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11:35 25.12.2019
Anna (Riva Krymalowski) in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Quelle: Warner Bros
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Göttingen

Für Kino-Fans wird die Zeit nach Heiligabend nicht langweilig: Auf der großen Leinwand laufen in an den Feiertagen interessante Filme an, um die verregneten Abende zu überbrücken. Die Romanverfilmung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist ebenso einen Besuch wert wie „Der geheime Roman des Monsieur Pick“. Von „Cats“ ist dagegen eher abzuraten.

Abenteuer Flucht: Caroline Link verfilmt Judith Kerrs Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“

Einmal stand Judith Kerr zusammen mit ihrem Vater Alfred in ihrer winzigen Pariser Wohnung. Die beiden schauten hinaus auf die Stadt, in der sie einstweilen Unterschlupf gefunden hatten. Und dann sagte das elf- oder vielleicht auch zwölfjährige Mädchen: „Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein?“ So hat sich Judith Kerr lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs an diese Episode erinnert.

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Aus der Sicht ihres Vaters muss das ein ungeheuerlicher Satz gewesen sein. Paris war schon die zweite Exilstation der Familie Kerr nach der Schweiz. Der in Berlin einst genauso gefeierte wie gefürchtete Theaterkritiker fand kaum eine Zeitung im Ausland, die seine Texte druckte. Das Geld reichte weder fürs Essen noch für die Miete. Und von zu Hause mehrten sich die Schreckensnachrichten über Drangsalierungen, Verfolgung und Tod.

Und doch: Aus der Sicht des Kindes Anna, behütet und beschützt von den Eltern, war die Flucht vor allem eines: ein grandioses Abenteuer.

Trailer: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“

Ein Film über die Geschichte der jüdischen Familie Kerr, 1971 veröffentlicht von Judith Kerr in ihrem Bestseller „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, könnte also auch ein provozierender Film sein, der die Schrecken der Zeit in hohem Maße ausblendet – so wie es auch im Buch über weite Strecken der Fall ist (in dem Judith Anna heißt, der Vater Artur und die Kerrs den Namen Kemper tragen).

Dazu hätte sich Regisseurin Link jedoch noch viel stärker auf die Perspektive der kleinen Anna einlassen müssen. In Links Film gibt es immer wieder mal historische Verweise, an denen der Zuschauer sich orientieren kann. Anna dürfte sich damals kaum dafür interessiert haben, von was ihr Vater sprach, wenn er das Verstummen eines Kurt Tucholsky beklagte oder auch die mangelnde Solidarität unter Schriftstellerkollegen.

Anrührend und herzzerreißend

Ein anrührender Film ist Link allemal gelungen, einer, in dem der Zuschauer immer wieder mal schlucken muss. Und das liegt daran, dass die Zeit der Flucht zuallererst eine Zeit der herzzerreißenden Abschiede ist – ausdrücklich im Plural: Nach Paris wird noch ein weiterer Wechsel der Familie nach London folgen.

Der erste Abschied kommt so überraschend, dass er von Anna (Riva Krymalowski) und ihrem drei Jahre älteren Bruder (Marinus Hohmann) gar nicht als solcher wahrgenommen wird – vielleicht auch nicht von ihrer Mutter (Carla Juri). Denn noch kann man sich an die Hoffnung klammern, in Kürze wieder in die Berliner Villa zurückzukehren, sollten die Nazis die Wahl Anfang 1933 verlieren.

Trotzdem müssen sie zurücklassen, was sie so sehr lieben: die Mutter ihr Klavier, der Bruder die neue Spielesammlung, Anna die Haushälterin Heimpi (Ursula Werner) – und auch ihr rosa Plüschkaninchen, das nicht in ihre kleine Tasche passt. Sie treffen sich in Zürich mit dem wohlweislich schon vorausgereisten Vater Arthur (Oliver Masucci).

Heimliche Flucht zeugt von Weitsicht

Die Entscheidung des expliziten Hitler-Feindes Alfred Kerr, zu einem so frühen Zeitpunkt seine Heimat Deutschland heimlich zu verlassen, zeugt von beeindruckender Weitsicht. Hinter der Odyssee des 1948 gestorbenen Theaterkritikers verbirgt sich ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal – das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat, Links Film aber keineswegs in Melancholie ertrinken lässt.

Die Filmemacherin kennt sich sowohl mit dem Sujet des jüdischen Exils („Nirgendwo in Afrika“, dafür gab’s 2003 den Auslands-Oscar in Hollywood) als auch mit Kindern vor der Kamera („Jenseits der Stille“, „Pünktchen und Anton“, zuletzt die Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“) bestens aus. Dieser Erfahrungsschatz spiegelt sich in der streckenweise amüsanten Inszenierung, in der Anna mit Neugier fremde Sprachen und fremde Sitten erkundet. Denn eines hat der Vater seine Tochter gelehrt: In jeder Veränderung könnte eine Chance liegen.

Trotz der existenziellen Bedrohung und der nervlichen Anspannung kommt es auch kaum je zum Krach zwischen den Eltern. Andererseits ist ja genau dies die Wahrnehmung der Tochter Anna gewesen. Ihre Heimat auf der Flucht ist die Familie.

