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Regional Durch Milchglas auf fremdes Leben geschaut
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23:17 14.02.2010
Schicksalhafte Begegnungen: Adam (Florian Eppinger), Polizist Raffael (Meinolf Steiner) und Anton (Norman Grüß) (v. l.).
Schicksalhafte Begegnungen: Adam (Florian Eppinger), Polizist Raffael (Meinolf Steiner) und Anton (Norman Grüß) (v. l.). Quelle: Wienarsch
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Die andere wird dominiert von einer Fernsehproduzentin mit Doppelleben. Im Job erfolgreich, verkriecht sie sich immer wieder unerkannt in einem Hotelzimmer, verdrückt Torte und lässt sich ihre Migräne wegmassieren. Den Job übernimmt eines Tages eine junge Mutter mit Pornoerfahrung. Sie erkrankt unheilbar, die Produzentin breitet ihr Sterben vor der Kamera aus und verdient damit viel Geld. Das vergräbt sie im Wald und wird dabei von einem Aussteiger beobachtet.
„Alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft.“ Das Stück „spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama.“ Das könnte über „Zorn“ geschrieben werden, stammt aber aus dem Klappentext des Buches „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ von Helmut Krausser. Es könnte auch aus einer Kritik zu Dea Lohers Stück „Unschuld“ stammen, das vor wenigen Wochen am Staatstheater Kassel Premiere hatte. Denn diesen Autoren, und nicht nur ihnen, ist gemein, dass sie die Schicksale von Menschen, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben, mehr oder weniger verblüffend verknüpfen. Das ist offenbar gerade modern.
Regisseur Rothenhäusler hält sein Personal in Bewegung. Alle sind sehr oft auf der Bühne, manchmal sprechen zwei miteinander, meist ohne sich dabei anzusehen. Wer sich nicht austauscht, ist unterwegs. Die Leben laufen eben parallel. Mit seltsamer Distanziertheit gehen die Akteure mit sich und den anderen um, die Dramatik, die in den Beziehungen und Lebensgeschichten steckt, wird undeutlich wie durch eine Milchglasscheibe beobachtet. Ritzende Selbstverletzung wird ohne Messer gespielt, das Blut, das beim Verhör fließt, kommt aus der Flasche.
Rothenhäusler spitzt nicht zu, er lässt plätschern wie das Dasein oft dahintröpfelt, egal, ob gestritten, geschieden, verlassen oder geliebt wird. Zornig, wie der Titel des Stückes nahelegt, erscheinen die Protagonisten nicht. Es ist eine spezielle Art des Zorns, den Haratischwili beschreibt. Ein Zorn, der nicht blindwütig ausbricht, sondern Potenzial für Veränderung bringt. So erklärt sie es im Programmheft. Deutlich wird das nur ansatzweise gegen Ende, als Tony und Anton über Zukunft nachdenken. Die kommt, irgendwie, soviel ist klar.
Ein Auftragswerk, also ein Stück, das unbekannt eingekauft wird, ein junger Regisseur und der Beginn einer Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater Hannover – neben fünf erfahrenen DT-Ensemblemitgliedern spielen die Schauspielstudenten Marie Bauer, Norman Grüß und Nora Decker: Die Verantwortlichen im DT haben viel gewagt. Gut, dass sich das Theater das leistet. Schade, dass viele Zuschauer nach sehr freundlichem Applaus den Saal eher ratlos verließen. Zum Nachdenken gab es hinterher viel, was ja auch eine Qualität sein kann.
Weitere Vorstellungen: 16. und 26.2. sowie 1., 5., 12., 23., 24. und 31. März um 19.45 Uhr. Kartentelefon: 05    51   /   49    69    11.

Von Peter Krüger-Lenz