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Regional Ensemble K mit „Korczak und die Kinder“ im JT
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00:25 01.03.2018
"Korczak und die Kinder": szenische Lesung des Ensemble K im Jungen Theater. Quelle: Heller
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Göttingen

Rudolf Sparing vom Ensemble K hat das Stück von Sylvanus (1917-1985) für die Lesung bearbeitet.

Korczak (gelesen von Gerhard Winterhager) trifft einen deutschen Offizier (Christian Michael Donat) und Schwester Ruth (Ruth Schimanski). Sparing übernimmt die Rolle des Erzählers. Gleich zu Beginn zerstört er einen Turm aus Bausteinen, denn es ist Krieg. Im Warschauer Ghetto leitet Korczak ein Waisenhaus. Hier leben 200 Kinder im Alter von zwei bis 16 Jahren.

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Korczak hat in seinem Leben nur einmal gelogen, und dies aus Liebe“, teilt der Erzähler dem Publikum mit. Die Mädchen und Jungen im Waisenhaus sind für den Kinderarzt wie seine leiblichen Kinder. Korczaks Gegenpart ist der deutsche Offizier. Dieser betont, dass er lediglich seine Pflicht getan habe. Er habe sich den Nationalsozialisten angeschlossen, da er keine andere Perspektive für sich gesehen habe.

Ensemble K mit „Korczak und die Kinder“ im JT in Göttingen. Quelle: Peter Heller

Doch nicht nur Menschen, sondern auch Warschau selbst und ein Bordstein der Straße, an der das Waisenhaus steht, kommen zu Wort, gesprochen von Schimanski. So berichtet die Stadt, dass sie früher als Paris des Ostens galt. Doch jetzt hersche in ihr Armut und Verzweifelung. Im Waisenhaus müssten sich mehrere Kinder ein Bett teilen.

Kinder sollen in ein Lager deportiert

Als im August 1942 der deutsche Offizier am Waisenhaus erscheint, um Korczak darüber zu informieren, dass das Waisenhaus verlegt werden soll, entwickelt sich zwischen den beiden eine Diskussion, in dem der Offizier vergeblich versucht, dem Kinderarzt zu verdeutlichen, dass die Kinder in ein Lager deportiert werden sollen. Als Korczak später von seinem Rabbi erfährt, dass den Kindern der Tod droht, entscheidet er sich dafür, sie in die Gaskammer zu begleiten. Der Offizier versucht, den Arzt von seinem Vorhaben abzubringen, doch dies gelingt ihm nicht.

Im Publikum herschte ob der deutlichen Vehemenz, mit der der Offizier sein Handeln rechtfertigte, Fassungslosigkeit. Ansonsten gab es während der gesamten Lesung keine Äußerungen, sondern die Zuschauer verfolgten gespannt die emotionalen Dialoge zwischen den Figuren.

Tränen in Treblinka

Zum Ende der rund einstündigen Lesung liegt die Konzentration ausschließlich auf den Emotionen von Korczak und dem Offizier. Der Kinderarzt führt einen Monolog, in dem er sich an Gott wendet. Er ist bereit seinen letzten Weg anzutreten. Der Offizier hingegen nimmt den Befehl zur Deportation der Kinder entgegen. Er wird ihn befolgen. Dennoch lässt er auf Wunsch Korczaks die Schwestern, die im Waisenhaus gearbeitet haben, entkommen.

Im Lager Treblinka weint der Arzt zwar, ist aber, wie in einem Monolog dargestellt wird, bereit den Verantwortlichen, für die Taten zu verzeihen.

Applaus gab es am Ende der Lesung, die mit Bildern Korczaks und der Kinder endete nicht, auch keine Verbeugung der Darsteller. Das Publikum war, wie sich bei der anschließenden Podiumsdiskussion zeigte betroffen.

Stück heute nicht mehr spielbar

Im Anschluss an die Lesung gab es eine Podiumsdiskussion über das Stück von Erwin Sylvanus. Das Werk stand bereits 1958 und 1978 im Deutschen Theater Göttingen auf dem Spielplan. Die Inszenierung von Heinz Hilpert 1958 gilt als Meilenstein in der Theatergeschichte.

Über den Autor und sein Werk diskutierten Rudolf Sparing vom Ensemble K, Ulrike Witt von der Initiative Erwin Sylvanus, Ruth Florcak, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Göttingen, und Norbert Baensch, der als Dramaturg am deutschen Theater die Aufführung 1978 und als Regieassistent die Aufführung 1958 miterlebte. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Tobias Sosinka, Geschäftsführer des Jungen Theaters.

Das Stück sei damals ein Wendepunkt in der Theaterpraxis gewesen, da es das Publikum zum Nachdenken anregen sollte. „Wir haben das Stück auch häufig vor Schulklassen gespielt“, sagte Baensch. Sparing erklärte, dass er sich bei der Bearbeitung des Textes auf die Emotionen der handelnen Personen konzentriert habe, und dass die ursprüngliche Fassung aus seiner Sicht heute so nicht mehr aufgeführt werden könne. Dem stimmte Florcak zu, die aber auch betonte, dass es wichtig sei, die Erinnerung an die Nazizeit aufrechtzuerhalten. Für Witt hingegen sei das Stück dann noch spielbar, wenn es gelinge, die darin vorkommende zweite Ebene an die heutigen Gegebenheiten anzupassen. In dieser zweiten Ebene erklären die Schauspieler, warum sie die Rollen des Korczak und des Offiziers nicht übernehmen können. „Einen Teil des Textes innerhalb der Lesung habe ich umgeschrieben, so etwa den Schlussmonolog“, erklärte Sparing. Obwohl er mit seiner Fassung oftmals auftrete, sei für ihn mittlerweile eher der Film das Medium, um sich mit der Geschichte des Holocaust auseinanderzusetzen.

Von Vera Wölk

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