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Regional Dünne Luft, rauer Ton und kantige Ellbogen
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18:23 08.03.2012
Von Peter Krüger-Lenz
Literarischer Quereinsteiger: Utz Claassen thront in der Scharwache im Alten Rathaus.
Literarischer Quereinsteiger: Utz Claassen thront in der Scharwache im Alten Rathaus. Quelle: Vetter
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Göttingen

Claasens kleine Lesereise führte ihn erst in die Göttinger Buchhandlung Deuerlich und anschließend auf Einladung eines Stadtmagazins und einer Anwaltskanzlei in die Scharwache im Alten Rathaus. Im Zentrum des Geschehens von "Atomblut" stehen die Geschäfte der „Ruhrstrom Energiewirtschafts AG“ und natürlich die dort handelnden Personen. Es geht um schmutzige Deals der Herren mit den weißen Hemden.

Es geht um Ehrlichkeit und Anstand in einer Wirtschaftswelt, in der solche Werte nicht viel zählen – folgt man Autor Claassen. Und der sollte es wissen, hat er doch die Konzerne Sartorius in Göttingen und den Energieriesen EnBW in Baden-Württemberg als Vorstandsvorsitzender gelenkt. Dort oben an der Spitze solcher Giganten ist die Luft dünn, der Ton schon mal rau und die Ellbogen sind kantig.

Behaupten in Männerwelt

In einer solchen Männerwelt muss sich Fabienne Felsenstein, behaupten, eine der Protagonistinnen der Geschichte – ein Name mit viel Kitschpotenzial, man möchte das adelige „von“ immer mitlesen. Felsenstein ist 37 Jahre alt und eigentlich eine Quereinsteigerin. Sie hat Mathematik, Astrophysik und Betriebswirtschaft studiert. Ihren rasanten Aufstieg verdankt sie einem Mentor, Justus Kohlmeier. Der Ex-Vorstandsvorsitzende und inzwischen Aufsichtsratsvorsitzende des Energiekonzerns sucht einen Ersatz für seinen verunglückten – oder ermordeten – Nachfolger.

Windige Geschäfte werden getätigt und Millionen verschoben. Der eigene Geldbeutel ist in der Regel näher als das Firmenkonto. Richtig dramatisch wird der Plot, als es in der Straße von Malakka zu einem gigantischen Schiffsunglück kommt. Malakka ist eine der weltweit bedeutendsten Schifffahrtsrouten. Sie liegt zwischen Indonesien und Malaysia und ist an ihrer engsten Stelle lediglich 2800 Meter breit.

Sollte sich dort tatsächlich ein ähnliches Unglück ereignen und die Durchfahrt für zwei, vielleicht drei Wochen gesperrt sein, „so hat das dramatischere Folgen für die Welt als Fukushima“, erklärt Claassen mit Blick auf das Erdbeben, den anschließenden Tsunami und die Kernschmelze in dem japanischen Atomkraftwerk fast auf den Tag genau vor einem Jahr.

Ähnlich wie Schätzings Schwarm

Claassen beschwört mit seinem Krimi ein Szenario herauf, das dicht an der Wirklichkeit liegt, dichter vielleicht als jenes, das Frank Schätzing in seinem Bestseller „Der Schwarm“ erdachte. Bei ihm schlägt die Natur zurück. Auch Schätzing ist als Werbefachmann literarischer Quereinsteiger wie Claassen, der bislang zwei Sachbücher veröffentlichte.

In den deutschen Feuilletons und auch in der Scharwache beteuert Claassen nachdrücklich, dass die Geschichte fiktiv ist und die Figuren erfunden. Wo finde sich Claassen in dem Buch wieder, wollte einer der Besucher der Lesung wissen. „Im Wortschatz und in der Sprache“, lautete seine Antwort. Vorstellbar sind jedoch auch weitere Anleihen Claassens aus dem wirklichen Leben.

Pläne übrigens für eine Fortsetzung hat der Manager längst geschmiedet. „Es soll eine Trilogie werden“, sagt er, „wenn Kritiker und Leser nicht anderes nahe legen“. Die Titel der beiden Folgebände seien längst geschützt.

Utz Claassen: „Atomblut“, Econ-Verlag, 381 Seiten, 18 Euro.