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Regional Erhebliche Kunstanstrengung mit Gammeloptik
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16:12 22.03.2012
„Faust“ ins Körperliche heruntergedimmt: ein Film mit vielen Zylindern, aber wenig Tempo.
„Faust“ ins Körperliche heruntergedimmt: ein Film mit vielen Zylindern, aber wenig Tempo. Quelle: MFA + FilmDistribution
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Göttingen

Zu Studienzwecken schneidet Faust die Leichen auf, zieht ihnen das Gedärm heraus und lässt sich dabei – die eigenen Hände sind blutbeschmiert – von seinem Assistenten ein Stück Brot in den Mund schieben. Von, ach, der Theologie spricht er so gut wie gar nicht. Den Erdgeist heraufzubeschwören, fiele diesem Doktor im Traum nicht ein.

Der russische Regisseur Alexander Sokurow und der Drehbuchautor Juri Arabow haben sich Goethes „Faust“ gegriffen und daraus etwas ganz anderes gemacht. Und etwas ganz eigenes: Dieser „Faust“ ist der letzte Teil von Sokurows Tetralogie über die Beschaffenheit der Macht. Er hat sich filmisch bereits mit Hitler, Lenin und dem japanischen Kaiser Hirohito auseinandergesetzt – zum Abschluss der Reihe kommt nun eine fiktive Figur an die Reihe. Von Hitler bis Faust? Zwingend ist das nicht. Aber unter den Titel „Machtmensch“ passt ja vieles.

Faust II

Alexander Sokurow präsentiert eine Geschichte weit jenseits von Goethe. Gretchens Bruder Valentin stirbt schon, bevor sie Faust überhaupt kennengelernt hat, die Nachbarin fehlt, der Schüler kommt nicht, aber am Ende wird dafür ein bisschen aus „Faust II“ zitiert. Und Reime gibt’s hier auch nicht.

Beim Filmfestival Venedig im Vorjahr war man von dem Werk sehr angetan. Es gab den Goldenen Löwen. Jurypräsident Darren Aronofsky sagte: „Es gibt Filme, die dich zum Träumen, zum Weinen, Lachen und Nachdenken bringen, und es gibt Filme, die dein Leben für immer verändern. Dies ist einer dieser Filme.“ Und dies war ein vollmundiges Lob.

Doch nach anderthalb Stunden Kostümfilm mit wenig Worten, wenig Handlung und wenig Dramatik weiß man nicht genau, ob es gerechtfertigt ist. Sokurows Faust spielt am Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Leute tragen Zylinderhut, Stehkragen und Frackschleife. Postkutschen rumpeln durchs Bild, Hühner gackern, die Menschen haben schlechte Zähne. Oft sagt jemand, irgendetwas würde stinken.

Das ist recht glaubwürdig, Kameramann Bruno Delbonnel („Die fabelhafte Welt der Amélie“) bevorzugt Einstellungen, deren Farbgebung an Schimmelkäse gemahnt. Fast jede Szene ist in Grünlichweißlichgräulich gehalten, oft sieht man stürzende Linien, manches ist unscharf. Diesen Film mit vollem (oder leerem) Magen zu betrachten, empfiehlt sich nicht.

Ekeln und schockieren

Die Gammeloptik ist Absicht. Sokurow will die Geschichte vom Geistigen ins Körperliche herunterdimmen. Alle Figuren sind mehr damit beschäftigt, einander zu berühren, als miteinander zu reden. Der Regisseur will ekeln und schockieren – und das gelingt ihm auch.
Merkwürdig ist auch die Tonspur des Films. Musik ist nicht zu hören. Stattdessen ist so gut wie jede Szene mit einem erheblichem Ächzen, Stöhnen und Wehklagen unterlegt. Das Hintergrundgejammer nervt zwar bald, passt aber immerhin zu den fahlen Bildern. Überall merkt man: erhebliche Kunstanstrengung.

Der Film wurde nachsynchronisiert. Im Ergebnis wirkt die Sprache merkwürdig nah – so als raunt einem einer die Geschichte ins Ohr. Die Worte allerdings sind recht banal. „Das nenn’ ich Gleichberechtigung“, sagt der Wucherer einmal, und Faust (Johannes Zeiler) jammert öfter mal: „Ich habe keine Tinte mehr.“ Das hätte er bei Goethe nicht gesagt.

Von Ronald Meyer-Arlt