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Regional Blutige Rache für rassistische Morde
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12:22 22.11.2017
Katja (Diane Kruger) ist in Fatih Akins neuem Film "Aus dem Nichts" auf Rache aus
Katja (Diane Kruger) ist in Fatih Akins neuem Film "Aus dem Nichts" auf Rache aus Quelle: epd
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Zerrissenes Leben

„Aus dem Nichts“

Von Stefan Stosch

Katja hat die junge Frau genau gesehen, die das Fahrrad vorm Büro ihres Mannes abgestellt hat. Sie hat ihr zugerufen, sie möge ihr Gefährt besser abschließen in dieser Hamburger Gegend, sonst werde es geklaut. Nicht nötig, sie sei nur kurz weg, hat die Frau geantwortet und sich dann schnell verdrückt. Und von diesem Moment an in Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“ befürchten die Zuschauer, dass Gefahr droht.

Ein besitzloses Fahrrad in einer Geschäftsstraße mit vielen türkischstämmigen Bewohnern? Genau so ist es doch passiert am 9. Juni 2004 vor einem Friseurgeschäft in der Keupstraße in Köln-Mülheim. Auf dem Gepäckträger war eine ferngesteuerte Nagelbombe platziert. 22 Menschen wurden damals bei der Detonation verletzt, einige schwer. Erst mehr als sieben Jahre später wurde der Anschlag der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet. Bis dahin sprach die Polizei von den „Döner-Morden“.

Als Katja (Diane Kruger) am Abend zurückkommt, zuckt überall Blaulicht, die Straße ist abgesperrt hinter rot-weißen Bändern, die Polizei sichert den Tatort und will niemanden durchlassen. Katja rennt trotzdem in dunkler Vorahnung los und muss mit Gewalt gestoppt werden. Ihr Mann Nuri (Numan Acar, sonst gerne als Terrorist besetzt, etwa in der Serie „Homeland“) und ihr kleiner Sohn Rocco sind tot. Die Explosion hat Katjas Leben zerrissen.

In knappen, präzisen Skizzen haben wir zuvor gesehen, wie Katja sich ihre Existenz aufgebaut hat, gedreht im Stil von privaten Familienvideos: Ihren Mann Nuri, einen Haschisch-Dealer, hat Katja noch im Knast geheiratet. Dann haben die beiden zusammen neu angefangen, die tätowierte Blonde in den schwarzen Klamotten und ihr Ehemann mit krimineller Vergangenheit, der jetzt mit einem Übersetzungsbüro sein Brot verdient. Sohn Rocco ist ein kleiner, zugewandter Junge mit Brille und Geige. Die Geschichte einer erfolgreichen Resozialisierung: Diese Kleinfamilie ist nicht so viel anders als andere auch, egal, was früher gewesen sein mag.

Und was tun die Ermittler? Sie durchforsten Katjas Haus auf der Suche nach Verbindungen zum Drogen- und Rotlichtmilieu. Sie vermuten die Täter im kurdisch-türkischen Umfeld. Sie behandeln Katja so, als sei sie selbst schuld. Mit so einem Gatten müsse man mit allem rechnen. Und wie, bitte, haben Katja und ihr Mann die Raten für ihr Eigenheim aufbringen können? „Mein Mann hat niemanden umgebracht. Er wurde umgebracht“, sagt die immer blasser werdende Witwe. Aber niemand hört ihr zu, nicht einmal ihre eigenen Eltern stehen hinter ihr.

Bis dahin kann man Fatih Akins Drama voll und ganz folgen –  was auch an Diane Kruger in ihrer ersten deutschsprachigen Kinorolle liegt. Sie hat bislang in Hollywood und Frankreich gedreht. Mit diesem Auftritt sicherte sie sich in Cannes verdient die Darsteller-Palme.

Ihre Katja ist umhüllt von stiller Verzweiflung. Beinahe stumm versinkt sie in ihren Schmerz und kuschelt sich nachts in die Bettwäsche ihres Sohnes. Aber da ist auch eine letzte Entschlossenheit in ihr, ihre Familie nicht in den Dreck ziehen zu lassen. Sie will Gerechtigkeit, soweit das eben möglich ist.

