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Regional Die dunkle Seite der Liebe hat etwas Destruktives
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18:43 16.09.2011
Irritierend direkt und hoch emotional: Sibel (Franziska Beate Reincke) und Cahit (Dirk Böther). Quelle: Eulig
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Die dunkle Seite der Liebe hat etwas sehr Destruktives. Sibel (Franziska Beate Reincke) und Cahit (Dirk Böther) lernen sich in einer Klinik kennen. Beide haben versucht, sich umzubringen. „Wenn Sie ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch ihr Leben, aber dafür müssen Sie doch nicht sterben“, sagt der Arzt zu Cahit. Den Ratschlag setzt Cahit radikal um. Er lässt sich von Sibel überreden, sie zum Schein zu heiraten. Einen Türken wie ihn werde ihre Familie akzeptieren. Sibel würde die Hochzeit ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mit vielen Männern. Man ist gleichzeitig irritiert und fasziniert von ihrer direkten Art. Reinecke spielt diese liebeshungrige Frau hochemotional.

Regisseur Andreas Döring setzt bei der Inszenierung, die am Donnerstagabend im ausverkauften Haus Premiere hatte, auf Musik. Der Soundtrack ist zwar der Leitfaden. Alle Lieder wurden aber von Nermin Aljisani bearbeitet und werden bei den Vorstellungen live auf dem Synthesizer gespielt. Die türkischen Lieder singt Tiana Kruskic – wunderschön. Auch die anderen Schauspieler beeindrucken mit Stimme und Instrumenten. Dirk Böthers Version von „Temple of Love“ von den Sisters of Mercy geht unter die Haut. Für Böther ist in der Rolle des Cahit wie geschaffen. Er mimt den rotzigen, versoffenen „Penner“, der die dunkle Seite der Liebe kennenlernt, mit Leidenschaft. Dem Vergleich mit dem Film-Cahit Briol Ünem – und der kommt unweigerlich – kann er ohne weiteres standhalten.

Beim Plot hält sich das Stück eng ans Drehbuch. Die Zuschauer erwartet auch im Jungen Theater kein Happy End. Das würde nicht zur Geschichte passen. Allerdings setzt das Stück die Gewichtung anders. Die Hochzeit mit Sibel wird im JT zum Fest. Einen Standesbeamten gibt es in der Inszenierung nicht, den Job übernimmt ein Herr aus der ersten Reihe. Für den Applaus, der die Geschenkübergabe (jede Menge Goldketten) begleiten muss, wird das Publikum eingebunden. Das schafft Nähe. Eine besondere Atmosphäre entsteht durch die türkischen Passagen, die immer gerade soweit übersetzt werden, dass der Zuschauer versteht, worum es geht. – Die Gesellschaft ist bilingual. Außergewöhnlich und genial ist, wie Döring Bühnenanweisungen einsetzt: Er lässt die Schauspieler bei den meisten Liebesszenen sagen, was sie gerade tun, ohne dass sie es tun. Das Publikum war begeistert.

Die nächsten Termine: 20., 23. und 30. September. Kartentelefon 05 51/49 50 15.

Von Eida Koheil