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Regional Einblicke in die Denklandschaft
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20:38 24.11.2010
Das Original: Enigma-Trio mit Konstanze Felber, die in der Göttinger Uniaula fehlte.
Das Original: Enigma-Trio mit Konstanze Felber, die in der Göttinger Uniaula fehlte. Quelle: EF
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Die hatte Hans Pfitzner (1869-1949) von den Nationalsozialisten erlebt, doch nach 1945 hat dies zum fast völligen Verschwinden seiner Musik aus den Konzertprogrammen geführt.
Pfitzners 1896 entstandenes Klaviertrio op. 8 stand im Mittelpunkt des zweiten Aulakonzerts der Göttinger Kammermusikgesellschaft, die ihr Saisonprogramm der Spätromantik gewidmet hat. Zu Gast war das aus Heil­bronn und Stuttgart stammende Enigma-Trio – allerdings nicht in seiner Originalbesetzung: Die Geigerin Konstanze Felber, die ein Kind erwartet, ließ sich von ihrem Kollegen Zohar Lerner vertreten.

Mit dem Pfitzner-Werk (das nicht zum auf der Internet-Seite ausgewiesenen Repertoire des Trios gehört) hatten die Musiker einen in mehrfacher Hinsicht schweren Brocken zu stemmen. Der Komponist liebt die titanische Geste, kräftezehrende Steigerungen, sich stauende, auch stockende Passagen, die immer auch ein Ringen mit dem Gedanken repräsentieren und der Musik kaum einmal einen natürlichen Fluss gönnen. Einzig im langsamen Satz darf sich das Melos hier und da entfalten – aber auch dort nicht entspannt, sondern grüblerisch-schwermütig.

Ein solches Werk lässt sich nicht mitreißend musizieren, es sperrt sich dagegen – aber doch immerhin so, dass der Hörer Einblicke in die Denklandschaft des Komponisten gewinnt. Das gelang dem Violinisten zusammen mit seinem Cellokollegen Gabriel Faur und dem Pianisten Maciej Szyrner eindrucksvoll. Mit intensiver Tongebung, dramatischem Feuer und vor allem in den nach innen gekehrten Piano-Passagen im langsamen Satz vermochten sie die Hörer zu faszinieren. Dass Pianist Szyrner an wenigen Stellen kleine technische Schwächen zeigte, ist angesichts des großen Umfangs seiner Aufgaben in diesem Werk verzeihlich.

Eingeleitet hatte das Trio den Abend mit einem liebenswürdigen Allegretto von Beethoven. Den Schluss bildete das Brahms-Trio H-Dur in der Spätfassung: Hier endlich durften sich die Musiker breit und hingebungsvoll aussingen und in den raschen Sätzen ihre Virtuosität vorführen. Da brach dann auch der Beifall lautstark los – die Zugabe: „Spielen wir eine Oper von Rossini“, ein wunderbar witziges Stück von Rodion Schtschedrin.

Von Michael Schäfer