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Regional Die Kinostarts für Göttingen und die Region
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12:31 26.12.2018
Julius Weckauf als Hans-Peter in einer Szene des Films "Der Junge muss an die frische Luft". Quelle: dpa
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Göttingen

Diese Filme sind ab dieser Woche in den Kinos der Region zu sehen:

Lob der Großfamilie

„Woher nimmt der Kerl das bloß?“ Diese Frage stellen sich viele mit Blick auf die komödiantischen Kapriolen von Hape Kerkeling. In seinem Buch „Der Junge muss an die frische Luft“ versuchte Kerkeling zu erklären, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Eingebettet in anekdotische Erinnerungen an seine Kindheit schrieb sich der TV-Komiker ein Trauma von der Seele.

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Acht Jahre war er alt, als sich seine depressive Mutter das Leben nahm. Dass „Der Junge muss an die frische Luft“ trotzdem ein in seiner Grundhaltung überzeugend optimistisches Buch geworden ist, macht die Kraft von Kerkelings Lebensbekenntnissen aus.

Drehbuchautorin Ruth Toma („Emmas Glück“) hat Kerkelings Buch von allem Ballast befreit. Allein die Sicht des achtjährigen Hans-Peter (Julius Weckauf) zählt, den Regisseurin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“) auch kommentierend ins Geschehen eingreifen lässt.

Der Junge wächst im Schoße seiner Großfamilie in Recklinghausen auf. Der Vater (Sönke Möhring) ist oft auf Montage. So ist es an dem aufgeweckten Sohn, seine Mutter Margret (Luise Heyer) mit kleinen Späßen bei Laune zu halten.

Im Lebensmittelladen der Großmutter studiert er die tratschende Nachbarschaft, aber auch die feierlustige Verwandtschaft sorgt für kreativen Input: Die Tante holt zu Zarah-Leander-Imitationen aus, nur um danach in Kriegserinnerungen und damit in einen Heulkrampf zu verfallen. Und Oma Änne (Hedi Kriegskotte) fragt: „Hans-Peter, willst du ein Pferd?“ Wenig später fährt sie mit dem Jungen in der eigenen Kutsche durch Recklinghausen.

Es sind die patenten Frauen, die den Jungen mit ihrem beherzten Zweckoptimismus prägen. Die Verwandtschaft wird für das Kind zum Rettungsanker. Hans-Peters Mutter zieht sich zunehmend aus der Welt zurück – bis hin zu jener Nacht, als der Junge wie gelähmt neben der Mutter liegt, die eine Überdosis Schlaftabletten genommen hat. Diese Szene reißt einem fast das Herz heraus, gerade weil Caroline Link sie ohne verstärkende Effekte in Szene setzt.

Wie schafft es ein Kind, nach einem solchen Erlebnis nicht verrückt zu werden? Die Antwort ist von überzeugender Schlichtheit: durch die Liebe derer, die die Verantwortung für den Jungen übernehmen. Dieser Film ist eine Ode an die Kraft der Großfamilie – und natürlich auch ein sentimentales, ebenso aber ein aufrichtiges Werk, von dem man sich ohne faden Nachgeschmack zu Tränen rühren lassen kann.

Link versteht, dass Komik und Tragik einander bedingen – und trifft damit die Essenz des Kerkeling’schen Lebensgeistes.

„Der Junge muss an die frische Luft“, Regie: Caroline Link, mit Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Joachim Król, 100 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Gemeinsam stärker

Noch ist Tabaluga nicht aus unseren Kinos verschwunden, da taucht schon ein Artgenosse auf: der kleine Drache Kokosnuss. Im Gefolge hat das orange Kerlchen – so wie auch schon bei seinem Kinodebüt 2014 – seinen Drachenkumpel Oskar sowie seine Stachelschweinfreundin Matilda.

Diesmal soll es via Schiff in ein Ferienlager gehen. Da Stachelschwein Matilda aus dem Raster fällt, wird sie von ihren Freunden an Bord geschmuggelt. Am Zielort gibt es Komplikationen: Die Wasserdrachen wollen die Gesellschaft nicht an Land lassen. Dann läuft der Dampfer auf Grund. Während sich der Großteil der Gruppe durch den Dschungel schlägt, suchen Kokosnuss und Oskar nach der verschollenen Matilda. Die macht indes Bekanntschaft mit dem riesigen Meeresdrachen Amadeus.

Zeitweilig fasert die Geschichte in drei Handlungsstränge aus. Gleichwohl kommen die Botschaften rüber, die die Filmemacher für ihr junges Publikum bereithalten: Gemeinsam ist man stärker. Wer miteinander redet, vermeidet Konfrontationen. Mit Vorurteilen sollte man vorsichtig sein. Und wenn man sich mal streitet, muss das nicht gleich das Ende der Freundschaft bedeuten.

Kindgerecht werden die pädagogisch wertvollen Inhalte in eine erzählerische Form zwischen mildem Humor und milder Spannung gepackt. Visuell gibt der Animationsfilm dagegen weniger her. Da heißt die Devise: lieber kräftige Farben statt Detailreichtum.

„Der kleine Drache Kokosnuss – Auf in den Dschungel!“, 80 Minuten, Regie: Anthony Power, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt, Neue Schauburg Northeim, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Zigarren für die Nazis

Mit einem Donnerschlag verändert sich das Leben des 17-jährigen Franz (Simon Morzé): Der Bub wird 1937 aus dem Salzkammergut nach Wien geschickt, wo er zum Trafikanten ausgebildet werden soll – Trafik nennt man in Österreich ein kleines Geschäft für Tabak- und Schreibwaren.

Die Lizenzen dafür werden an Kriegsversehrte wie Otto Trsnjek (Johannes Krisch) vergeben, der ein Bein fürs Vaterland gab. Von ihm lernt Franz, was einen guten Trafikanten ausmacht: Diskretion, Zeitungslektüre und der fachgerechte Umgang mit Zigarren.

Diese sind für besondere Kunden wie Dr. Sigmund Freud (Bruno Ganz), der die Köpfe der Menschen „von innen heraus“ repariert. Der „Deppendoktor“ wird zum Gesprächspartner für Franz, der mit ersten Liebeserfahrungen zu kämpfen hat. Und dann fordern die Zeiten von Franz, schneller erwachsen zu werden, als ihm lieb ist. Die Nazis jubeln dem Anschluss ans deutsche Reich zu. Trsnjek wird von der Gestapo verhaftet, Freud in die Emigration gezwungen.

Mit seinem Roman „Der Trafikant“ landete der Österreicher Robert Seethaler 2012 einen Bestseller. Das Buch verband eine klassische Coming-of-Age-Story mit österreichischer NS-Geschichte. Das Besondere am Roman war, dass der Autor die Warte der Naivität nie verließ. Diese Unschuld bewahrt den jungen Helden vor faschistischem Opportunismus.

Diesem Geist bleibt Nikolaus Leytners Verfilmung treu. Konsequent nimmt er die Perspektive des Jugendlichen ein, der mit sich verdüsternden politischen Verhältnissen konfrontiert wird. Gerade im heutigen politischen Kontext drängen sich bedrückende Parallelen auf. Kameraarbeit und Ausstattung sind jedoch eher gediegen. Man hätte dem Regisseur mehr Mut zur Eigenwilligkeit gewünscht.

„Der Trafikant“, Regie: Nikolaus Leytner, mit Simon Morzé, Bruno Ganz, 113 Minuten, FSK 12, Lumière

Von Martin Schwickert, Jörg Brandes und Stefan Stosch