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Regional Fette Musik, Workshops und Familienfest
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00:19 29.08.2018
Der Stargast beim „Jazz ohne Gleichen: Drummer Joey schafft mit Robyn Schulkovsky feinsinnige Atmosphären auf Becken und Trommeln. Quelle: Peter Heller
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Rittmarshausen

Jazz ist Musik des Dialogs und der Demokratie: Der Geist einer Demokratie-Erklärung prägte die diesjährige Ausgabe von „Jazz ohne Gleichen“ auf Schloss Rittmarshausen. Der Kulturverein Rittmarshausen hatte dafür ein erstklassiges zweitägiges Gesamtpaket zusammengestellt: Konzerte mit international bekannten Musikern, Workshops, Symposium und Filmvorführung. Dieses Jazz-Event in ländlicher Idylle ist überregional einmalig. Spannend war dieses Jahr, dass man die ausverkauften Konzerte in der Kulturscheune am Sonntag auch unter dem Blickwinkel „Jazz als demokratische Musik“ wahrnehmen konnte - und da gab es ganz unterschiedliche Konzepte.

Multikulturelle Begegnung auf Augenhöhe: Mit „Rahalla“ eröffnete eine Göttinger Band den Festival-Sonntag, die Musik als internationale Sprache ansieht - und dabei vom Jazz aus Brücken baut zu anderen Kulturen. Der Qanoun-Spieler Hossam Shaker mit seiner orientalischen Zither und seine Mitmusiker an Piano, Violine, Bass und Schlagzeug agierten als gleichberechtigtes Kollektiv. Gemeinsam erschufen sie eine Fusion aus verträumter ägyptischer Musik, osteuropäischer Melancholie mitreißenden Improvisationen und zupackenden Jazz-Grooves. Der Jazz erwies sich hier als Plattform, in der unterschiedliche Kulturen zusammenkommen und gemeinsam etwas Neues schaffen.

Zwischen Chanson und Pop

Frontfrau und Begleitband: Das war das Konzept des Anna Sturm Quintetts aus Berlin. Die Sängerin ist eine bekannte Schauspielerin und kam direkt aus São Paulo. Sturm interpretiert Songs zwischen Chanson und Pop. Ihre exzellente Band gibt den Songs einen ganz eigenen Charakter - kantig, nervös, verspielt und energiegeladen. Nur: Das hohe Niveau im Ausdruck der Musiker erreicht die Sängerin bei weitem nicht.

Jazz eines Liebespaares: Der weltbekannt Jazz-Drummer Joe Baron traf als Stargast des Festivals auf seine Lebensgefährtin Robyn Schulkowsky, selber eine Weltstar als Perkussionistin der Neuen Musik. Dieses gut gelaunte Duo spielte umringt vom Publikum. Es schuf feinsinnige Atmosphären auf Becken und Trommeln.

Daraus entstanden Muster, Rhythmen und Grooves. Jazzdrummer Baron, der mit Dizzy Gillespie, John Zorn und Bill Frisell spielte, gab der Musik gerne Energie. Robyn Schulkowsky, die Werke von Stockhausen oder Xenakis interpretiert hat, liebte es, mit Klangfarben zu experimentieren. Ihre Polarität ergänzte sich, bereicherte sich aneinander und machte die Performance abwechslungsreich. Die Rhythmen und Klänge der beiden Musiker verschmolzen miteinander. Dieses Duo wird beschwingt durch die Kraft der Liebe zueinander und zur Musik.

Typischen Diskrepanzen

Bandleader eines Trios: Der Pianist Grégory Privat konzertierte mit seinem energiegeladenen Trio aus Chris Jennings am Bass und Drummer Tilo Bertholo. Hier war eine für den Jazz typische Diskrepanz zu erleben. Zum einen agierten alle drei Musiker auf Augenhöhe und brachten eigene Ideen ein. Zum anderen war der Pianist der Bandleader, der den Hut aufhatte und die Stücke komponiert hat. Unter seiner Leitung hob das Trio am späten Nachmittag ab: lyrisches Pianospiel, luftig gezupfter Kontrabass und zupackendes Schlagzeug. Bei dem Pianisten aus Martinique multipliziert sich karibische Lebensfreude mit der Improvisationslust des Jazz. Das Trio schuf Musik von hymnischer Schönheit, die den Zuhörer emporhob in die Spähren des Glücks.

Dem Dirigenten folgen: Die Bigband „Fette Hupe“ beendete das Festival und zeigte eine Sonderform musikalischer Demokratie im Jazz. Hier folgten die Musiker dem Dirigenten Jörn Marcussen-Wulff und durften sich als Solisten doch ganz individuell ausleben. Vielleicht erlebte man bei dieser Bigband am anschaulichsten das „demokratische“ Konzept des Jazz: Musiker können starke Individualisten bleiben und bilden zugleich eine Gemeinschaft, in der sich Individuen gegenseitig stützen, fördern und beflügeln. Ein Vorbild für unsere Gesellschaft? Das diesjährige Festival „Jazz ohne Gleichen“ regte zum Nachdenken über Demokratie an.

Überall Jazz

Überall Jazz: Im Schloss gab es am Sonnabend einen Workshop für Gitarristen und Swing-Tanz, im Feuerwehrhaus bliesen die Bläser, im Lager vom Bio-Lieferservice Lotta Karotta trommelten Perkussionisten, in der Evangelischen Kirchen übten Sänger und in der katholischen Kirche lehrten die Weltstars Joey Baron und Robyn Schulkovsky am Schlagzeug und Schlagwerk. Über sechzig Musiker hatten sich für die Workshops angemeldet“, so Organisator Jörg Bachmann. Andreas Jäger, der die Gitarristen anleitete: „In dem Workshops proben wir den Swing-Standard ‚Honeysuckle Rose‘ den wir mit den Sängern und Bläsern am Sonntag aufführen.“

„Das Besondere dieses Jahr ist, dass wir das Festival thematisch gewichtet haben unter dem Aspekt der Demokratie“, so Organisator Matthias Heintz. Dazu gehörte auch ein besonderer Film-Abend: Der Dokumentarfilm „Der letzte Jelly-Boy“ berichtet von einem Holocaust-Überlebenden, der Swing-Musiker ist und Widerstand gegen Nazis leistete. Dafür reiste sogar Regisseur Hans-Erich Viet an.

Als am Sonntag in der ehemalige Scheune die Jazzbands spielten, gab es bei Sonnenschein davor Essen und Trinken, Stände von Initiativen, Schallplatten-Verkauf, Rundfunk und Musikschulen. Das Konzept, das Festival am Sonntag als Familienfest zu feiern ging auf: Auffallend viele Kinder spielten auf dem Gelände und lauschten der Musik.

Schlossherr Henrik von Görtz ist selber Rock- und Jazzfan und unterstützt die Kultur auf seinem Gelände: „Ich hoffe es gibt noch viel mehr Kultur hier auf dem Schloss.“

Von Udo Hinz

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