Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Diese Filme laufen am Donnerstag in den Kinos an
Nachrichten Kultur Regional Diese Filme laufen am Donnerstag in den Kinos an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:40 02.10.2019
„Skin“: Jamie Bell als Bryon Widner. Die Verführungstaktiken der alten Rechten werden in dem Film präzise aufgedröselt. Quelle: -/24 Bilder Film/dpa
Anzeige
Göttingen

Mit „Gemini Man“ läuft ein hochtechnisiertes Action-Vehikel, dem die narrative Seele fehlt, in den Kinos an. In „Skin“ spielt sich Schauspieler Jamie Bell (“Billy Elliot”) dem Publikum als Nazi, der aussteigen will, unter die Haut. Die Verführungstaktiken der alten Rechten werden in dem Film präzise aufgedröselt.

Filmkritik zu „Gemini Man“

Das Skript zum Klonthriller “Gemini Man” (Kinostart am 3. Oktober) ist seit mehr als 20 Jahren in Hollywood unterwegs. Jetzt wagte Meisterregisseur Ang-Lee sich an die (vorhersehbare) Klon-Story. Will Smith und Clive Owen sind die Stars in einer Actionsause, deren 120-Bilder-pro-Sekunde-Version kein Kino in Deutschland abspielen kann.

Nach 72 Abschüssen hat Henry Brogan (Will Smith) genug von seiner Existenz als lizensierter Attentäter des US-Geheimdienstes. Der 51jährige will sich zur Ruhe setzen, gerät aber durch einen undurchsichtigen Komplott bald ins Visier seiner früheren Auftraggeber, die den Scharfschützen nun selbst auf die Abschussliste setzen. Damit nicht genug sieht sich der omnipotente Elitekiller bald einem 25 Jahre jüngeren Gegner gegenüber, der die gleichen Kampfkunstfertigkeiten hat und ihm zudem verdammt ähnlich sieht.

Seit Ende der Neunziger wurde das Drehbuch zu „Gemini Man“ in Hollywood herumgereicht. Ursprünglich sollte Tony Scott Regie führen und hochkarätige Stars wie Harrison Ford, Mel Gibson und Clint Eastwood waren für die Hauptrolle im Gespräch. Aber dann sind Regisseure und Produzenten vor dem Stoff immer wieder zurückgeschreckt, weil die technische Umsetzung zu schwierig erschien. Schließlich galt es, einen glaubwürdig verjüngten Klon des Helden als dessen Gegner auf die Leinwand zu bringen.

Ang Lee verjüngt Will Smith und dreht mit 120 Bildern pro Sekunde

Nun hat Ang Lee das Regiezepter übernommen, der - wie man schon seit „Tiger & Dragon“ (2000) weiß - vor keiner künstlerisch-technischen Herausforderung zurückschreckt. Und so gibt sich Lee nicht mit der digitalen Verjüngungskur für seinen Hauptdarsteller Will Smith zufrieden, sondern führt eine weitere Hi-Tech-Innovation ein: Statt mit den üblichen 24 Bildern pro Sekunde wurde „Gemini Man“ in einem hochauflösenden 3D-Format mit 120 Bildern pro Sekunde aufgenommen. Das Verfahren hatte Lee schon in seinem letzten Film „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ausprobiert, der jedoch an den Kinokassen gründlich floppte.

Will Smith (r) als Henry Brogan und Clive Owen als Clay Verris in einer Szene des Films "Gemini Man". Quelle: Paramount Pictures

In Deutschland kann kein Kino die 120er-Version spielen, weshalb sich das Publikum mit der halbierten Bildfrequenz bescheiden muss. Das visuelle Ergebnis ist vor allem eins: superscharf. Wer will, kann die grauen Haare auf Will Smiths Kopf einzeln zählen und sich an jedem Staubkorn, das durch die Luft wirbelt, ergötzen. Aber auf die gesamte Filmstrecke ist die radikale Schärfe der Bilder eher eine anstrengende Ablenkung, die nicht in ein hyperrealistisches Seherlebnis mündet, sondern als visuelle Spielerei ihren Reiz bald verliert.

Die Rechnung des Hyperrealismus geht nicht immer auf

Nur in einer Handvoll Actionszenen geht das Konzept auf. Die Motorradjagd durch eine kolumbianische Kleinstadt etwa, in der Henry zum ersten Mal mit seiner jüngeren Klonversion konfrontiert wird, ist fulminant choreographiert und profitiert von der visuellen Verdichtung. Solche Szenen bestimmen die gut funktionierende Oberflächenspannung von „Gemini Man“ und lenken zeitweise erfolgreich von der lahmen Plotkonstruktion ab.

Der ins Auge springenden technischen Innovationskraft steht hier nämlich die ebenso auffällige Vorhersehbarkeit des Skripts entgegen. Lee und seine drei Drehbuchautoren schlagen kaum erzählerisches Kapital aus der Prämisse, dass hier ein Held in der Midlifecrisis der 25 Jahre jüngeren Version seiner selbst gegenübersteht. Für eine produktive Verunsicherung des Protagonisten bleibt im hektischen Action-Getümmel keine Zeit.

