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11:11 20.02.2019
Jonas Dassler als Fritz Honka in einer Szene des Films "Der goldene Handschuh".
Jonas Dassler als Fritz Honka in einer Szene des Films "Der goldene Handschuh". Quelle: dpa
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Göttingen

Das sind die Kinostarts der Woche im Überblick:

Hamburger Schlachteplatte: „Der Goldene Handschuh“

Wohin mit der Leiche? Die Treppe runter im Hausflur hat’s Fritz Honka schon probiert, dann hatte sich die Tür der Nachbarn geöffnet. Jetzt hockt er in seiner versifften Hamburger Mansardenwohnung, hat die Handsäge gezückt – und das Kinopublikum hält den Atem an. Lässt Fatih Akin uns teilhaben am Frauenzerstückeln? Zur eigenen Beruhigung legt Honka erst mal ein paar Schlager auf, kippt einen Korn und setzt schließlich knapp außerhalb der Leinwand die Säge an.

Es ist ja nicht so, dass man nicht gewusst hätte, was auf einen zukommt in der Verfilmung von Heinz Strunks Roman „Der Goldene Handschuh“. Aber dass Akin von Beginn an so sehr in die Vollen geht? Seine Horrorlust ist unstillbar. Bei Honka zu Hause spritzt das Blut – und in der titelgebenden Kiezkneipe fließt der Schnaps. Darüber hinaus ist dem Akin wenig eingefallen. Wir erfahren kaum etwas über vom Krieg versehrte Säuferseelen, nichts über Honkas Jugendtrauma und erst recht nichts von der Verdorbenheit der Blankenese-Oberschicht, die im Roman eine Rolle spielt. Honka, von Jonas Dassler mit schiefen Zähnen und Pickelgesicht als Glöckner von St. Pauli gespielt, schleppt einfach immer weitere Opfer ab. Hamburger Schlachteplatte satt.

 

„Wir sind alle Voyeure“

Fatih Akin über seinen Film „Der Goldene Handschuh“, Gewaltbilder im Kino und Ekeltoiletten

Fatih Akin, Sie sind 1973 in Hamburg geboren: Wie nahe ist Ihnen der Frauenmörder Fritz Honka über den Sie jetzt einen Film gedreht haben?

Zunächst mal: Ich bin ein großer Freund von Horrorfilmen. Bloß ist es in Deutschland, dem Land der Autorenfilmer, schwierig mit diesem Genre – dafür sind eher die Amis zuständig. In diesem besonderen Fall aber ist der Serienmörder nicht nur eine Figur aus der Populärkultur, er hat auch wirklich gelebt – und zwar in meiner direkten Nachbarschaft. Im Film ist mein bester Freund Adam Bousdoukos zu sehen. Er spielt seinen eigenen Patenonkel – und der war wiederum der Nachbar von Honka.

Was wissen wir heute über Honka?

Der Mann war Borderliner, Narzisst, aber kein Perverser. Das waren keine Triebtaten, Honka hat im Affekt getötet. Er hat es nicht ausgehalten, wenn jemand über ihn gelacht hat. Zudem hat der Alkohol beim Morden eine große Rolle gespielt: Da wurde diese kaputte Seele noch mal so richtig getunt.

Wieso lassen Sie in Ihrem Film Honkas Vorgeschichte als misshandelter Jugendlicher weg?

Im Drehbuch hatte ich sie drin, habe sie dann aber wieder rausgestrichen. Honka lässt sich letztlich nicht durch gesellschaftliche Ursachenforschung erklären. Zudem konnte ich mir so viel größere kreative Freiheiten nehmen. Wichtig war mir aber, Honkas Sehnsucht nach einem kleinbürgerlichen Leben mit Job und Frau zu zeigen. Da steckt viel Tragik drin.

Wieso zeigen Sie die Gewalt so explizit?

Tatsächlich war mancher vermeintlich harte Macho in meiner Umgebung erschüttert von dem Film. Nun handelt diese Geschichte aber nunmal von Gewalt – und die Frage, wie ich damit umgehen soll, hat mich lange beschäftigt. Die #MeToo-Diskussion war durchaus im Hintergrund präsent. Ich muss die Gewalt gegen die Frauen aber auch selbst glauben. Ich wollte nicht, wie es in Hollywood üblich ist, ein Leben einfach so abschneiden. Die Biologie hat uns einen großen Lebensdrang mitgegeben – und das gilt auch für den sogenannten Abschaum der Gesellschaft.

Jonas Dassler spielt Fritz Honka. Quelle: dpa

Ist dem Publikum das minutenlange Erdrosseln einer Frau zuzumuten?

