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16:26 21.11.2018
„Die Verschwörung“: Claire Foy als Lisbeth Salander als Spionage-Hackerin und Weltretterin. Quelle: epd
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Göttingen

Hauptberuflich ist Lisbeth immer noch eine Hackerin – und wird unversehens zur Heldin. „Die Verschwörung“ ist ein fast klassischer Spionage-Remake.

Schwarzlederne Action-Amazone

Verrat an Lisbeth Salander: In „Verschwörung“ verflacht die Heldin zur schnöden Weltenretterin – Von Martin Schwickert

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Die „Millennium Trilogie“ des schwedischen Autors Stieg Larsson entwickelte sich vor allem dank seiner kraftvollen Heldin zu einem internationalen Bestseller. Lisbeth Salander war eine düstere, schillernde Frauenfigur, wie man sie im Thriller-Genre so noch nicht angetroffen hatte. Von traumatischen Gewalterfahrungen geprägt, ist sie als Symbolfigur weiblicher Selbstbehauptung gezeichnet, die sich gegen die korrupten, patriarchalen Strukturen stellt. Als versierte Hackerin wächst sie weit über gängige Racheengel-Klischees hinaus.

 

Aus dieser Unklassifizierbarkeit entsteht die Faszination für die wortkarge Heldin, die Noomi Rapace in den schwedischen Larsson-Verfilmungen prägnant auf die Leinwand brachte. Es hätte keinerlei cineastischer Hinzufügung bedurft, doch hatte Hollywood sofort ein Auge auf den lukrativen Stoff geworfen. David Fincher präsentierte 2011 mit Rooney Mara als Lisbeth ein überraschend solides Remake, das 232 Millionen Dollar einspielte. Sieben Jahre später tritt nun Claire Foy („The Crown“) die Nachfolge in der Riege der Lisbeth-Salander-Darstellerinnen an.

Feministische Gerechtigkeitskämpferin

Als Vorlage dient der Nachfolgeroman „Verschwörung“, der 2015 von David Lagercrantz nach Larssons Tod verfasst wurde. Die Geschichte taucht tiefer in die Kindheit Lisbeths ein, die als Mädchen vor den Zudringlichkeiten des Vaters flieht und ihre jüngere Schwester zurücklässt. Mehr als 20 Jahre später ist Lisbeth zur feministischen Gerechtigkeitskämpferin gereift, die gewalttätige Ehemänner zur Rechenschaft zieht. Aber das ist nur ihre Freizeitbeschäftigung.

Feuer und Flamme: Die Verschwörung Quelle: Sony Pictures

 

Hauptberuflich ist Lisbeth immer noch eine Hackerin und wird von einem Wissenschaftler beauftragt, der für die NSA ein gefährliches Programm entwickelt hat: Man kann damit die Codes zu Atomraketen knacken. Nun will er seine weltgefährdende Forschungsarbeit zurück, um sie zu vernichten. Lisbeth gelingt es, das Programm herunterzuladen. Doch dann sind die Geheimdienste hinter ihr her.

In „Verschwörung“ mutiert Lisbeth von einer Heldin, die sich von ihrem moralischen Kompass leiten lässt, zur schnöden Weltenretterin. Diese Verflachung der Motivation passt: Regisseur Fede Alvarez („Don’t Breathe“) setzt den Film als Action-Noir-Thriller in Szene. Auf einem schwarzen Motorrad rast Lisbeth wie einst Batman durch die dunkle Nacht. Stockholm, das hier kunstvoll aus Berliner Locations zusammengepuzzelt wird, sieht auch ein wenig aus wie Gotham City.

Das sieht chic aus. Aber der Film rechnet sich zum Stieg-Larsson-Universum und weiß mit diesen Ressourcen zu wenig anzufangen. Eine Figur wie Lisbeth Salander hat in einem 08/15-Thriller nichts verloren. Foy tut ihr Bestes, um ihre Figur vor dem Klischee der schwarzledernen Action-Amazone zu retten. Aber der umtriebige Spionageplot gibt ihr zu wenig Raum, um Lisbeth Salander die notwendige Seelentiefe zu verleihen.

 

Verschwörung“, Regie: Fede Alvarez, mit Claire Foy, Sylvia Hoeks, 117 Minuten, FSK 16; Cinemaxx Göttingen, Feilenfabrik Göttingen.

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„Cold War“ – Zwischen den Systemen

Romeo und Julia im Kalten Krieg: „Cold War“ erzählt von einer verrückten Liebe – Von Stefan Stosch

Tomasz Kot als Wiktor und Joanna Kulig als Zula in einer Szene des Films "Cold War - Der Breitengrad der Liebe". Quelle: dpa

Lange steht Wiktor am Checkpoint in Berlin und wartet auf Zula. So wie sie es vereinbart haben. Aber Zula kommt nicht. Irgendwann nimmt Wiktor sein Köfferchen vom Boden auf und überschreitet die Grenze in den Westen. Eine trennende Mauer gibt es noch nicht. Jahre später trifft Zula Wiktor in einem Pariser Club wieder. Wiktor spielt dort Jazz und sieht inmitten der perlenden Klänge wie der einsamste Mensch der Welt aus. Sie sagt: „Ich wäre damals nie ohne dich gegangen.“ Er aber hielt die politische Engstirnigkeit im kommunistischen Polen nicht aus.

