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Regional Diese Kinofilme gibt es ab Donnerstag in und um Göttingen zu sehen
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12:00 04.03.2020
Dimitrij Schaad als Marc-Uwe in dem Film "Die Kaenguru-Chroniken". Quelle: epd
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Göttingen

Erst Roman, dann Hörbuch, später Theater und jetzt: Kino. Das Känguru aus den Büchern von Marc-Uwe Kling erobert die Leinwand. Mit „Onward“ ist ab dieser Woche außerdem ein neuer Pixar-Streifen in den Kinos der Region zu sehen. Die Kinostarts der Woche in Göttingen und der Region:

Haut den Nazis auf die Nase!

Von Stefan Stosch

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Es ist nicht ganz leicht, an die Existenz eines sprechenden Kängurus zu glauben – schon gar nicht, wenn dieses auf Schnapspralinen und Schnitzelbrötchen steht, sich als Kommunist begreift und Wohnungen von schluffigen Kleinkünstlern okkupiert. Da kann man den Psychotherapeuten in diesem Film schon verstehen, der das vorlaute Beuteltier allein in der Imagination seines Patienten Marc-Uwe verortet  – und auch dann noch mit wachsender Panik auf seiner Meinung beharrt, als das sprachbegabte Viech in seiner Praxis hockt.

Bislang haben wir von dem Känguru in den Büchern von Marc-Uwe Kling immer nur gelesen oder seine knarzige Stimme in Hörbüchern gehört. Wir haben es nie in Augenschein nehmen können. So selbstverständlich erschien es uns als Marc-Uwes chaotischer Mitbewohner, dass wir kein Abbild von ihm brauchten. Als James Stewart mit dem Hasen Harvey in der US-Komödie „Mein Freund Harvey“ (1950) durch die Kneipen zog, haben wir auch an Harvey geglaubt, ohne den Hasen zu Gesicht zu bekommen.

Doch jetzt ist geschehen, was nach der Vermarktungslogik eines Bestsellers wie „Die Känguru-Chroniken“ zu erwarten war: Das Känguru ist auf die große Leinwand gehüpft. Nach eineinhalb ziemlich kurzweiligen Kinostunden muss man sagen: Das Beuteltier fühlt sich dort, nun ja, pudelwohl.

Es lässt seine großen Ohren spielen, hoppelt durch vermüllte Kreuzberger Straßen, kickt kleine Kläffer durch die Luft („Chihuahuas fliegen am besten“) und zieht seine roten Boxhandschuhe aus dem Beutel, um tumben Neonazis und etwas clevereren Rechtspopulisten eins auf die Nase zu geben. Manchmal bleckt es die Zähne zum Grinsen, und dann weiß man, dass es im nächsten Moment einen bösen Spruch raushaut.

Gute Kumpels: Marc-Uwe und das Känguru. Quelle: PROMO

Das Erstaunliche ist: Der Zuschauer akzeptiert das Viech sofort, das sich da auf der Hollywoodschaukel fläzt und den phlegmatischen Marc-Uwe (gespielt von Dimitrij Schaad) gut gelaunt beleidigt. Die Computertrickser der Firma Trixter kennen sich aus mit vorlauten Wesen aus dem Tierreich und haben auch schon dem Waschbären Rocket in „Guardians of the Galaxy“ Leben eingehaucht. Nun steckten sie den Komiker Volker Zack in einen Motion-Capture-Anzug und sorgten dann per Animation für dessen Verwandlung in den australischen Ureinwohner.

Das Känguru ist schon mal ein Pluspunkt in Dani Levys Komödie – zumal es von Kling selbst gesprochen wird, was eingefleischte Fans erleichtert in ihre Kinosessel zurücksinken lässt. Wer sonst hätte diesen Job übernehmen sollen?

Bei seinem Weg ins Mainstream-Kino ist der titelgebende Hauptdarsteller tatsächlich nicht zu einem „gemäßigt sozialdemokratischen Koala“ mutiert. Das wollten die Filmemacher unbedingt verhindern.

