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16:46 24.10.2019
Kathy Meßmer (links), Janet Boatin und Jens Balzer, der im Apex aus seinem neuen Buch „Pop und Populismus“ liest. Quelle: Anja Semonjek
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Göttingen

Jens Balzer hat am Mittwochabend aus seinem Buch „Pop und Populismus“ im Apex vorgelesen. Beim Göttinger Literaturherbst diskutierte er mit der Soziologin Kathy Meßmer darüber, wie sich die Popmusik seit den 90er Jahre nach rechts verschiebt.

„Sie haben sich wahrscheinlich für diese Veranstaltung entschieden, weil es um Popmusik geht. Es wird aber auch um andere Themen gehen“, beginnt die Moderatorin Janet Boatin den Abend. Rechts von ihr sitzt Jens Balzer, Popkritiker und Autor. Links sitzt Kathy Meßmer, Soziologin und Expertin in Sachen Digitalisierung und Feminismus.

Dass sich rassistische und sexistische Parolen heutzutage mehr und mehr in der Popmusik finden lassen, haben wir nicht der AfD zu verdanken, lautet eine zentrale Aussage Balzers – sondern bestimmten Musikern. Dadurch entsprechen sie, die häufig migrantischen Rapper, genau dem Feindbild der AfD.

Eine Verschiebung nach rechts

Balzer beginnt sein Buch mit einem „Skandal“ im Jahr 2018: Die Gangster-Rapper Farid Bang und Kollegah gewannen den ECHO. Dieser Musikpreis wurde in diesem Jahr zuletzt vergeben. Dass zwei Musiker, die sich rassistisch, antisemitisch und homophob in ihren Liedern zeigten, den Preis gewannen, war Skandal genug, den Preis abzuschaffen.

„Von diesem Skandal ausgehend, versuche ich zurückzuverfolgen, wie sich die Popmusik entwickelte“, erklärt Balzer. In den 90er-Jahren sei sie afroamerikanisch und antirassistisch gewesen. Mit Aggro-Berlin, samt Bushido und Co., gab es einen Bruch: Die sexistische, antisemitische Sprache etablierte sich in der deutschen Musik. Gewalt werde ab sofort verherrlicht und verharmlost. „Der Mainstream hat sich nach rechts verschoben“, sagt Balzer. Diese Verschiebung sei eine kulturelle.

Wer trägt die Verantwortung?

Wer trägt die Verantwortung, dass die Lieder in die Zimmer der Jugendlichen gelangen? Junge Leute bilden schließlich ihr Weltbild nach den Texten ihrer Vorbilder, ihrer Stars. „Juristisch kann man gegen Musik wohl nicht vorgehen“, sagt Meßmer. Doch könne man einen Diskurs führen, der kontinuierlich ist, der also nicht nach kurzer Zeit wieder verstummt.

Aber: „Ist Musik überhaupt noch ein Sprachrohr für die jüngere Generation?“, lautet eine Frage des Abends. Das Digitale biete schließlich neue Möglichkeiten, Vorbilder zu finden. Die Popkultur formiere sich neu. Balzer meint: „Die Musik verliert ihr kollektivstiftendes Merkmal – sie spielt aber noch eine verstärkende Rolle.“

„Man kann heutzutage jeden hassen, in der sogenannten Hate Speech. Ist das nicht Demokratie?“, fragt die Soziologin Meßmer – um ihre Frage mit einem klaren „Nein.“ zu beantworten. Von Hass seien nämlich einige Menschen mehr betroffen, als andere: Frauen im Allgemeinen, Musliminnen und Homosexuelle zum Beispiel. Dieser Hass vermittelt ihnen Sprechverbote, was das Gegenteil von Freiheit bedeute.

Die neuen Popstars Deutschlands

Insgesamt scheinen die Diskutierenden betrübt an diesem Abend und die Nostalgie über vergangene Zeiten, das Ende einer Ära, ist besonders Balzer anzumerken: „War Pop nicht immer die Musik der Minderheiten? Bei der sich solidarisch vereint wurde gegen Ungerechtigkeiten?“. Unter anderem spricht er von David Bowie und Iggy Pop.

Heute sei es den Popstars dagegen wichtig, zu zeigen, dass sie teure Autos fahren und Markenkleidung tragen. Außerdem wollen sie zeigen: „Ich bin noch rassistischer als andere“, indem sie immer wieder Judenhass zeigten. Meßmer wirft ein, dass Medien wie Spotify einen Druck auf die Künstler ausüben: „Die Texte müssen immer krasser werden, um genügend Klicks zu bekommen“.

Weitere Veranstaltungen des Literaturherbstes

Dieser Termin entfällt: Frank Goosen, heute um 21 Uhr im Alten Rathaus geplant.

Diese Termine finden statt und sich noch nicht ausverkauft:

Mesale Tolu liest heute aus ihrem neuen Buch „Mein Sohn bleibt bei mir“, um 19 Uhr im Alten Rathaus.

Die nächste Lesung, für die es noch Tickets gibt, findet am Freitag, 25. Oktober, statt: Sabine Hossenfelder liest um 19 Uhr in der Paulinerkirche aus „Das hässliche Universum“. Zwei weitere Lesungen gibt es am Freitag: Ulrich Woelk stellt sein Buch „Der Sommer meiner Mutter“ um 19 Uhr im Muthaus Hardegesen vor. In der Universitätskirche St. Nikolai treten Michael Köhlmeier und Konrad Liessmann auf. Aus dem Buch „Der werfe den ersten Stein“ wird gelesen. Im Literarischen Zentrum liest Andrew Ridker aus „Die Altruisten“ um 21 Uhr.

Am Sonnabend gibt es noch Tickets für acht Veranstaltungen. Im Freigeist Göttingen redet man rund um das Thema „Kafka edieren – Verlegerische Leistung und philologisches Geschick“. Über „Politik des Zusammenhalts“ wird ab 19 Uhr in der alten Mensa diskutiert.

Von Anja Semonjek

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