Immer präsent: die Angst

Die Angst ist dennoch immer präsent: Wenn eine Glühbirne in der Pariser Wohnung laut zerplatzt, sagt Anna unvermittelt: „Jetzt haben uns die Nazis.“ Nachts hört sie, wie ihr Vater sich im Nebenzimmer mit Albträumen wälzt. Auch im Ausland schlägt den Kempers im Film Feindschaft und Antisemitismus entgegen. Der Vater, der sich nie als Jude verstand, wird unweigerlich in diese Rolle hineingedrängt.

Hauptdarstellerin Riva Krymalowski, 2008 in Zürich geboren, ist in ihrer rustikalen Art genauso ein schauspielerischer Glücksfall, wie es auch Helena Zengel mit ihrer Wut und Verzweiflung in „Systemsprenger“ ist. Die Sechstklässlerin Krymalowski geht heute in Berlin-Grunewald in dieselbe Schule, die auch Judith Kerr bis zu ihrer Flucht besuchte. Welch ein schöner Zufall.

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, Regie: Caroline Link, mit Riva Krymalowski, Carla Juri, Oliver Masucci, 119 Minuten, FSK 0, ab 25. Dezember, Cinemaxx Göttingen, Kinowelt Herzberg, Movietown Eichsfeld

Schriftsteller am Pizzaofen

Der geheime Roman des Monsieur Pick. Quelle: Neue Visionen

Eine ungewöhnliche Bücherei gibt es im Küstenort Crozon in der französischen Bretagne. Die „Bibliothek der abgelehnten Bücher“ bietet hoffnungslosen Manuskripten eine letzte Ruhestätte. Hier landen Werke wie „Masturbation und Sushi“. Doch dann findet eine junge Lektorin auf dem literarischen Friedhof ein wahres Meisterwerk: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ von Henri Pick. Das Problem: Den Autor findet sie auf dem realen Friedhof. Pizzabäcker Pick starb vor zwei Jahren, nicht einmal seine Frau wusste, dass er das Buch geschrieben hatte. Schnell ist ganz Frankreich von der Geschichte des Schriftstellers am Pizzaofen verzückt. Einzig Literaturkritiker Jean-Michel Rouche (Fabrice Luchini) hat Zweifel, und so begibt er sich auf die verbissene Suche nach dem Urheber des Bestsellers.

Mit „Der geheime Roman des Monsieur Pick“ hat Regisseur Rémi Bezançon einen Roman von David Foenkinos verfilmt. Im Originaltitel „Le mystère Henri Pick“ kommt das Wort „Monsieur“ nicht vor – doch nach den Erfolgskomödien um Monsieur Claude und Monsieur Alain setzen deutsche Verleihe wohl auf Monsieurs jedweder Couleur.

Der Trailer zu „Der geheime Roman des Monsieur Pick

Der Film karikiert die Strukturen der Verlagsindustrie und zeigt, dass die Biografie eines Schriftstellers wichtiger für den Erfolg sein kann als das Werk selbst. Camille Cottin überzeugt als Picks Tochter Joséphine, die zwischen der Liebe zum Vater, zur Literatur und zur Wahrheit umherirrt. Die anderen Charaktere bleiben eindimensional in dieser Krimikomödie mit vorhersehbarem Ende.

„Der geheime Roman des Monsieur Pick“, Regie: Rémi Bezançon, mit Fabrice Luchini, Camille Cottin, 101 Minuten, FSK 0, ab 26. Dezember, Lumière Göttingen

Auf ganzer Linie gescheitert: „Cats“ nach dem Musical von Andrew Lloyd Webber

Ursprünglich hatte T. S. Elliot die Katzengedichte für seine Patenkinder geschrieben. Dann wurden sie 1939 im „Old Possums Katzenbuch“ veröffentlicht. 40 Jahre später komponierte Andrew Lloyd Webber das Musical „Cats“, das jedoch nie verfilmt wurde. Die Gründe sind klar: Das Musical ist eine Aneinanderreihung von Musikeinlagen ohne Story. Die Protagonisten stecken in Katzenkostümen. Ihre Gesichter sind hinter Masken kaum zu erkennen.

Dass Judi Dench in „Cats“ mitspielt, macht den Film auch nicht besser. Quelle: Universal PicturesUniversal Pictures

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat sich nun Tom Hooper („Les Misérables“) des Katzensingspiels angenommen – und scheitert. Mit einer Mischung aus erstklassigen Balletttänzern und britischer Schauspielprominenz von Judi Dench bis Idris Elba hat er sein Ensemble besetzt. Doch ändert das nichts an der Dysfunktionalität des Werks. Wenn sich Song an Song reiht und eine Katzenfigur nach der anderen vorgestellt wird, sind Materialermüdungen unvermeidbar. Das Hauptproblem bleibt jedoch die Verwandlung der Darsteller in Katzen, das Hooper trotz Pelztier-Haute-Couture und CGI-Effekten nicht hinbekommt. Die Schauspieler können noch so viel auf Zehenspitzen schleichen – eine Katze wird aus ihnen nicht.

Der Trailer zu „Cats“:

„Cats“, Regie: Tom Hooper, mit Judi Dench, Francesca Hayward, Idris Elba, 110 Minuten, FSK 0, ab 26. Dezember, Cinemaxx Göttingen, Movietown Eichsfeld, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden

Von Stefan Stosch, Johanna Stein und Martin Schwickert