großstadt fahren, um Kultur zu haben. „Sie wollen vor Ort ein lebendiges Angebot“, sagt Gade. Eine Beobachtung, die auch Oswald teilt: „Die Leute freuen sich, ein Ereignis zu haben, bei dem sie andere treffen, die sie sonst nicht so oft sehen.“

Von Christopher Piltz