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Regional „Die Maschine, die in Göttingen ihr Bethlehem hatte“
Nachrichten Kultur Regional „Die Maschine, die in Göttingen ihr Bethlehem hatte“
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19:14 11.09.2009
Bedeutender Gegenwartsautor und Fußballfreund: F. C. Delius.
Bedeutender Gegenwartsautor und Fußballfreund: F. C. Delius. Quelle: Pförtner
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Als einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart führte Moderatorin Meike Fessmann, selbst Schriftstellerin, ihren Gesprächspartner Friedrich Christian Delius, kurz F. C. Delius, am Donnerstag im Literarischen Zentrum ein. Eine Reihe von Büchern hat Delius geschrieben („Der Tag an dem ich Weltmeister wurde“), sein jüngstes widmet sich dem Erfinder des Computers, Konrad Zuse („Die Frau, für die ich den Computer erfand“) – mit starkem Göttingen-Bezug, der in Zuses Biographie begründet ist.

Der Bauingenieur hatte 1938 die weltweit erste Rechenmaschine gebaut und sie später mit dem Zug nach Göttingen transportiert, um sie vor der Zerstörung in den Kriegswirren zu schützen – „die Maschine, die in Göttingen ihr Bethlehem hatte“, sagt Delius.
Den Lebenslauf Zuses hat Delius allerdings nur bedingt zu Grunde gelegt. So fügte er eine unmögliche Liebe in Zuses Leben ein, die leidenschaftliche Liebe zu Ada Lovelace, der Tochter Lord Byrons. Zuse lebte von 1910 bis 1995, Lovelace von 1815 bis 1852.

Leidenschaftliche Liebe

Delius lässt Zuse 1994, ein Jahr vor seinem Tod also, als grantelnden Greis auf einen jungen Journalisten treffen, einen technischen Dilettanten. Der Alte schwänzt gerade den Festakt zur Verleihung seiner 14. Ehrendoktorwürde und redet sich den Frust seines Lebens von der Seele. Er entdeckt das Faustische in sich, für Delius der Anlass, Lovelace einzuführen. Denn „wo ein Faust ist, muss auch ein Gretchen sein“, erläutert der Autor geistreich.

Wagemutig fragte Fessmann im Anschluss an die Lesung: „Wieviel Prozent Delius steckt in Zuse?“ Eine Antwort ließ sich der ansonsten sehr aufgeschlossen auftretende Autor an dieser Stelle nicht entlocken. Auch Fessmann Frage nach dem Glauben, den sie in der Geschichte entdeckt zu haben meinte, stürzte Delius in Verwirrung: „Das habe ich noch gar nicht so bemerkt.“ Und: „Da haben sie weit ausgeholt, um mich tief zu treffen.“ Der Vater des Autors war evangelischer Pastor, doch er selbst habe mit dem Glauben die allergrößten Schwierigkeiten, bekannte Delius.
Unter den Zuhörern saß an diesem Abend übrigens ein Verwandter Zuses gleichen Namens, der das von Delius angesprochene Gerücht bestätigte, Zuse habe ein Jahr vor seinem Tod den Microsoft-Gründer Bill Gates getroffen und ihm ein selbst gemaltes Bild geschenkt. Auch von den 14 Ehrendoktorwürden seines Verwandten sprach der Besucher. Da war er allerdings der Erfindungsfreude Delius‘ aufgesessen. Es waren weniger.

Von Peter Krüger-Lenz

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