Dann geht überraschend schnell, was in der Wirklichkeit so lange gedauert hat und mit dem Prozess gegen Beate Zschäpe immer noch andauert: Ein rechtsextremistisches Pärchen wird verhaftet. Fatih Akin, der sonst so dynamische Regisseur, zieht vor Gericht. Er lässt in seinem mit Hark Bohm verfassten Drehbuch Anwälte und Richter anscheinend glasklare Beweise drehen und wenden und geht in die Details, als wäre das hier ein Fall für einen Gerichtsfilm – bis das Pärchen zum Entsetzen Katjas freigesprochen wird.
Als Zuschauer reibt man sich verblüfft die Augen: Wäre so eine Entwicklung bei dieser erdrückenden Faktenlage tatsächlich möglich? Oder biegt Akin den Fall zurecht, damit Katja wieder die Freiheit zum Handeln erhält? Hält es Akin einfach nicht mehr aus in diesen miefigen Räumen und bricht deshalb auf ans weite griechische Meer?

Mit dem überraschenden Freispruch verliert „Aus dem Nichts“ jedenfalls seine politische Dringlichkeit. Bis eben war „Aus dem Nichts“ für Fatih Akin, den Sohn türkischer Eltern, noch eine sehr persönliche Angelegenheit, so wie die meisten seiner Filme. Nun trifft er wieder seine Entscheidungen als Regisseur, dem das große Drama inklusive einer reichlichen Portion Tragik wichtiger ist als die Rücksichtnahme aufs Wahrscheinliche.

In drei Kapitel hat Fatih Akin seine Geschichte unterteilt. Sie heißen „Die Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Das Meer“. Der Mittelteil im Gericht ist sicher der schwächste davon – und der letzte Teil der fragwürdige. Katjas Verzweiflung verwandelt sich in grenzenlose Wut und Hass. Sie wird zur Rächerin in eigener Sache. Jeder Zuschauer muss für sich selbst entscheiden, wie weit er bereit ist, Katjas Weg zu gehen.

„Aus dem Nichts“, Regie: Fatih Akin, 106 Minuten, FSK 12 Cinemaxx, Feilenfabrik Duderstadt,Kinowelt Herzberg, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden
Vom „Troja“-Star zur Charakterdarstellerin: Diane Kruger

Als sie in Wolfgang Petersens Monumentalfilm „Troja“ (2004) die schöne Helena war, und über Nacht zum Star wurde, wusste man noch nicht so recht, was man von der schönen Blonden aus Algermissen halten sollte. Auch in der Comicverfilmung um den Rennfahrer „Michel Vaillant“ (2003) machte Diane Kruger vorrangig optisch Eindruck. Aber schon in Paul McGuigans Mysterydrama „Sehnsüchtig“ (2004) überzeugte sie durch nuanciertes Schauspiel.

Kruger spielte sowohl in großen Blockbustern wie Jon Turteltaubs „Das Vermächtnis der Tempelritter“ (2004) als auch in Low-Budget-Filmen wie „Frankie“ über ein Model in der Psychatrie. Sie stand für Bille August („Goodbye Bafana!“, 2007) vor der Kamera, für Tarantino („Inglourious Basterds“, 2009) und für Brad Furman („The Infiltrator“, 2016). 2013 machte  sie mitder Thrillerserie „The Bridge – America“   (US- Version der Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“) Furore. Die Rolle der Polizistin Sonya Cross betrachtete sie als „den vielschichtigsten Charakter, den ich je spielen durfte“.

Derzeit läuft in französischen Kinos der Thriller „Tout nous separé“, in dem sie neben Catherine Deneuve zu sehen ist. Drei weitere Filme sind in Vorbereitung oder Produktion. Big

Ein Gutbär hat’s schwer

„Paddington 2“

Von Jörg Brandes

Von der Menschlichkeit des Bären Paddington kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden. Der putzige Petz verfügt über ein großes Herz, sucht und findet meist das Gute in anderen. Darüber hinaus hat er tadellose Manieren. Trotzdem ist er kein Langweiler. Davon zeugt schon der immense Erfolg seines Leinwanddebüts vor drei Jahren, in dem der auch etwas tollpatschige Pelzträger bei der Londoner Familie Brown ein neues Zuhause fand.

Nun will der inzwischen bestens integrierte Paddington seiner Tante Lucy zu deren 100. Geburtstag ein Aufklapp-Bilderbuch mit Londoner Sehenswürdigkeiten ins ferne Peru schicken. Doch bevor er das Geld dafür zusammengejobbt hat, wird das Werk gestohlen. Und zwar vom narzisstischen Schauspieler und Selbstdarsteller Phoenix Buchanan (selbstironisch: Hugh Grant), der weiß, dass sich in dem Buch Hinweise auf ein Schatzversteck finden. Als Hauptverdächtiger muss indes Paddington Dufflecoat und Schlapphut gegen gestreifte Gefängniskluft tauschen. Während er nun erstmal für eine angenehmere Knastatmosphäre sorgt, kommen seine Adoptiveltern Mary und Henry (Sally Hawkins, Hugh Bonneville) dem wahren Täter auf die Spur.