Prima Bösewichte trösten über manche Plotroutine hinweg

Dass der kinderlose Berufskiller den Klon schon bald als Sohnemann rekrutiert, ist eine echte Nullüberraschung. Manchmal tröstet ja noch ein veritabler Bösewicht über so manche Plotroutine hinweg. Aber auch diese Chance wurde mit dem Engagement von Clive Owen vertan, der hier seine Auftritte in die Länge zieht, als würde er für jede Filmsekunde einzeln bezahlt. Und so bleibt „Gemini Man“ ein hochtechnisiertes Action-Vehikel, dem die narrative Seele fehlt.

Kinostart: 3. Oktober 2019

Deutscher Titel:"Gemini Man"

Regie:Ang Lee

Darsteller:Will Smith, Clive Owen

Länge:117 Minuten

Altersfreigabe:ab 12 Jahren

Kinos:Schiller-Lichtspiele in Hann. Münden, Movietown in Duderstadt, Kinowelt in Herzberg, Cinemaxx in Göttingen

Filmkritik zu “Skin”

Bryon “Babs” Widner ist in dem aufrüttelnden Neonazi-Drama “Skin” (Kinostart am 3. Oktober) ein martialischer Ultrarechter. Der Schauspieler Jamie Bell (“Billy Elliot”) spielt sich dem Publikum als Nazi, der aussteigen will, unter die Haut. Die Verführungstaktiken der alten Rechten werden präzise aufgedröselt.

Schon bei den ersten Bildern bekommt man eine Gänsehaut. Da skandieren rechte Horden in „Blut und Ehre“-T-Shirts bei einem Aufmarsch 2009 rassistische Sprüche, zeigen den Hitlergruß und verprügeln afroamerikanische Gegendemonstranten. Ganz vorn dabei: Bryon „Babs“ Widner (Jamie Bell). Sein Anblick verbreitet Furcht: kahl rasierter Schädel, Tattoos mit rechtsnationalen Codes und Symbolen nicht nur auf dem Körper, sondern auch im Gesicht.

Im harten Hund wächst der Wunsch nach bürgerlichem Rückzug

Widner ist es auch, der einem jungen Schwarzen ein Hakenkreuz in die Wange schneidet und vor Gericht landet. Das Angebot einer Strafminderung gegen Informationen über seine rechtsradikale Ersatzfamilie, die berüchtigten Hammer-Skins, lehnt er ab. Doch die immer brutalere Gewalt weckt Zweifel in ihm. Als er die dreifache Mutter Julie (Danielle MacDonald) kennenlernt, spürt er eine Sehnsucht nach bürgerlicher Existenz.

Danielle Macdonald als Julie und Jamie Bell als Bryon Widner in einer Szene des Films "Skin". Quelle: 24 Bilder Film

Der Israeli Guy Nattiv verfilmt die wahre Geschichte Widners in der Neonazi-Szene Ohios wie einen Thriller. Widners Gegenüber ist der schwarze Aktivist Daryle Jenkins (Mike Colter). In die Handlung eingefügt ist die schmerzhafte Entfernung der Tattoos und der schwierige Abschied von der Vergangenheit.

Hauptdarsteller Jamie Bell trägt das aufrüttelnde Drama

Präzise werden die Verführungsmechanismen der Ewiggestrigen aufgedröselt, die geforderte Nibelungentreue, die Erziehung junger Menschen zum Hass. Aussteigern drohen Strafen. Jamie Bell, der einstige „Billy Elliot“, trägt den Film. Wenn im Abspann der echte Bryon Widner zu sehen ist, inzwischen Mitstreiter von Jenkins, keimt ein bisschen Hoffnung auf.

Kinostart in Deutschland:3. Oktober 2019

Deutscher Titel: „Skin“

Regie: Guy Nattiv

Darsteller:Jamie Bell, Mike Colter, Danielle MacDonald

Filmlänge: 117 Minuten

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Kino: Cinemaxx in Göttingen

Von Martin Schwickert und Margret Köhler

Er hält nur drei Lesungen 2019 in Deutschland, eine davon in Göttingen. Fernando Aramburu stellt am Mittwoch, 9. Oktober, sein aktuelles Buch „Langsame Jahre“ vor. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Alten Rathaus.

02.10.2019

Tobias Sosinka inszeniert Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ als Spiegelbild aktueller politischer Umstände. Bei einem Pressegespräch erklärte er, warum das Stück nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

01.10.2019
Göttinger Literaturherbst - Es gibt wieder Tickets für Negt und Steidl

Aufgrund der großen Nachfrage haben die Verantwortlichen des Göttinger Literaturherbstes die Veranstaltung „Erfahrungsspuren“ vom Deutschen Theater ins Alte Rathaus verlegt. Dadurch sind jetzt noch Tickets verfügbar.

01.10.2019