Die Gewalt sollte erschüttern. Ich darf sie nicht nur zelebrieren, dann würde ich mir wie ein Lügner vorkommen. Es sollte nicht wie bei Quentin Tarantino aussehen. Sowohl Täter als auch Opfer sollten dabei aber ihre Würde behalten.

Sie zwingen die Zuschauer in die Rolle von Voyeuren.

Wir sind alle Voyeure! Niemand kann mir erzählen, dass er an einem Autounfall vorbeifährt und nicht guckt. Übrigens ist Voyeurismus nicht nur etwas Negatives, sondern auch ein Überlebensinstinkt, den uns die Evolution mitgegeben hat. Wir schauen zu, um zu wissen, dass wir selbst noch leben. Das hat mir die Psychologin erzählt, die wir am Set dabeihatten.

Wozu war die Psychologin gut?

Sie sollte den Schauspielern bei all diesen drastischen Szenen Hilfe anbieten. Soweit ich weiß, hat sich niemand am Set auf die Couch gelegt. Aber manche haben zu Recherchezwecken bei ihr nachgefragt, um ihre Figuren besser zu verstehen.

Haben Sie mit den Familien von Honkas Opfern gesprochen?

Nein, die kennt man ja auch kaum. Die Fotos der Frauen, die Sie im Filmabspann sehen, sind Polizeifotos. Das Drama um diese Frauen war ja gerade, dass niemand sie vermisst hat. Persönlichkeitsrechte aber haben wir von einem Anwalt abklären lassen.

Mussten wirklich so viele ekelige Szenen sein?

Ekel darzustellen ist eine echte Herausforderung – so ähnlich übrigens wie auch Eleganz. Das weiß ich ziemlich genau: Gerade beschäftige ich mich mit einem Filmprojekt über Marlene Dietrich, an dem ich mit Diane Kruger arbeite. Sowohl Ekel als auch Eleganz sind bei einem Film mit enormem technischen Aufwand verbunden. Sie glauben gar nicht, wie viele Maler wir in diesem Fall am Set hatten, um diese vollgeschissenen Toiletten hinzubekommen.

Haben Sie viel über die Siebzigerjahre recherchiert?

Ich habe jetzt nicht Tonnen von Büchern gelesen so wie bei „The Cut“, meinem Film über den Völkermord an den Armeniern. Viel über die Nachkriegszeit lässt sich aber auch im Kino studieren: Schauen Sie sich nur mal Fassbinders Filme an, etwa „Händler der vier Jahreszeiten“.

Haben Sie sich an Vorbildern aus der Filmgeschichte orientiert?

Schon als Kind hat mich der „Glöckner von Notre Dame“ mit Anthony Quinn fasziniert. Den Film habe ich mit meinen Eltern gesehen – und er hat mich bis ins Mark getroffen. Mein Maskenbildner wollte die Verwandlung Honkas mit nur ein paar Tricks über die Bühne bringen. Ich habe ihm aber gesagt: Lass dir Zeit, ich will das so wie bei Anthony Quinn.

Waren die Betreiber des „Goldenen Handschuhs“ involviert?

Der Chef Sascha Nürnberg war als Berater bei allen Kneipenszenen dabei. Ich wusste nicht so genau, wie man „Fako“, Fanta und Korn, mischt. Oder wie viele Eiswürfel in welches Glas reinkommen. Und was macht ein Wirt, wenn mal nichts los ist in seinem Laden?

„Der Goldene Handschuh“, Regie: Fatih Akin, mit Jonas Dassler, 110 Minuten, FSK 18, Cinemaxx, Kinowelt Central-Lichtspiele Herzberg 

Politischer Ungeist im Weißen Haus

Beinahe hatte sich Dick Cheney mit seiner Frau Lynne schon ins Privatleben zurückgezogen, um Golden Retriever zu züchten. Dann hätte vielleicht nicht unbedingt die Historie einen anderen Verlauf genommen, aber diesen Film würde es nicht geben. Wer hätte dann wohl 2003 die USA mit Lügengeschichten über Massenvernichtungswaffen in den Irak-Krieg geschubst?

Dieser Film hier jedoch wäre dann zu Ende. Und deshalb lässt Regisseur Adam McKay nach einer knappen Kinostunde den Abspann über die Leinwand rollen. Aus, Schluss, vorbei. Bitte genau hinschauen jetzt: Schwarz auf weiß lässt sich nachlesen, dass hinter dem massigen US-Politiker mit Machtinstinkt tatsächlich Christian Bale steckt. 20 Kilo hat sich der Ex-Batman für die Rolle angefuttert.

