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Regional Die Deutschen kriegen ihr Fett weg – die Türken auch
Nachrichten Kultur Regional Die Deutschen kriegen ihr Fett weg – die Türken auch
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11:33 01.03.2010
Ein forscher Typ: Kerim Pamuk.
Ein forscher Typ: Kerim Pamuk. Quelle: Pförtner
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Wenn sein Programm gefällt, soll es gefälligst auch ordentlich beklatscht werden. Wenn nicht können sich die Besucher des Apex auf einen unangenehmen Abend gefasst machen. Pamuk will dann osmanische Lyrik aus dem 15. Jahrhundert lesen, drei Stunden lang – im Original bei abgeschlossener Tür. „Vor halb drei morgen früh kommt hier dann keiner raus.“

Das sitzt. Pamuk, ein forscher und durchaus strenger Typ in Jeans und grauem Hemd, muss sich um mangelnden Applaus an diesem Abend jedenfalls keine Sorgen mehr machen. Er kann sich ganz entspannt seiner Lesung widmen. „Allah verzeiht, der Hausmeister nicht“, heißt sein neues Buch, in dem er einen orientalischen Blick wirft auf alles, was uns Deutschen lieb und teuer ist. In seinem Kulturführer befasst er sich zum Beispiel mit Haustieren. Für die tun seine deutschen Freunde alles. Sie gehen zur Spielgruppe, zum Friseur, in die Schule, genießen eine engmaschige Gesundheitsversorgung, denn der Mensch kann enttäuschen, das Tier nicht. Der Türke kennt bei Tieren nur drei Kategorien: essbar (Schaf, Ziege, Kuh), unrein, also nichts fürs Haus (Hund und Katze) und wild (Tiger, Löwe und Co), nur bekannt aus TV-Dokumentationen. „Alle drei Tiergruppen genießen dieselbe Achtung, nämlich keine.

Kunst ist auch so ein Thema. Bei einer sparsam betupften Leinwand fragt sich ein Türke: „Hatte der Maler kein Geld oder keine Zeit für mehr Farbe?“. Der Deutsche steht hingegen schweigend vor so einem Bild, bis er den höheren Sinn erfasst. Oder die Liebe: Ein verknallter Deutscher stellt sich viele Fragen: Kann ich meinen Gefühlen trauen? Kann ich mir das finanziell auch leisten? Will ich mich mit Anfang 40 schon so fest binden? Ein verliebter Türke strahlt über alle Goldzähne, knöpft sich das Hemd bis zum Bauchnabel auf und geht aufs Ganze. Und schließlich das Essen: Der Orientale isst, weil’s schmeckt – mit viel Fett bei grellem Licht mit der Großfamilie. Der Deutsche lässt sich bei schummriger Beleuchtung zu zweit den Gaumen streicheln, will inspiriert werden und achtet auf eine gute Verdauung. Fazit: Die Deutschen kriegen ihr Fett weg, die Türken auch.

Etwas langatmig gerät schließlich die Diskussion um Religion im zweiten Teil des Abends – trotzdem mehr als höflicher Applaus. Am Ende gibt es noch ein wenig Comedy und tosenden Applaus. Die Türen bleiben also offen, es folgt keine Lyrikfolter. Was bleibt ist ein zufriedenes Publikum und somit ein zufriedener Autor.

Von Eida Koheil

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