Zula und Wiktor könnten auch Romeo und Julia heißen. Nur dass die beiden Liebenden nicht getrennt sind durch zwei verfeindete Familien. Ihre Liebe wird aufgerieben zwischen den politischen Systemen im Kalten Krieg.

 

Im zerstörten polnischen Hinterland haben sich Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot) Ende der Vierzigerjahre kennengelernt. Der Komponist soll eine Mazowsze-Tanztruppe gründen. Die Regierung will die polnische Volksmusik vor dem Verschwinden retten. Bald steigt Zula zum Star der Truppe auf.

Politik – Gift für die Liebe

Man müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass Wiktor sich schon beim Vorsprechen in Zula verliebt – und sie sich in ihn. Sie verkörpert eine verrückte Energie. Er ist der Typ beobachtender Intellektueller. Für beide ist diese Begegnung die Liebe ihres Lebens. Aber die Liebe wird vergiftet durch die politischen Verhältnisse.

Man ist versucht, nur in kurzen, knappen Sätzen über Paweł Pawlikowsis Drama „Cold War“ zu schreiben. Auch der Regisseur entwickelt seine Geschichte mit größter Ökonomie. Ebenso wie mit Worten erzählt er mit den Mitteln der Musik, die den Film in eine grandiose Melancholie taucht.

Destillierter Schmerz

Bestimmendes Merkmal des melancholischen Dramas sind die Ellipsen, die Auslassungen. Stichpunktartig bewegen wir uns durch eineinhalb Jahrzehnte und von Station zu Station – ins jugoslawische Split genauso wie nach Paris oder Berlin. Die Zeit zwischen den Begegnungen muss sich der Zuschauer ausmalen. Das fällt leicht, der Regisseur destilliert den Schmerz heraus. Immer wieder treffen sie sich, immer wieder verlieren sie sich.

So gelingt Pawlikowsi in 89 Minuten eine der schönsten, traurigsten und kargsten Liebesgeschichten, die im Kino in diesem Jahr zu sehen gewesen sind. Zwischen den politischen Blöcken verirren sich die Liebenden auf der Suche nach dem anderen. Etwas Selbstzerstörerisches haftet ihrem Verlangen an. Wie soll man redlich bleiben in diktatorischen Zeiten? Wie überlebt man die Einsamkeit des Exils?

Europäischer Filmpreis

Gefilmt ist „Cold War“ in exquisitem Schwarz-Weiß. Genauso hat der 1957 in Warschau geborene Regisseur Pawlikowski auch „Ida“ (2013) gedreht, ein Drama um eine Nonne, die ihre jüdischen Wurzeln im antisemitischen Polen entdeckt. Pawlikowskis Film wurde sowohl mit dem Europäischen Filmpreis als auch mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet. Nun hat der Regisseur wieder Chancen auf beide Preise.

Mit „Ida“ kehrte der Regisseur, der lange in Großbritannien gelebt hat, nach Polen zurück. Mit „Cold War“ setzt er seine Erkundungsreise fort: Pawlikowski hat den Film seinen Eltern gewidmet, die eine ähnlich verrückte Beziehung gelebt haben. Als „Paar waren sie eine unendliche Katastrophe“, so Pawlikowski. Aber nie seien sie voneinander losgekommen.

 

„Cold War – Der Breitengrad der Liebe“, Regie: Pawel Pawlikowski, mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, 89 Minuten, FSK 12, nur in überregionalen Kinos

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„Der Dolmetscher“ – Im Nebel des Nichtwissens

Spuren der NS-Zeit / Von Christina Tilmann

Jiri Menzel als Ali Ungar (l) und Peter Simonischek als Georg Graubner in einer Szene des Films "Der Dolmetscher" Quelle: dpa

Es ist die letzte Reise – und der letzte Versuch, noch etwas zu erfahren. Die Täter- und Opfergeneration tritt ab, die Kinder sind selbst schon im Rentenalter. Doch sind noch längst nicht alle unangenehmen Fragen gestellt. Der slowakische Regisseur Martin Sulík schickt in „Der Dolmetscher“ zwei Senioren quer durch die Slowakei auf die späte Suche nach den Spuren der NS-Zeit. So recht kommt die Reise nicht vom Fleck, doch führt sie die beiden ungleichen Partner zusammen.

Peter Simonischek gibt den Wiener Georg Graubner, Sohn eines SS-Obersturmbannführers und alternder Lebemann, der nichts anbrennen lässt und in den entscheidenden Momenten doch anrührend still wird. Jirí Menzel ist der slowakische Jude Ali Ungár. Er sucht nach den Mördern seiner Eltern, ist pedantisch, freudlos, und dann blitzt doch feiner Humor bei ihm auf.

 

Es ist ein nebelverhangenes Land, durch das sie mit ihrem feuerroten Auto fahren, zwischen Aquaparks, Jagdhütten und Archiven. Der Film ist getragen von allgemeinem Unbehagen, über das Georg vergeblich versucht, mit guter Laune hinwegzuspielen, während Ali längst nicht alles übersetzt, was er erfährt. Im Fernsehen laufen die Nachrichten über den Dauerkonflikt in der Ukraine. So lastet auf dieser Reise die bleierne Erkenntnis, dass mörderische Konflikte nicht der Vergangenheit angehören.

 

„Der Dolmetscher“, Regie: Martin Sulík, mit Peter Simonischek, Jirí Menzel, 113 Minuten, FSK 12; nur in überregionalen Lichtspielhäusern

Von Ulrich Schubert

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