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14:30 25.05.2019
Das Dieter Ilg Trio: Dieter Ilg (Bass), Rainer Böhm (Klavier) und Patrice Héral (Schlagzeug) im Distribo-Logistikzentrum. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Dieter Ilg ist ein Schöngeist. Er ist ein Musiker, der Töne mit Bedacht liebevoll und mit Wirkung setzt. Seine Musik zielt auf Herz, Kopf und Bauch. Die Suche des Jazz-Musikers aus Freiburg nach eigenen Wurzeln führte ihn zu einer Musik, die Jazz und Klassik vereint. Im Rahmen der Händel-Festspiele gastierte er am Freitag mit seinem Trio im Distribo-Logistikzentrum. Themen aus Georg Friedrich Händels berühmter Wassermusik und dem Alexanderfest sowie Werke von Johann Sebastian Bach verwandelte er zu ätherischer Schönheit.

Die ersten Töne aus Händels Wassermusik weisen den Weg durch den Abend: Das Spiel vom Pianisten Rainer Böhm auf den Tasten des Flügels versprüht barockes Flair, Dieter Ilgs ruhige Bassläufe sind von kontemplativem Gleichgewicht durchdrungen und Patrice Héral spielt mit dem Jazzbesen federnd auf dem Schlagzeug. Gemeinsam schaffen sie eine schwebende Musik, in der komponierte und improvisierte Passagen verschmelzen. Auch dem folgenden Andante aus dem Alexanderfest geben sie einen meditativen Gestus und erfüllen es mit innerem Frieden.

Ilg verzichtet bei den von den Händel-Festspielen beauftragten Arrangements nahezu auf jazztypische Intensität oder klangliche Reibungen. Die Musik seines Trios scheint in die Stille hineingespielt zu sein. Man darf ihr genussvoll lauschen, den Tönen hinterher spüren – hinterher fühlen. Nur selten bricht das Trio aus diesem Konzept aus: Dann groovt der Bassist, der Schlagzeuger spielt laut und der Pianist befreit sich in seinen Improvisationen aus der barocken Welt. Da hat die Musik plötzlich Biss und strotzt vor Energie.

Die Liebe von Dieter Ilg, Themen aus klassischer Musik aufzugreifen und zu bearbeiten, knüpft durchaus an die Jazzgeschichte an. Immerhin sind viele Jazzstandards auch nur Aneignungen von Musical-Melodien. Und in den 1950er-Jahren gab es als „Third Stream“ schon eine Fusion westlicher Kunstmusik mit dem Jazz. Ilg belebt dieses Genre auf seine eigene Art.

Im Dieter-Ilg-Trio haben sich drei Weltklasse-Musiker vereint. Der 57-jährige Bandleader ist am Bass der Ruhepunkt und das Zentrum der Formation. Seine unkonventionellen Bassläufe sind sparsam und schreiten mit einer inneren Ruhe voran. Die Töne klingen tief und warm nach dem Holz seines Kontrabasses. In seinen emotionalen Soli formt und verziert er mit der linken Hand die gezupften Töne auf dem Griffbrett. Rainer Böhm spielt am hellklingenden Steinway-Flügel beseelt; er beflügelt seine Läufe auf den Tasten und verzaubert mit Tönen. Schlagzeuger Patrice Héral verleiht der Musik eine verspielt-tänzerische Leichtigkeit und feinsinnige Eleganz.

In der zweiten Hälfte des Konzerts huldigt das Trio Johann Sebastian Bach. Die drei Jazzmusiker reduzieren dessen Musik auf die Essenz und geben ihr so eine noch größere Erhabenheit. Dabei variieren sie Werke wie das „Wohltemperierte Klavier“, eine Sonate für Flöte und Cembalo oder ein Präludium aus dem Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach. In einem Bach-Werk präsentiert sich Ilg auch als Bass-Virtuose: energiegeladen mit atemberaubend schnellen Läufen und flirrenden Flageoletts auf den vier Saiten seines Basses.

Spannend ist der Gegensatz von zwei Goldberg-Variationen. Eine Variation interpretiert das Trio spannungsgeladen, als müsste es sich ein widerspenstiges Werk erkämpfen. Eine andere Variation klingt in zarter Anmut wie eine Liebeserklärung an Bach.

Dieter Ilgs Adaptionen der Barockmusik von Händel und Bach lässt nicht unberührt. Die fast überirdische Grazie in der Musik schafft eine besondere Atmosphäre. Das Publikum ist in der großen Halle ganz leise und wagt die entschleunigten Klänge kaum mit Applaus zu stören. Selbst beim begeisterten Schlussapplaus spürt man, wie ergriffen die Zuhörer sind. Der Jazz-Bassist und Schöngeist hat in den Seelen der Zuhörer etwas zum Schwingen gebracht. So beseelt schön muss Musik wohl auch im Himmel klingen.

Von Udo Hinz

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