Doch sind bei der Umsetzung einer solchen Vorlage weitere Herausforderungen zu meistern: Die „Känguru-Chroniken“ sind nicht wirklich Chroniken, sondern eher locker verbundene satirische Episoden von erfrischend politischer Dreistigkeit.

Szene aus dem Film "Die Kaenguru-Chroniken". Quelle: X Verleih

Känguru-Erfinder Marc-Uwe Kling hat auch das Drehbuch geschrieben und so gut als eben möglich eine Geschichte um die beiden ungleichen Kumpel in ihrem Kreuzberger Kiez gestrickt. Das Ganze ist eher ein Notkonstrukt – weshalb der Handlung gelegentlich auch auf die Stelle tritt. Was hier wirklich zählt, ist der anarchisch-alberne Witz – sowie der Einsatz für die rechte, also linke Sache. Nieder mit dem kapitalistischen Schweinesystem!

Und da kommt der rechtspopulistische Bauunternehmer Jörg Dwigs (Henry Hübchen) ins Spiel, eine schon aus den Büchern bekannte Figur. Dwigs will sich ausgerechnet in Kreuzberg mit einer Art Dwigs-Tower verewigen – nicht ganz unähnlich den Gepflogenheiten eines Immobilienhais in New York, der einen Trump-Tower hochgezogen hat. Es handelt sich um eine ganz besondere Form der Gentrifizierung.

Diesen großkotzigen Bebauungsplan gilt es mit geballtem Wort- und Wahnwitz zu stoppen. Ein Grüppchen Underdogs nimmt sich der Aufgabe an. Um so besser, wenn sich dabei der ein oder andere Porsche verschrotten lässt. Nur bei der Romanze mit Nachbarin Maria (Rosalie Thomass) kommt der ungeschickte Marc-Uwe trotz der Beziehungstipps seines tierischen Mitbewohners nicht recht voran.

Nicht alle Pointen sitzen, manche sind nur so lala. Aber das ist ja auch schon in den Büchern so. Die Gags werden in so rascher Folge gezündet, dass die Rohrkrepierer kaum bemerkt werden. Sowieso geht es hier nicht um politische Analyse, sondern darum, einen Wohlfühlfaktor beim einverstandenen Publikum zu erzielen: Das rechte Gesocks wird am Nasenring durch die Kreuzberger Manege gezogen.

Echte Känguru-Freunde dürften auf ihre Kosten kommen. Sie haben ja schon immer gewusst, dass es sprechende Kängurus gibt.

„Die Känguru-Chroniken“, Regie: Dani Levy, mit Dimitrij Schaad, Henry Hübchen, Rosalie Thomass, 93 Minuten, FSK 0

Zu sehen im Cinemaxx Göttingen, Movietown Eichsfeld, Neue Schauburg Northeim, Schiller Lichtspiele Hann. Münden, Central Lichtspiele Herzberg

„Überlasst die Schnapspralinen lieber mir“

Wieso strebt ein kommunistisches Känguru eine Kinokarriere an?

Das ist doch klar: Propaganda für die gute Sache! Marc-Uwes erklärtes Ziel war es, die erste deutsche Komödie zu schreiben, in der weder gekotzt noch gerülpst noch gefurzt noch eingepullert wird. Sperma kommt auch nicht vor.

Musstest Du Rücksicht auf Deinen Co-Star Marc-Uwe nehmen, der Dir in puncto Attraktivität, Witz und Eloquenz klar unterlegen ist?

Ach, Rücksicht ist nicht so mein Ding. Ich schaue lieber nach vorn. Marc-Uwe hat ja auch gar nicht mitgespielt (im Film ist Dimitrij Schaad zu sehen, d. Red.). Darauf musste ich bestehen, denn ein Schauspieler ist halt immer nur so gut, wie das Ensemble, dass ihn umgibt. Und Marc-Uwe kann ja vieles, nun ja, vieles ist vielleicht übertrieben, sagen wir, er kann einiges, oder ein bisschen was, zumindest kann er ganz ordentlich Tischfußball spielen, doch Schauspielerei ist seine Sache nicht.

