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09:35 17.07.2019
Eine Szene des Films „Der König der Löwen“: Der Löwen-König Mufasa will sein Königreich an seinen Sohn Simba übergeben. Quelle: -/Disney Enterprises/dpa
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Göttingen

Die Filme laufen in dieser Woche an.

Der König der Löwen – Das Original sah jeder im Advent 1994

Der ist mit fast einer Milliarde Dollar Einnahmen der bis heute erfolgreichste Zeichentrickfilm aller Zeiten und begründete das Zeitalter der Trickfilm-Blockbuster. Jeder sah ihn damals, als Deutsche in der Adventszeit noch in den Weihnachts-Disneyfilm zu gehen pflegten, und er ist einem noch so frisch in Erinnerung, dass man kaum glauben mag, dass ein Vierteljahrhundert seit seiner Premiere vergangen ist.

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Jede Szene könnte man nachspielen, jeden Dialogsatz mitsprechen. Wieso eine Neuverfilmung, wenn das Original von der ersten Sekunde bis zur letzten so unnachahmlich, so einmalig gelungen war?

Weil den mächtigen Disneys neben der Beballerung der Leinwände mit zu vielen „Star Wars“-Filmen eine weitere lukrative Idee gekommen ist: Einfach die supercharmanten zweidimensionalen Filmklassiker aus den eigenen Archiven – von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) bis „Bärenbrüder“ (2003) – als Computertrick-Realfilme zu remaken. Alle paar Monate einen. Angefangen hat das schon 1996 mit „101 Dalmatiner“. Die heutige Inflation dieser Streifen passt zum Nummer-Sicher-Boom, der Hollywoods Output derzeit so megalangweilig macht: Aufs Vertraute setzen, alles Neue versetzen, den schnellen Dollar machen.

Der König der Löwen – Rafiki salbt den Prinzen diesmal nicht mit Obst

Der Vorspann des Updates ist denn auch bis ins letzte Bild so, als hätte man ihn mit copy und paste in Computertrick übertragen: Nashorn und Gepard machen sich auf den Weg, die Blattschneiderameisen tragen ihre grünen Schnipsel über einen Ast des Baobab, während unter ihnen die Zebraherde dahinzieht und die Elefanten im Dunst des Kilimandscharo wanken.

 

Am Ende hält Rafiki, der Löwenaffe und Schamane, den Völkern der Savanne den neugeborenen Thronerben vor, das Löwenbaby Simba, König Mufasas Sohn – eine ikonische Szene die ähnlich oft parodiert und persifliert wurde wie Leonardos und Kates Ozeanumarmungsszene in „Titanic“. Dass der Mandrill den Prinz diesmal nicht mit Obstsaft, sondern mit rotem Wurzelstaub salbt, ist so ziemlich der einzige Unterschied.

Und so geht es weiter wie bekannt: Der kleine Prinz ist erstmal ein fürchterlicher Angeber, wie ein Oligarchensohn, der in der Privatschule damit angibt, dass er auch mit drei Fünfen im Zeugnis versetzt werde, da brauche sein Vater nur ein paar eigentlich unfinanzierbare Schulprojekte zu sponsern. Die Aussicht, ein Reich zu erben, macht Sima altklug und hoffärtig. So begeht er den Fehler, seinem bösen Onkel Scar mitzuteilen, dass er eines Tages auch ihn herumkommandieren werde.

Der König der Löwen – Bösewicht Scar ist richtig furchterregend

Scar, ein wirklich übel zerzauster Leu, der seine vielen Narben offenbar einem früheren unstatthaften Griff nach Bruder Mufasas Macht über die grünen Lande verdankt, schickt Simba zum verbotenen Elefantenfriedhof, wo er auf den Hunger der dort residierenden Hyänen hofft (deren schwarze Gesichter an die Orks aus Peter JacksonsHerr der Ringe“-Filmen erinnern). Scar tötet seinen Bruder, schiebt die Schuld auf Simba, schickt ihn in die Wüste.