Erneut ist Paul King ein harmonischer Familienfilm gelungen, bei dem die humorigen Momente ebenso toll funktionieren wie die gefühligen. Vor Paddingtons tapsiger Gutherzigkeit (und seinen leckeren Orangenmarmelade-Sandwiches!) muss sogar der hartgesottene Knastkoch Knuckles McGinty (bärbeißig: Brendan Gleeson) die drohend erhobenen Küchenutensilien strecken. Dabei wirkt das Gutbärentum des perfekt animierten und von Elyas M’Barek gesprochenen Titelhelden nie aufgesetzt, sondern absolut wahrhaftig.

Mit seinen ins Märchenhafte verfremdeten Kulissen ist „Paddington 2“ auch optisch ein Genuss. Das visuelle Highlight ist eine zauberhaft animierte Sequenz, in der der Bär mit seiner Tante in Gedanken in die Welt des Pop-up-Buches eintaucht. Aber eben nicht nur deshalb kann man ziemlich sicher sein, dass Paddingtons Schöpfer Michael Bond, der im Juli im Alter von 91 Jahren verstarb, dieser entwaffnend charmante und ihm gewidmete Film wohl sehr gefallen hätte.

„Paddington 2“, Regie: Paul King,  103 Minuten, FSK 0  Cinemaxx, Feilenfabrik Duderstadt,Kinowelt Herzberg, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden

Macho gegen  Feministin

Tennismatch der Geschlechter:  „Battle of the Sexes“ mit Emma Stone

Von Martin Schwickert

Anfang der Siebzigerjahre tobte in den USA der Geschlechterkampf. Eine der wichtigsten Schlachten – so behaupten es Jonathan Dayton und Valerie Faris in „Battle of the Sexes“ –  wurde auf dem Tennisplatz geschlagen. Am 20. September 1973 stand die Wimbledon-Siegerin Billy Jean King dem gealterten Profi Bobby Riggs gegenüber. 130 Millionen Zuschauer verfolgten das Match weltweit im Fernsehen. Vorausgegangen war diesem gemischten Einzel eine beispiellose PR-Schlacht. Der 55-jährige Riggs hatte die 29-jährige King herausgefordert, um ein für alle Mal die Überlegenheit des männlichen Geschlechts zu beweisen.

„Battle of the Sexes“ zeichnet die Hintergründe dieses grotesken Spektakels nach. Emma Stone spielt die engagierte Tennisspielerin. Riggs ist ein Clown, der sich selbst als Macho bezeichnet. Die Regisseure Dayton und Faris („Little Miss Sunshine“) erzählen diese absurd anmutende Emanzipationsgeschichte mit Augenzwinkern. Dass das Thema Chauvinismus auch heute noch aktuell ist, hat gerade die Entlassung Harvey Weinstein bewiesen.

„Battle of the Sexes“, Regie:  Jonathan Daytons, Valerie Faris,  122 Minuten, FSK 0 Cinemaxx, Feilenfabrik Duderstadt,Kinowelt Herzberg, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden

Alice im  Städtchen

Alleinerziehende Mütter in Hollywoodkomödien sind meist nicht wirklich übel dran: Sie sind frisch getrennt, gewiss, müssen Alltag samt Kinderchaos allein organisieren, gehen mit den Nerven zu Fuß. Sie brauchen aber nur eine Filmlänge auf den Kerl zum Pferdestehlen zu warten. Alice (Reese Witherspoon) war im Wunderland New York, jetzt versucht die Tochter eines Filmregisseurs, in ihrer kleinen Heimatstadt wieder auf die Beine zu kommen. Nette Töchter, nette alte Freundinnen, eine überbehütende Mutter (Candice Bergen) – es könnte schlimmer sein.

Dann treffen Alice und ihre Mädels in „Liebe zu Besuch“ dreia junge Möchtegernfilmemacher, die ebenfalls nett zu sein scheinen. Der Hübscheste, Harry (Pico Alexander), ein Regisseur, ist der Rom-Com-Knabe, der das Herz der reizenden Alice flicken könnte. Dazu müssen einige Umwege genommen werden, aber dann gelangt das autobiografisch benetzte Debüt von Hallie Meyers-Shyer doch an sein nettes Ende. In der Vorvorweihnachtszeit kann man so was gut ertragen. big

„Liebe zu Besuch“, Regie: Hallie Meyers-Shyer, 98 Minuten, FSK 0  Cinemaxx, Feilenfabrik Duderstadt,Kinowelt Herzberg, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden