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Regional „Eingesperrt“: Schola Heidelberg und Ensemble Aisthesis konzertieren in Göttingen
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„Eingesperrt“: Schola Heidelberg und Ensemble Aisthesis konzertieren in Göttingen

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16:24 30.09.2020
Schola Heidelberg und Ensemble Aisthesis spielen mit ihrem musikalischen Leiter Walter Nußbaum (Mitte) in der Lokhalle das Konzert „Eingesperrt“. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Die Schola Heidelberg und das Ensemble Aisthesis sind mit ihrem Konzert „Eingesperrt – Stimmen aus dem Kopfgefängnis“ in der Göttinger Lokhalle zu Gast. Der Auftritt am Montag, 26. Oktober, beginnt um 20 Uhr.

Das Projekt „Eingesperrt“ widme sich zum einen Teil dem Schicksal eines gesellschaftlichen Außenseiters, teilt das Kulturbüro Göttingen im Auftrag des Veranstalters Klangforum Heidelberg mit: Der Künstler Julius Klingebiel (1904 bis 1965) sei ein „Anderer“ gewesen, ein als krank ausgegrenzter Bürger. Klingebiel habe an paranoider Schizophrenie gelitten und sei deshalb ab 1939 in mehrere Nervenkliniken eingewiesen worden, später sei er Patient im Landeskrankenhaus Göttingen gewesen. Klingebiel habe als unheilbar gegolten, sei nach dem NS- Erbgesundheitsgesetz zwangssterilisiert worden, habe die NS-Tötungsaktionen überlebt, heißt es in der Mitteilung. Ab 1951 habe er alle Wände seiner Zelle im Verwahrungshaus Göttingen bemalt. „Die ,Klingebiel-Zelle’ gilt heute als solitäres Werk der Art Brut“, heißt es weiter.

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Zwei asiatische Kompositionen komplettieren das Programm

Zwei asiatische Kompositionen der Gegenwart würden sich im Programm „zu einem ebenso vielschichtigen wie sinnlichen musikphilosophischen Diskurs über die persönliche Freiheit“ verbinden, heißt es weiter. Aufgeführt werde ein Auftragswerk von Ye Shen ( geboren 1977) aus Shanghai über den chinesischen Dichter Hai-zi (1964-1989), der sich für den Suizid entschieden habe.

„Den nach außen gewendeten und von außen instrumentalisierten Blick“ thematisiere die taiwanesisch-amerikanische Komponistin Yu-hui Chang (geboren 1970) in ihrer Auftragskomposition für Stimmen und Instrumente, so die Mitteilung. Themen seien die Rolle der Künstlichen Intelligenz und der Gesichtserkennung sowie „deren Wirkung auf das Individuum: das eigene Gesicht als Maske und als Gefängnis“.

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Gesellschaftlicher Wandel wirkt auf psychische Realität ein

Die globale Gesellschaft unterliege ständigem Wandel, der sich auf politischer und sozialer Ebene genauso auswirke wie auf der Ebene „,privater’, individueller psychischer Realität“, so der Veranstalter Klangforum Heidelberg. „Wenn Medien immer häufiger von politisch extremen Strömungen und nationalistisch orientierten Gruppierungen, der Anfeindung von Migranten und Geflüchteten oder Diskriminierung von Menschen mit anderweitiger sexueller Orientierung, der Verspottung von Kranken oder Instrumentalisierung von Religionen gegeneinander berichten, bleibt das nicht ohne Folgen – insbesondere auf Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung von Menschen als ,anders’. Anderssein ist gefährlich. Je mehr Gesellschaften zusammenzubrechen drohen, je gefährlicher erscheint dem Einzelnen im Anderen das Fremde, das Falsche, der Gegner“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Das Projekt werde gefördert unter anderem von der Stiftung Niedersachsen, der Baden-Württemberg-Stiftung, der Ernst von Siemens Musikstiftung, vom Konfuzius-Institut der Universität Heidelberg und vom Förderverein der Sozialpsychiatrie Moringen.

Das Programm: Clemens Gadenstätter: Die Zelle (2020); Yu-Hui Chang: Saving Faces (UA / 2020); Ye Shen: Raum/Distanz (UA / 2020). Veranstalter des Konzerts ist der Verein Klangforum Heidelberg. Karten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen sowie online unter www.reservix.de erhältlich.

Von Stefan Kirchhoff