Und übernimmt das Löwenrudel. Die Hyänen dürfen jetzt Antilopen morden wie es ihnen beliebt, der unerkannte Mörder macht seiner Schwägerin Avancen und das Paradies wird zur Hölle. Düster, noch viel düsterer als 1994 dräut hier die Endzeit. Und freigegeben ist das alles ab sechs Jahren, was echt freigiebig ist von der Freiwilligen Selbstkontrolle.

Der Loewenjunge Simba in dem Film „Der Koenig der Loewen“. Quelle: Walt Disney Germany

„Great“ werde seine Regentschaft, verkündet Scar den entsetzten Löwinnen und diese Vokabel kommt einem bekannt vor, hier wird die Kopie ein Film im eigenen Recht, deren Story besser in unsere Zeiten passt als in die Clinton-Ära. Ein Lump, der sich mit Lumpengesindel umgibt, erhebt die Lüge zur Wahrheit und diffamiert die Wahrheit als Lüge.

Der König der Löwen – Vieles erinnert an Naturfilmaufnahmen

Scar verspricht ein „glorreiches Zeitalter“, aber seine Politik führt direkt in ein soziales und ökologisches Desaster. Die Herrschaft der Verdorbenen erinnert an das Weiße Haus von heute, dessen Chef sich ja wie jüngst per Twitter in die Welt ging, auch als monarchisch auf Lebenszeit Regierender gefiele. Man hätte Scar das Wort „Deal“ aus den Fängen rutschen lassen können, wenn er die Hyänen als Garanten seines Regimes rekrutiert.

Alles hier sieht bis ins Detail nach Afrika aus, man erliegt der Illusion recht schnell, und viele Szenen wirken wie National-Geographic-Dokumentationen mit besonders gelungenen Schnappschüsse aus Mutter Natur. Daran, dass Simba und seine Kindheitsfreundin Nala sprechen können, gewöhnt man sich auch rasch.

Wenn der einem echten Löwenjungen bis aufs Haar gleichende digitale Simba aber „I just can’t wait to be King“ singt (gezeigt wurde bei den Pressevorführungen die englischsprachige Originalversion), wird man – anders als beim gezeichneten Vorgänger – doch kurz aus der Illusion geworfen. Mögen echte Löwen sprechen, aber echte Löwen singen nicht. Sie kriegen die Lippenbewegungen auch nicht hundertprozentig hin. Erst als Warzenschwein Pumbaa wie ein Bierkellerpavarotti grölt, ist man mit dem animalischen (Pseudo-)Belcanto versöhnt.

Der König der Löwen – Disneys Realfilme sind nicht immer geküsst

Disneys Real-Life-Remakes waren nicht immer geküsst: Robert Strombergs „Maleficent“ (2014) war cool, weil der Film das Märchen „Dornröschen“ mal aus Sicht der bösen Fee (Angelina Jolie) erzählte, und Favreaus „The Jungle Book“ (2016) machte den Partyurwald des lustigsten aller Disneyfilme zu einer Welt auf Leben und Tod.

Aber Tim Burtons Versuch über den fliegenden Elefanten „Dumbo“ (2019) wies im Frühjahr mehr Dekorationsfreude als Liebe zur Geschichte auf, und hätte man neulich beim Dschinn von Guy Ritchies „Aladdin“ einen Wunsch freigehabt, man hätte sich nach zwei Dritteln aus 1001 Nacht nach Hause gewünscht aufs Sofa, um ein wenig zu netflixen.

Der neue König der Löwen ist allerbeste Unterhaltung

Der neue „König der Löwen“ jedoch hat Majestät, hat fotorealistische CGI-Tiere, die zu glaubwürdigen Charakteren werden, was wirklich an Zauberei grenzt. Und wo das nur 88-minütige Original etwas zu schnell an sein Happy End gelangte, bringt Jon Favreaus Zweistünder dramatische Extensions beim Showdown der Könige. Ob das ein Erfolg wird? Hakuna Matata!

Abba hat auch Favreau nicht gekriegt, die planen derzeit ihr eigenes Comeback als Avatare. Aber Beyoncé singt zum Niederknien schön.

