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Regional Evas sinnliche Reize
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18:27 30.07.2009
Lucas Cranach der Ältere: „Adam und Eva“.
Lucas Cranach der Ältere: „Adam und Eva“. Quelle: EF
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Ein Holzschnitt (1509) von Lucas Cranach d. Ä. zeigt Adam und Eva, umringt von einer artenreichen Menagerie, im Paradies. Unter dem Baum der Erkenntnis, jenem Baum, von dessen Obst zu essen den Stammeltern auf Gottes Geheiß verboten war, sitzt Adam und hält in der Rechten eine der sündhaften Früchte. Eva, neben ihm stehend, hat einen Arm um die Schultern ihres Mannes gelegt, während sie mit der erhobenen Linken nach einer Frucht am Baum langt. Dabei geht ihr Blick nicht nur zu dem Obst, sondern zugleich auch zu der Schlange, der Abgesandten des Teufels oder dem Teufel selbst (nach unterschiedlicher theologischer Auffassung), die dem biblischen Bericht zufolge die Frau zum verbotenen Genuß überredet (Gen 3, 1-6).

Was zunächst wie eine Situationsschilderung anmutet, erweist sich als eine kunstvolle Inszenierung, die nicht buchstäblich genommen werden will, sondern einen Handlungsverlauf zusammenzieht und damit ein Geschehen in der Zeit im Ganzen veranschaulicht. Nach der zwar nur sehr knappen Schilderung im Buch Genesis und den daran sich knüpfenden jahrhundertelangen Anstrengungen der Exegeten, vollzog sich der Sündenfall in zwei Etappen.

Durch die Schlange, die, wie man meinte, sich mit Bedacht der leichter zu betörenden Frau näherte, ließ sich zunächst Eva zur Gebotsübertretung hinreißen, und zwar nach einer vielfach vertretenen Auffassung, als sie allein war. Anschließend aß auch Adam von der Frucht, die Eva ihm gab (Gen 3, 6). Vorherrschend im späten Mittelalter war die Überzeugung, dass Eva durch schmeichelnde Worte ihren Mann zum Sündigen verführte und dass Adam, der den Worten der Schlange keineswegs geglaubt habe, ihr zu Willen gewesen sei, um seine Frau nicht zu betrüben. Mehr noch: Umstandslos geben zahlreiche bildliche Darstellungen der Zeit zu verstehen, dass Adam aufgrund der sinnlichen Reize Evas deren Verführungskünsten erlegen sei (was theologisch unhaltbar war, da vor dem Sündenfall, wie man zu wissen meinte, keine sinnliche Begierde die Vernunft des Menschen trübte).

In diesem Lichte ist Cranachs Holzschnitt zu begreifen. Zu sehen ist, wie Eva von den Einflüsterungen der Schlange sich blenden lässt, zu sehen ist auch schon, wie sie – anschaulich durch den um Adams Schultern gelegten Arm – (danach) ihren Mann zum Mitsündigen verleitet. Und zu sehen ist schließlich, wie Adam, zu erkennen an der Geste seiner linken Hand, noch Gegenargumente vorbringt, doch schon hält er eine Frucht in der Rechten und schickt sich an, von dem Apfel zu essen, während vor seinem Gesicht Evas Brüste erscheinen. Entsprechend dieser Auffassung konnte Adam im späten Mittelalter als „Minnesklave“ und als Opfer von „Weiberlisten“ betrachtet werden und als „erster Mann, den ein Weib betrog“, in eine Reihe gestellt werden mit Simson, David, Salomo und vielen anderen

Hofmaler des Kurfürsten

Im Jahr 1509, als der Holzschnitt entstand, war der 1472 in Kronach, in Oberfranken, geborene Cranach nach einem längeren Aufenthalt in Wien seit vier Jahren als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten in Wittenberg tätig. Darauf verweisen die kursächsischen Wappen, die an einem Ast des Baumes hängen. An dessen Stamm sieht man überdies neben dem Monogramm L C und der Jahreszahl 1509 die geflügelte Schlange, wie sie das Wappen des Künstlers aufwies, das Friedrich der Weise ihm 1508 verliehen hatte.

Bis zu seinem Tod 1553 sollte Cranach als Haupt einer Großwerkstatt im kurfürstlichen Dienst bleiben, als Maler von katholischen Heiligenbildern und protestantischen Glaubensallegorien, von Jagd- und Genreszenen, als Porträtist und als Schöpfer zierlicher, geradezu seriell gefertigter weiblicher Aktfiguren, die sich als Töchter Evas (beziehungsweise als deren antik-mythologische Schwestern) den Nachfahren Adams zu fortwährender Augenlust präsentierten.

Thomas Noll ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Göttingen. Er stellt das Werk am Sonntag, 2. August, um 11.30 Uhr im Auditorium, Weender Landstraße 2 in Göttingen, vor.

Von Prof. Thomas Noll

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