Und dann geht die Politsatire „Vice – Der zweite Mann“ einfach weiter – so wie auch Cheneys Karriere: Bei ihm ruft ein wenig hoffnungsvolles Polittalent der Republikaner an, das früher angetrunken auf Partys in Washtington D. C. herumtorkelte. Nun aber schickt sich George W. Bush an, der 43. Präsident der USA zu werden. Cheney soll sein Vize sein.

„Vize? Dann hast du nichts zu tun, als darauf zu warten, dass der Präsident stirbt“, warnt Cheneys Gattin Lynne. Amy Adams legt hier eine wundersame Verwandlung zur pausbäckigen Gattin mit enormem Machtinstinkt hin. Dieses Mal aber weiß Cheney es besser. Er hat noch ein zweites Hobby neben der Hundezucht, und das betreibt er jetzt vor seinem inneren Auge: Wir sehen einen Angelköder durchs Wasser zucken.

Er habe schon viele wichtige Ämter bekleidet, sagt Cheney beim Treffen mit Bush. Wenn er den Job übernehmen solle, müsse er weitreichende Befugnisse haben. „Lässt sich machen“, sagt Bush (sanft begriffsstutzig: Sam Rockwell) und reicht die Hand über den Tisch, in der er eben noch die fetttriefende Hähnchenkeule hielt. Zack: Der Fisch hat angebissen, die Angelschnur surrt. Von 2001 bis 2009 hatte Cheney den Posten.

Regisseur McKay hat schon mit „The Big Short“ über die Finanzkrise 2008 eine witzige Politsatire gedreht (auch mit Bale). „Vice“, dekoriert mit acht Oscar-Nominierungen, ist ebenso komisch, wird aber auch von stiller Wut getrieben. Der 1968 geborene McKay will zeigen, wie Amerika wurde, was es heute ist. Manipulation und Lüge, so der Regisseur, nahmen unter Cheneys Präsidentschaft – Pardon: unter Bushs – neue Qualitäten an, gesteuert durch stockkonservative TV-Sender und Lobbyisten. Wie eine fette Spinne im Netz kontrolliert der politische Ungeist das Geschehen. Äußerlich bis zur Unerträglichkeit cool, zermalmt er Worte und Gegner.

„Vice“ gehört in die Reihe jener Filme, mit denen das liberale Hollywood den ungleichen Kampf gegen Donald Trump aufnimmt. Kürzlich lief „Der Spitzenkandidat“, auch ein Versuch, Amerikas Abdriften in Hass und Selbstzerfleischung zu erklären. Nun hat McKay eine Figur von shakespeareschem Format geschaffen. Am Ende beugt sich Cheney vor und spricht zum Zuschauer: „Ihr habt bekommen, was ihr wolltet.“

„Vice“, Regie: Adam McCay, mit Christian Bale, Amy Adams, 130 Minuten, FSK 16, Cinemaxx 

Ziemlich bestes Remake

Die Story, die 2011 weltweit ein Kinowunder auslöste, ist einfach: Schwarzer Kleinkrimineller bewirbt sich pro forma um einen Job als Pfleger, um weiter Stütze zu kassieren. Der gelähmte Milliardär stellt den Kerl ein. Sie werden „Ziemlich beste Freunde“.

Allein in Frankreich lösten 20 Millionen ein Ticket für die Tragikomödie. Muss da ein US-Remake her? Skeptiker werden sich die Augen reiben. Neil Burger erzählt mit großer Ernsthaftigkeit.

Da die Handlung auf einer Autobiografie beruht, halten sich Änderungen in Grenzen. Die Rolle der Hausdame ist größer und mit mehr Erotik angelegt, prominent besetzt mit Nicole Kidman. Philippe heißt jetzt Philip (Bryan Cranston) und Driss nun Dell (Kevin Hart). Cranston spielt nuanciert bis in die letzte Faser seines unbeweglichen Körpers, Hart, der am Sonntag Gastgeber bei den Oscars hätte sein sollen, aber wegen Vorwürfen der Homophobie (bezogen auf Tweets aus dem Jahr 2010) absagte, beweist, dass er mehr kann, als den Gute-Laune-Entertainer zu markieren. Die ausbalancierte Neuversion bewahrt bis auf wenige Ausrutscher den Charme des Originals.

„Mein Bester und ich“, Regie: Neil Burger mit Kevin Hart, Bryan Cranston, 125 Minuten, FSK 6, Cinemaxx, Movietown Duderstadt

Von Stefan Stosch und Margret Köhler

Regional Reihe „Publizieren als Kunst“ - „self publishing“ im Kunsttempel in Kassel
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