Gut gebrüllt, Löwe!

„Der König der Löwen“, Regie: Jon Favreau. Filmlänge: 119 Minuten, Altersfreigabe: ab 6 Jahren.

Helen Mirren als Olga, Annas Auftraggeberin beim KGB, in einer Szene des Films „Anna“. Quelle: Shanna Besson/STUDIOCANAL/dpa

„Anna“ – Luc Bessons schöne Kinoagentin mordet in Nylons

Die Zeit ist offenbar über Luc Besson hinweggerollt. In „Anna“ (Kinostart am 18. Juli) zitiert sich der Actionmeister nur noch selbst. Eine Überraschung gibt es in der absehbaren Geschichte eines wehrhaften Models aber doch.

Nach seinem extravaganten, sehr kostspieligen und wenig erfolgreichen Science-Fiction-Spektakel „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ begibt sich Luc Besson mit „Anna“ wieder auf abgesichertes Terrain.

 

Die Story ist fast eine Blaupause von Bessons Erfolgsfilm „Nikita“, mit dem der französischen Regisseur und Produzent 1990 Hollywood vorführte, dass das europäische Kino im Fachbereich „Action“ auf dem internationalen Markt bestehen konnte.

In „Angel A“ (2005) und „Lucy“ (2014) kochte Besson mit ähnlicher Rezeptur. Und auch in „Anna“ wird eine junge Frau aus prekären Verhältnissen als Killerin vom Geheimdienst angeworben und versucht sich von den Fesseln ihrer Auftraggeber zu befreien.

„Anna“ – Das Leben für den Laufsteg ist nur eine Tarnung

Supermodel Sasha Luss spielt hier die russische Matrjoschka-Verkäuferin, die auf einem Markt von einem Talentscout entdeckt wird und in Paris als Model rasant Karriere macht.

Aber wie sich nach den ersten gezielten Todesschüssen auf einen Waffenhändler herausstellt, ist das Leben auf dem Laufsteg nur eine schicke Tarnung für die KGB-Agentin. Ende der Achtziger ließ sich Anna vom Geheimdienstler Alex (Luke Evans) anwerben, um dem sozialen Elend als Waisenmädchen, Prostituierte und Drogensüchtige zu entfliehen.

Dessen Vorgesetzte Olga (Helen Mirren) hat starke Vorbehalte gegen die neue Mitarbeiterin. In den ersten Einsatz wird Anna zur Bewährung mit ungeladener Waffe in ein Restaurant geschickt und muss ihre Gegner reihenweise im Nahkampf mit Messer, Gabel und zerbrochenen Tellern erledigen.

Sasha Luss als Anna in einer Szene des Films „Anna“. Quelle: StudioCanal

„Anna“ – Luc Besson zitiert sich im Film weitgehend selbst

Fünf Jahre soll sie für ihr Land spionieren und morden, um nach dem Zeitvertrag in die ersehnte finanzielle Unabhängigkeit entlassen zu werden. Natürlich lässt man die höchst erfolgreiche Killerin nicht gehen und schließlich versuchen die Kollegen vom CIA Anna als Doppelagentin anzuwerben.

Wie in den Vorgängerwerken zitiert sich Besson auch in „Anna“ vorwiegend selbst. Dagegen ist urheberrechtlich nichts einzuwenden, aber dieser Film zeigt deutlich, wie sehr die Zeit an Besson vorbeigegangen ist. Deutlich antiquiert wirkt das Bild der sexy Kampfamazone, das hier ohne lästige, charakterdefinierende Beigaben überstrapaziert wird.

Da ist man heute auch im Mainstreamkino, was die Ausdifferenzierung starker Frauenfiguren angeht, doch schon ein paar Schritte weiter.