Im Film bekommst Du es mit Rechtspopulisten zu tun: Wie sollte man sich denen gegenüber verhalten, wenn man gerade keine roten Boxhandschuhe aus dem Beutel ziehen kann?

Also ich kann Euch sagen, was man nicht machen sollte. Man sollte auf keinen Fall mit den Faschisten zusammen den Chef einer Splitterpartei zum Ministerpräsidenten wählen. Davon abgesehen gilt leider, dass wir das Übel wohl nicht so schnell loswerden. Dazu bräuchten wir ein solidarisches Wirtschaftssystem, eine sinnstiftende Politik und viel Zeit. Und außerdem müsste mal jemand Mark Zuckerberg auf die Finger hauen.

Kurz zur Berliner Realpolitik: Bringt der Mietendeckel Gerechtigkeit für Kiezbewohner?

Jedem Topf sein Deckel! Wobei man sicher auch noch das Feuer unter dem Topf ausmachen sollte. Aber klar ist, dass etwas getan werden muss. Nicht jeder findet einen Kleinkünstler mit einem 20 Jahre alten Mietvertrag, bei dem man das Wohnzimmer besetzen kann.

Empfiehlst Du den Genuss von Schnapspralinen während der Kinovorstellung?

Nein, denn nach den Gesetzen des Kapitalismus sorgt eine erhöhte Nachfrage für eine Preissteigerung. Also überlasst das Schnapspralinenessen lieber nur mir.

Interview: Stefan Stosch

Ein nicht allzu bezaubernder Elf

Von Martin Schwickert

Die Welt war einmal voller Magie. Aber dann kam die Glühbirne. Warum komplizierte Lichtzaubersprüche lernen, wenn man einfach nur einen Schalter umlegen muss?

Der neue Pixar-Film „Onward“ spielt in einer modernen Welt, die aussieht wie unsere. Nur wird sie von Märchenwesen bevölkert, die ihre magische Herkunft vergessen haben. Der schüchterne Elf Ian quält sich zur Highschool, wo die Mitschüler ihn ignorieren. Er tut sich mit dem jugendlichen Selbstfindungsprozess schwer. Aber zu seinem 16. Geburtstag überreicht die Mutter ein Geschenk des toten Vaters: ein Zauberstab samt Gebrauchsanweisung, mit dem Daddy für einen Tag aus dem Jenseits zurückgeholt werden kann. Aber Zaubern will gelernt sein.

Mit seinem dramaturgischen Gerüst schickt Regisseur Dan Scanlon den Helden auf eine Reise zu sich selbst. „Onward“ so etwas wie „Die Eiskönigin“ für Jungs, denn auch hier wird Geschwisterliebe erlittenen Verlusten entgegengestellt. Die Magie, die „Onwards“ ähnlich wie sein weibliches Pendant beschwört, will sich auf der Leinwand nicht herstellen. In visueller Hinsicht bleibt dieser Pixar-Film weit hinter den Standards des Animationsstudios zurück.

„Onward: Keine halben Sachen“, Regie: Dan Scanlon, 114 Minuten, FSK o. A., zu sehen im Cinemaxx Göttingen, Movietown Eichsfeld, Central Lichtspiele Herzberg

Odyssee quer durch Europa

Abraham, der 88-jährige, kauzige, gewiefte Schneider, soll ins Altersheim gesteckt werden. Da steigt er kurzerhand ins Flugzeug und macht sich auf die abenteuerliche Reise von Buenos Aires nach Polen, um nach 70 Jahren ein Versprechen einzulösen. Er sucht den Jugendfreund, der ihm während des Holocaust das Leben rettete, um ihm ein besonderes Geschenk zu bringen: den letzten von ihm handgefertigten Anzug. Der eigensinnige Abraham verliert auf seiner Odyssee quer durch Europa seine Fahrkarten, sein Geld und fast auch sein Bein, trifft aber auf schräge Gestalten und besondere Menschen. r

„Das letzte Geschenk“, OmU, von Pablo Solarz, mit Miguel Ángel Solá, Angela Molina, Natalia Verbeke, 90 Minuten, FSK o.A., zu sehen im Lumière

Von Stosch/Schwickert