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11:11 17.04.2019
Elyas M'Barek als Caspar Leinen und Alexandra Maria Lara als Johanna Meyer in einer Szene des Films "Der Fall Collini". Quelle: dpa / constantin film Verleih
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Göttingen

Vor Ostern laufen in Göttingen und Südniedersachsen folgende Filme in den Kinos an:

Wahnsinn ist gut für die Kunst

Die Welt sehen mit den Augen des Malers: Willem Dafoe ist „Van Gogh“

Wie hat Vincent van Gogh wohl die Natur wahrgenommen? Im Kino bekommen wir jetzt die Chance, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit dem Maler wandern wir über südfranzösische Felder voller verblühter Sonnenblumen, die wie dunkle Vogelscheuchen in den Himmel ragen, wir blicken in das flirrende Gelb von lichtdurchflutetem Laub, und wir drehen uns mit ihm im raschelnden, mannshohen Gras.

Einmal liegt Vincent van Gogh auf dem Rücken und lässt Ackerkrumen auf sein Gesicht niederrieseln. Er will die Erde riechen, schmecken, atmen. Er will mit der Natur verschmelzen.

So sind wir dem Mitbegründer der modernen Malerei wohl noch nie begegnet, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkauft hat und trotz der selbstlosen Unterstützung seines Bruders Theo stets pleite war. Dabei ist van Goghs Leben schon ziemlich oft verfilmt worden, zum Beispiel in Vincente Minnellis „Ein Leben in Leidenschaft“ (1956) mit Kirk Douglas als Maler, in Robert Altmans „Vincent und Theo“ (1990) über die innige Beziehung zu seinem Bruder oder zuletzt in dem spektakulären Animationsfilm „Loving Vincent“ (2017), in dem erst Szenen mit Schauspielern gedreht wurden, die dann 125 Künstler in 65 000 Bilder und damit die Leinwand in ein fließendes Ölgemälde verwandelten.

Nun aber hat sich ein Maler einem anderen Maler angenähert: Der exzentrische Julian Schnabel verfilmt die letzten beiden Lebensjahre des besessenen van Gogh.

Ein fruchtbares Zusammentreffen ist das: Der US-Amerikaner Julian Schnabel hat in seiner zweiten Karriere als Kinoregisseur schon immer besondere Perspektiven eingenommen, exemplarisch in dem Drama „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007): Da versetzte er die Zuschauer ins Innere eines zur Bewegungslosigkeit verdammten Mannes, der am sogenannten Locked-in-Syndrom litt (verkörpert von Mathieu Amalric, hier nun wieder als Arzt in einer kleinen Rolle dabei) und dennoch zu großer geistiger Unabhängigkeit fand.

In Südfrankreich bei Arles schuf Vincent van Gogh in 16 Monaten 187 Gemälde. „Man muss schnell malen“, antwortet er seinem einzigen Freund Paul Gauguin (Oscar Isaac), als dieser beinahe erzürnt neben ihm steht und ihn zur Mäßigung anhält. Unter van Goghs rasantem Pinsel wird Farbe zur Flamme und Leben zum Fieber – und der Kameramann Benoît Delhomme filmt das alles aus schrägen Blickwinkeln, mit großer Nervosität und verschiedenen Tiefenschärfen.

Willem Dafoe als Vincent Van Gogh in einer Szene des Films "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" Quelle: -/DCM/dpa

Van Goghs Leben ist ein Rausch und sein Schaffen ein ständiger Kampf gegen die Traurigkeit, die ihn zu ergreifen droht. Und doch: Nach dem Kinobesuch mag man sich Vincent van Gogh nicht mehr nur als Unglücklichen vorstellen – sondern ebenso als einen Künstler, der nur in seiner Kunst Befreiung fand. Für andere ist er in seinem Fanatismus allerdings schwer zu ertragen.

Von Vincent van Gogh wissen auch Kunstfremde, dass er gern Sonnenblumen malte, sich ein Stück vom Ohr absäbelte und im Juli 1890 einer ominösen Schussverletzung erlag. Diese Vorkommnisse werden in Julian Schnabels Film „An der Schwelle zur Ewigkeit“ durchaus beleuchtet. Aber seltsam: Innerhalb des Films wirkt zumindest die Selbstverstümmelung nach dem Verschwinden des Freundes Gauguin wie eine beinahe logische Konsequenz.

Van Gogh weiß selbst um seine Aussetzer von der Wirklichkeit. An manches kann er sich später nicht erinnern. Er reflektiert ganz nüchtern darüber, womöglich den Verstand zu verlieren. Eines aber weiß er genau: Er ist zum Maler geboren, und vielleicht gehört Verrücktheit für einen guten Maler sogar dazu. „Eine Prise Wahnsinn ist die beste Kunst“, sagt er.