„Anna“ – Wie Besson die schöne Killerin feiert, ist fast schon peinlich

Auf fast schon peinliche Weise fetischisiert Besson die Figur der schönen Profikillerin, die in Nylons mordet und auch gerne in hitzigen Beischlafszenen gezeigt wird. Sasha Luss trägt Schalldämpferknarren und wechselnde Perücken zwar mit gebührender Model-Eleganz, kann aber auf der Leinwand nicht genug Charisma entwickeln, um der Stereotypisierung ihrer Figur entgegen zu wirken.

Neben den Geschlechterklischees türmt Besson auch alle verfügbaren Russenklischees übereinander und sorgt mit einer Rückblendendramaturgie, die das Geschehen noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählt, für mäßige Überraschungseffekte.

„Anna“ – Der eigentliche Star des Films ist nicht die Hauptfigur

Einziger Lichtblick: Helen Mirren als KGB-Vorgesetzte mit Hornbrille. In jeder Szene möchte man mit ihr durchbrennen. Weit weg.

In einen anderen Film, der so eine coole Braut wirklich verdient.

„Anna“ Regisseur: Luc Besson. Darsteller: Sasha Luss, Helen Mirren. Filmlänge: 119 Minuten. Altersfreigabe: ab 16 Jahren.

Ihr Nesthäkchen zieht aus: Héloïse (Sandrine Kiberlain) ist darüber todtraurig. Quelle: -/Alamode Film/dpa

Mama will das Nesthäkchen nicht loslassen – die Tragikomödie „Ausgeflogen“

Wer will schon loslassen, wenn die Kinder ihrer Wege ziehen? Mutter Héloïse muss sich in der Tragikomödie „Ausgeflogen“ (Kinostart am 11. Juli) neu definieren und stürzt in ein Gefühlschaos.

 

Irgendwann kommt der Moment, an dem die Kinder das Haus verlassen. Das war so, ist so und bleibt so, auch wenn es noch so schmerzt. Von dieser eigentlich alltäglichen Situation erzählt die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Liza Azuelos in ihrer Tragikomödie „Ausgeflogen“ und aus der Sicht einer Mutter, Héloïse (Sandrine Kiberlain), die drei Kinder allein großgezogen hat.

Distanz – Die Jüngste möchte in Kanada studieren

Zwei leben schon eine Weile nicht mehr bei ihr, und nun macht die Jüngste (Thaïs Alessandrin) ihr Abitur. Anschließend möchte sie in Kanada studieren und Héloïse stünde plötzlich allein da. Und so versucht sie anfangs die Pläne ihrer Tochter u torpedieren, unterstützt ihr „Baby“ aber dann doch mit allen Kräften.

Sandrine Kiberlain (vorn) als Heloise und Thais Alessandrin als ihre jüngste Tochter Jade in einer Szene des Films „Ausgeflogen“. Quelle: -/Alamode Film/dpa

Der Film beschreibt sehr anschaulich das Gefühlschaos, das Héloïse umtreibt. Zeigt immer wieder in Rückblenden Szenen aus ihrem Leben als Mutter. Viele Zuschauer werden ähnliche Situationen erlebt haben. Dadurch entwickelt der Film eine starke emotionale Kraft, der bittersüße Schluss ist unglaublich rührend.

Handy verloren – Die letzten Tage mit der Tochter sind drauf

Aber es gibt auch genügend heitere Szenen beispielsweise wie es Héloïse gelingt, einem Polizisten ihre Geschwindigkeitsüberschreitung zu erklären, und wie sie dann tatsächlich ohne Strafe weiterfahren darf. Oder die Panik, in der sie gerät, als sie ihr Handy verliert, auf dem sie die letzten Tage mit ihrer Tochter festgehalten hat.

Was stört, ist die übertrieben extrovertierte Spielweise der Hauptdarstellerin Sandrine Kiberlain. Aber vielleicht sind Mütter für ihre Kinder ja häufig etwas nervig.

„Ausgeflogen“. Regisseurin: Lisa Azuelos. Darstellerinnen: Sandrine Kiberlain, Thaïs Alessandrin. Filmlänge: 87 Minuten. Altersfreigabe: ab 6 Jahren.

Von Matthias Halbig, Martin Schwickert und Ernst Corinth

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