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Regional „Die Pawlowskis“ verabschieden sich nach 30 Jahren von der Bühne
Nachrichten Kultur Regional „Die Pawlowskis“ verabschieden sich nach 30 Jahren von der Bühne
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19:12 27.09.2013
„Die Pawlowskis forte“: Als Uschi Siemon (Mitte) aus dem Duo ein Trio machte, ändert sich auch der Name. Quelle: EF
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Göttingen

Ein Programm nach dem anderen, aktuell, modern. 1983 hatte der Gründer Klaus Pawlowski noch dunkle Haare und einen dunklen Bart. Heute sind die Falten tiefer, die Haare weiß geworden. Und nun, nach 30 Jahren, hat er beschlossen: „Wir machen Schluss, und aus ist es.“

Es fing damit an, dass Klaus Pawlowski mit Gleichgesinnten der Friedensbewegung Mitte September 1983 beim „Fulda-Gap“ dabei war, einer Manöverbehinderung im Rahmen der Proteste gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland.

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Auf der Rückfahrt beschlossen die Freunde spontan, erinnert sich Pawlowski: „Wir wollten uns nicht mehr auf die Straße legen, sondern unseren Protest lustvoll artikulieren.“

Möglichkeit zum politischen Engagement

Das war der Start zum Aufbau des „Kabaretts der Göttinger Pädagogen und Psychologen für Frieden und Abrüstung“. Organisator und Texter war Klaus Pawlowski, Sohn Peter, damals 18 Jahre alt, noch Schüler, zuständig für Kompositionen und musikalische Arrangements.

Neben Vater und Sohn gehörten sechs weitere Hobby-Kabarettisten dazu, darunter Almut Bohnsack, wie Klaus Pawlowski an der damaligen Pädagogischen Hochschule am Waldweg tätig: sie im Fachgebiet textile Gestaltung, er als Sprecherzieher. Ort des ersten Auftritts war die Göttinger Stadthalle bei einer Aktion der Organisation „Göttinger Ärzte warnen vor der atomaren Bedrohung“ am 28. September 1983.

„Alle acht sahen das Kabarett als ihre persönliche Möglichkeit zum politischen Engagement“, berichtet Pawlowski. Und bald schon wurde die Gruppe auch in der Namensgebung lockerer.

Nun nannte sie sich, nicht so umständlich und auf politische Korrektheit bedacht, einfach „Gesellschaft für Ruhe & Ordnung“. Eine haltbare Gesellschaft – zwölf Jahre lang produzierte sie sieben Programme und tourte durch den niedersächsischen Raum, durch Hessen und Nordrhein-Westfalen. Weiter konnten sie zunächst nicht reisen, die Arbeit in ihren bürgerlichen Berufen bot wenig Raum für Kabarett.

Authentizität, Engagement, Aktualität

„Wir lassen uns nicht BRDigen“, hieß das erste Programm. Über „Bombensicher“ und „Am, besten nichts Neues“ ging es bis zu „Zenzis totales Fernsehen“.

Zu den Markenzeichen der „Gesellschaft“ gehörte neben Spielfreude, Authentizität und politischem Engagement immer auch die Aktualität: „Was wir morgens im Radio hörten, brachten wir abends auf die Bühne“, berichtet Texter Pawlowski. „Beim Frühstück erfuhren wir vom Tod Barschels in einer Schweizer Badewanne, nach dem Abendbrot hatten wir das Ereignis im Programm.“

Kabarett aus der Region: „Die Pawlowskis“ verabschieden sich nach 30 Jahren und diversen Programmen

Im Juni 1996 war es dann vorbei mit der „Gesellschaft“. Denn, so Pawlowski, „die Gruppe war nicht mehr zusammenzuhalten. Man kennt das ja.“ Was hatten die acht in ihren zwölf Jahren lustvollen Protests erreicht? „Wir haben nie damit gerechnet, andersdenkende Leute zu überzeugen“, meint Pawlowski. „Aber wir haben der Friedensbewegung massiv den Rücken gestärkt – gegen die allgemeine Meinung.“

Doch ans Aufhören mochte er nicht denken. Weihnachten 1996 schenkte Vater Klaus seinem Sohn ein Kabarettprogramm für zwei Akteure, also passend für das Vater-Sohn-Gespann. „Das Publikum hat Spaß am Gereimten“, hat Klaus Pawlowski bei den Auftritten gelernt. „Das stachelt die Zuhörlust an und aktiviert die sprachliche Kompetenz.“

Start mit „gelegten Eiern“

Zum ersten Mal trauten sich Vater und Sohn im Mai 1997 an die Öffentlichkeit. Erst in der Historischen Spinnerei Gartetal („Das war kein großes Risiko“), dann im Göttinger Apex. Und weil Sohn Peter, zunächst in einer Berliner Werbeagentur tätig, 1999 wieder nach Göttingen zurückkehrte, wurden die Auftritte häufiger.

Die Programme starteten mit „Gelegte Eier“, später folgten „Und wer bringt den Müll raus?“, „Wo ist hier der Sicherungskasten?“ und ein Liederabend „Erfolgreich geklont?“.

Im Weihnachtsspecial 2005 wurde mit Uschi Siemon aus dem Duo ein Trio. Aus „Die Pawlowskis“ – den Namen hatte ihnen ein Tageblatt-Rezensent verpasst – wurde „Die Pawlowskis forte“. Die Aufgaben waren verteilt: Peter, dem das Textlernen nicht immer leicht fiel, war zuständig für Gestik und Mimik, Klaus und Uschi für die Texte.

Das Konzept kam so gut an, dass sie ihr Programm „Pawlowsche Reflexe“ von 112-mal spielten. Wesentlichen Anteil hatte seit 2005 Gudrun Stockmann. Die Northeimer Theaterfrau – in frühen Bühnenjahren unter anderem am Jungen Theater Göttingen tätig – arbeitete mit dem Trio als Regisseurin.

Letzte Tournee durch alle Spielstätten

Auf die „Pawlowschen Reflexe“ folgte 2010 ihr vorletztes Programm „Das Orakel von Elfi“, im März 2012 dann der Best-of-Abend „Der Abschied“. Warum Abschied? Peter Pawlowskis wachsende berufliche Belastung lässt die Kabarett-Arbeit nicht mehr zu.

Und älter geworden sind sie auch. Nur: Abschiednehmen auf einen Schlag, das wollten sie nicht – und begannen 2012 mit einer letzten Tournee durch alle Spielstätten, an denen sie im Lauf ihres Bühnenlebens gastiert hatten. Das waren knapp 40.

Klaus Pawlowski wird sich aber nicht aus der Öffentlichkeit verabschieden. „Ich komme nicht von der Bühne weg“, bekennt der 78-Jährige und erzählt von Plänen, eigene Gedichte vorzutragen. Denn Texte verfasst er ständig, unter anderem zusammen mit Peter Köhler und Reinhard Umbach, mit denen er die „Neue Göttinger Gruppe“ bildet.

Diese Texte finden sich beispielsweise regelmäßig in der Taz. „Die Pawlowskis beherrschen die Kunst des Spottverses virtuos“, urteilte die Neue Westfälische Zeitung.

Die letzten Stationen der Abschieds-Tournee: Sonnabend, 19. Oktober, um 20 Uhr im Gasthaus Plumbohm in Barterode, Göttinger Straße 12 (Kartentelefon 0 55 06 / 8618) und Freitag, 25. Oktober, um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6 (Restkarten: die-pawlowskis.de).