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Regional Festival „Neue Heimat“ in Göttingen: Das Zuhause als Körper
Nachrichten Kultur Regional Festival „Neue Heimat“ in Göttingen: Das Zuhause als Körper
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17:15 03.11.2013
Interkulturelles Austauschprojekt: Internationale Künstler tanzen zum Thema „Heimat“.
Interkulturelles Austauschprojekt: Internationale Künstler tanzen zum Thema „Heimat“. Quelle: Heller
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Göttingen

Allein im Dunkel der Bühne verweisen sie mit einem kurzen Menetekel auf Flüchtlingsdramen und das unzureichende System europäischer Asylpolitik. Beide stehen am Anfang je eines Tanzstückes des Doppelabends „The House That Never Walked/Homescape“ beim Festival „Neue „Heimat“ im Deutschen Theater.

Weit weniger politisch zeigt sich  das „Zuhause“ als Knotenpunkt im Zentrum des weiteren Abends, der sich aus einem interkulturellen Austauschprojekt mit 30 professionellen Künstlern aus elf Nationen im vergangenen Jahr entwickelt hat.

Neun der am Projekt beteiligten Tänzerinnen aus Albanien, Australien, Burkina Faso, Deutschland, Elfenbeinküste, Senegal, Spanien, Taiwan und Togo lassen die persönliche Kategorie des Zuhauses einmal als Netz von individuellen Bezügen und Verweisen erleben, einmal als von physischer Präsenz erfahrbar gemachter Begegnungsraum. 

Mal rasant, mal rabiat

Ein Fahrrad, eine E-Gitarre, ein T-Shirt: Im ersten Teil, „The House That Never Walked“, choreografiert von dem in Frankreich arbeitenden Kenianer Opiyo Okach, geben Gegenstände Anlass zum Tanz, zur Auseinandersetzung, zum Spiel. Mal rasant, mal rabiat, mal nur sachte legt der Umgang der Tänzer mit den Gegenständen eine Vertrautheit dar.

Ein ausgehöhlter halber Kürbis wird in einem stillen Solo von einer Schüssel zum Schwangerenbauch, zum Helm, zum Sitz, zur halben Erde. Ein anrührendes Moment, das jedoch übersteigert ins Klischée purzelt, ebenso wie die angespielten Geranien in deutschen Vorgärten, wie die spanischen Flamenco- und Stierkampfszenen.

Das Konzept der Verbindung von zeitgenössischem und traditionellem Tanz gerät über diese Inhalte an seine Grenzen, es schafft den Sprung über die Darstellung einer Differenzkultur hinaus nur selten. Wiewohl die einzelnen als auch die Gruppenszenen geraten beliebig, zu vielfältig und gleichzeitig zu wenig abstrakt ist das, was ein Zuhause ausmachen könnte.

Noch weit mehr im Vagen

Die Musik von Michaël Grebil begleitet beide Choreografien, hier düster, dort heiter, hier ironisch oder klischéebeladen, da metallen scheppernd oder auch mal eklig im Surren von aufdringlichen Fliegen.

Der zweite Choreograf, der in Bremen lebende Österreicher Helge Letonja, bleibt mit seinem Teil des Abends, „Homescapes“, noch weit mehr im Vagen. Er arbeitet mit dem Körper als physischem Zuhause. Und obschon sich über den hier viel bildmächtigeren Tanz auf den ersten Blick eine größere Intensität zu ergeben scheint, bleiben die wellenförmigen Bewegungen doch wenig eindringlich.

Vom Solisten gehen sie auf die Gruppe über, wechseln vom Paar auf den Einzelnen und umgekehrt, das Individuelle trifft sich doch immer wieder im kollektiven Körper. Im Zuhause? Vielleicht ist das „Zuhause“ noch weiter  Innen zu finden.

Von Tina Lüers