„Und wieso wollen die Menschen von dieser Kunst nichts wissen?“, fragt ganz ruhig der Priester (Mads Mikkelsen), der darüber entscheiden soll, ob der Maler die Irrenanstalt wieder verlassen darf. „Ich bin ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind“, antwortet Vincent van Gogh. Und dann fügt er wie selbstverständlich hinzu: „War es bei Jesus nicht genauso?“

Diese Anmaßung ist ein cleverer Verweis auch innerhalb des Kinos: Den Schmerzensmann Jesus hat Willem Dafoe bei seinem wohl umstrittensten Auftritt auch schon gespielt – für Martin Scorsese in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988). Nun ist er auch als van Gogh ein Gequälter, geschlagen mit einer geradezu peinigenden Empfindsamkeit, die ihm eine ganz spezielle Sicht auf die Welt eröffnet.

Willem Dafoes Erscheinung unter dem abgewetzten Sonnenhut kommt den Selbstporträts ziemlich nah, die wir vom Maler Vincent van Gogh kennen. Schon das zerklüftete Gesicht des Schauspielers ist ein Ereignis. Es spielt keine Rolle, dass er mit seinen 63 Jahren viel älter ist als van Gogh, der 1890 im Alter von 37 Jahren starb. Für diese Leistung erhielt Dafoe in Venedig den Darstellerpreis.

„Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“, Regie: Julian Schnabel, mit Willem Dafoe, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Mathieu Amalric, 111 Minuten, FSK 6, Lumiere Göttingen

Julian Schnabel – Maler, Regisseur, Countryrock-Sänger

1979 hatte Julian Schnabel seine erste Einzelausstellung in der Mary Boone Gallery in New York. Schon im Jahr darauf wurde er zur Biennale nach Venedig eingeladen. Der 1951 in Brooklyn geborene Neoexpressionist wurde bekannt als „selbsternannter Löwe der New Yorker Kunstwelt“. Er hatte in den späten Siebzigerjahren auf Europareisen Inspiration bei Antoni Gaudí und Joseph Beuys gefunden. Schnabels Arbeiten hängen heute in Museen wie dem Metropolitan Museum of Art und dem Centre Pompidou in Paris. Er gestaltete Plattencover für Lou Reed und die Red Hot Chili Peppers. Berühmt ist der von ihm designte Palazzo Chupi in Greenwich Village – ein siebenstöckiger Bau in pink, der im Stil eines venezianischen Palazzo gebaut wurde – mit Romeo-und-Julia-Balkonen. Als Teenager hatte es der vielseitige Schnabel, der in Brownsville, Texas, aufwuchs, auch als Sänger einer Rock-’n’-Roll-Band versucht. 1995 veröffentlichte er sein erstes Album „Every Silver Lining Has A Cloud“ – eine Sammlung von Countryrock-Songs.Schnabels Arbeit als Filmregisseur begann ein Jahr später und war – wie sein neuester Film „Van Gogh“ – eine Künstlerbiografie. Mit „Basquiat“ verfilmte er das kurze Leben des Street-Art-Künstlers Jean Michel Basquiat (1960–1988), der mit seinem Ruhm und Drogen zu kämpfen hatte und der als erster afroamerikanischer Künstler in der vorrangig weißen Kunstwelt erfolgreich war. / Big

Dein Freund und Rechtsanwalt

Historische Aufklärung mit den Mitteln des Mainstreams – und mit Elyas M’Barek: „Der Fall Collini“

Reichlich overdressed erscheint der junge Anwalt zu seinem ersten Prozesstermin. Während Richter und Staatsanwalt salopp in Freizeitkleidung warten, schneit Caspar Leinen verspätet mit wehender Robe herein. Das Missgeschick sorgt für arrogante Kommentare bei den Kollegen auf der Leinwand – und garantiert für Sympathiepunkte beim Kinopublikum. Schließlich wird der Nachwuchsadvokat von Elyas M’Barek gespielt, der seit „Fack ju Göhte“ als beliebtester deutscher Schauspieler gilt.

Es ist Caspars erster Fall als Pflichtverteidiger, und der hat es in sich: Der Italiener Fabrizo Collini (Franco Nero) wird des Mordes angeklagt. Die Beweislast ist erdrückend, der Angeklagte schweigt. Erst spät erfährt Caspar, wer der Ermordete ist: der Industrielle Hans Mayer (Manfred Zapatka), Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Ohne Hans Mayers Hilfe hätte er es als Sohn einer alleinerziehenden türkischen Mutter wohl nie zum Juristen gebracht. Caspar hält an dem Pflichtmandat fest und zieht damit einen Fall an sich, der eng mit einem deutschen Kriegsverbrechen verknüpft ist.

Mit „Der Fall Collini“ verfilmt Marco Kreuzpaintner den Bestseller von Ferdinand von Schirach, der in seinem Roman einen der größten BRD-Justizskandale spiegelte. Mit der Verabschiedung des sogenannten Dreher-Gesetzes 1968 galten die Verbrechen nationalsozialistischer Befehlsempfänger nicht mehr als Mord, sondern nur noch als Totschlag. Durch den juristischen Kniff konnten die Taten von Tausenden Nazi-Verbrechern nach dem Ablauf der zwanzigjährigen Verjährungsfrist nicht mehr geahndet werden.

