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Regional „Die Jungfrau von Orleans“ von Schiller am Deutschen Theater Göttingen
Nachrichten Kultur Regional „Die Jungfrau von Orleans“ von Schiller am Deutschen Theater Göttingen
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19:23 23.03.2014
Von Peter Krüger-Lenz
Körperlich sehr anstrengend: Vanessa Czapla spielt Johanna von Orleans. Quelle: Bröer
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Göttingen

Auch so kann man sich einem Inhalt nähern. Theaterpuristen werden bitter beklagen, dass die schönen Schiller-Worte einer Alltagssprache weichen mussten.

Andere Theatergänger werden über den neuen Ansatz grübeln. Das hat schon die Premiere der Produktion am Sonnabend gezeigt. Martin Laberenz, Jahrgang 1982, mit Engagements an großen Häusern in Deutschland, hat das Stück inszeniert.

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Wenn das Publikum den Theatersaal betritt, laufen die Schauspieler schon über die Bühne. Sie plaudern miteinander, dehnen sich, setzen sich hin und stehen wieder auf. Dann kommen einige an den Bühnenrand, das Spiel beginnt. Johanna (Vanessa Czapla) soll sich einen Ehemann ausgucken – aus dem Publikum.

Mitten im Geschenhen

Vielleicht den in einer der ersten Reihen, der so nett schaut, schlägt ihr Vater (Florian Eppinger) vor? Oder den mit dem Finger an der Wange? Und schon sind die Theaterbesucher drin im Geschehen. Sie müssen  nicht agieren, aber klar ist, dass das, was auf der Bühne passiert, jeden angeht. Behauptet der Regisseur.

Laberenz hat einen starken Fokus auf die Suche nach Authentizität gelegt. Er geht der Frage nach, welche Rollen Johanna von außen zugewiesen bekommt und welche sie sich selbst gibt. Wer ist sie denn eigentlich? Der Vater will sie verheiraten, zwei Edelleute buhlen um ihre Gunst. Für den König ist sie die Lichtgestalt, die Rettung bringt.

Für die meisten Engländer ist sie die furchtbare Feindin, für einen die große Liebe. Johanna selbst kämpft wie ein Mann und sieht sich als Auserwählte. Solange, bis sie die Illusion zerstört. Bis sie den Mummenschanz durchschaut.

Nackt auf der Bühne

Um das zu schildern, hat der renommierte Bühnenbildner Volker Hintermeier den Schauspielern wenig an die Hand gegeben. Eine Menge abgesägter Äste und Stämme hat er auf die Bühne geworfen. In diesem Haufen laufen die Akteure umher, es ist ihr Schlachtfeld. Verletzungen an den Beinen und blaue Flecken holen sich hier alle. Später stehen zwei Schauspieler lange nackt auf der Bühne und kommen sich dabei sehr nahe. Schauspielern und Publikum wird einiges abverlangt.

Eine Hälfte lang funktioniert das Spiel zwischen Frankreich und England, zwischen Johanna und dem Rest der Welt, zwischen Schiller und Improvisation. Wunderschöne, urkomische Szenen wechseln sich ab mit viel Drama und Dramatik. Vieles ist wild und ungestüm, manches zart und berührend.

In der zweiten Hälfte dann ist schlicht vieles zu gedehnt. Die einen balgen zu lange, die anderen tummeln sich zu ausgiebig im Paradies. Improvisationen, die noch in der ersten Hälfte locker fließen, holpern jetzt und kommen über Wiederholungen nicht hinaus. Hier hat ein Regisseur sein Ensemble alleine gelassen. Schade, es hätte ein wirklich bemerkenswerter Abend werden können.

Begeisterter Beifall

Das Publikum bedachte die sehr präsenten Schauspieler  Vanessa Czapla, Meinolf Steiner, Florian Eppinger, Gerd Zink, Andreas Jeßing, Moritz Pliquet und Denia Nironen mit begeistertem Beifall, das Regieteam zum ersten Mal seit langem auch mit zahlreichen Buhrufen. Hinterher wurde eifrig diskutiert. Und wenn das passiert, kann nicht alles schlecht gewesen sein.

Weitere Vorstellungen: 27. März sowie am 1., 9., 11. und 28. April um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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