„Der Fall Collini“ verhandelt aus dem retrospektiven Blick des Jahres 2001 die späte Rache eines Opfers, das als Kind mitansehen musste, wie der eigene Vater von der SS ermordet wurde. Da das deutsche Rechtssystem für Collini keine Gerechtigkeitsoptionen bietet, nimmt er das Recht selbst in die Hand.

Der Regisseur inszeniert diesen klassischen Widerspruch zwischen Recht und Gerechtigkeit als geradliniges Justizdrama. Mit zunehmender Recherchearbeit deckt Rechtsanwalt Leinen immer neue Facetten des scheinbar eindeutigen Falls auf.

Wenig subtil versucht der Regisseur mit M’Barek als Zugpferd, der jüngeren Zuschauergeneration die juristischen Folgewirkungen des Nationalsozialismus nahezubringen. Vor zwanzig Jahren wäre dieses Thema wohl in Form eines trockenen Politschulfilms behandelt worden, hier wird es ins Mainstreamformat gehievt. Das führt zu dramaturgischen Überdeutlichkeiten und eher simplen Figuren.

Peinlich pathetisch gerät der omnipräsente Soundtrack. Und auch bei der Rückblende, in der die Liquidation der italienischen Dorfbewohner durch sadistische SS-Schergen gezeigt wird, fehlt es an der notwendigen Sensibilität. Mit den Mitteln des Unterhaltungskinos historisch-politisches Bewusstsein zu schaffen ist eine Kunst, die Kreuzpaintner nur eingeschränkt beherrscht.

„Der Fall Collini“, Regie: Marco Kreuzpaintner, mit Elyas M’Barek, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach, 121 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Movietown Eichsfeld Duderstadt, Kinowelt Central-Lichtspiele Herzberg

Sprich doch bitte mit mir!

Digitale Entfremdung: Drama „Goliath96“

Weißer Sand, blaues Meer, ein roter Drache im Wind: Eine junge Familie genießt das Glück. Aber das ist lange her. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Der Vater ist schon lange weg, Kristin (Katja Riemann) Alleinerziehende. Den Freunden erzählt sie, Sohn David (Nils Rovira-Munoz) studiere in Texas.

Tatsächlich hat sich David seit zwei Jahren von der Außenwelt abgeschottet und in seinem vermüllten Zimmer verschanzt. Nachts hört sie seine Schritte, wenn er Pizza aus dem Kühlschrank holt. „Sprich doch bitte mit mir“, fleht sie vor der geschlossenen Tür. Doch dahinter herrscht Schweigen.

Wie schon Regisseurin Isa Prahl in ihrem Film „1000 Arten, Regen zu beschreiben“ knöpft sich nun Marcus Richardt in seinem Debütfilm das Phänomen „Hikikomori“ vor: Jugendliche verweigern sich der Gesellschaft und jeglicher Kommunikation. Interpretiert wird dieses Verhalten als eine Reaktion auf Überforderung und Leistungsdruck. Auch aus Angst vor dem Erwachsenwerden wählen Teenager die Isolation.

Dann brechen für Mutter und Sohn auch noch letzte Haltepfeiler weg. Zwei Leben stehen auf der Kippe, und Hilfe von außen ist nicht in Sicht. Die verzweifelte Kristin nimmt unter dem Pseudonym Cinderella97 Kontakt mit ihrem Sohn in einem Internetforum auf, in dem er als Goliath96 aktiv ist. Als sich David in die vermeintlich Unbekannte verliebt, spitzt sich die Geschichte dramatisch zu. Dieses Kammerspiel von emotionaler Wucht mit einer brillanten Katja Riemann lotet Entfremdung und Verlorensein im digitalen Zeitalter aus.

„Goliath96“, Regie: Marcus Richardt, Länge 109 Minuten, FSK o. A., Kino am Raschplatz (Hannover)

Albtraum einer Emigrantin

Erschreckend realitätsnah: Das Drama „Ayka“ über eine Emigrantin in Russland

Aykas Schicksal gleicht einem Albtraum: Moskau ist für die kirgisische Emigrantin die Hölle auf Erden. Auf illegalen Wegen ist sie in die russische Hauptstadt gelangt.

Gerade hat Ayka (Samal Yeslyamova) ein Kind geboren. Doch lässt sie es im Krankenhaus zurück und eilt unter Schmerzen in eine Geflügelfabrik, wo sie unter miserablen hygienischen Bedingungen arbeitet. Sie braucht das Geld zum Überleben. Ihr Arbeitgeber verschwindet, ohne ihr ihren Lohn zu zahlen.

Drastisch realistisch wirken diese Bilder: Der Film „Ayka“ des kasachischen Regisseurs Sergey Dvortsevoy ist nur schwer zu ertragen. Hungrig hetzt die Titelheldin durch die unwirtliche Stadt, auf der Suche nach Arbeit, nach Unterkunft und nach Menschlichkeit. Skrupellos wird sie von allen ausgenutzt. Doch Ayka gibt nicht auf.

Erschreckend ist all dies vor allem deshalb, weil Samal Yeslyamova so unfassbar authentisch wirkt – für ihre Rolle wurde sie in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Der Zuschauer hat das Gefühl, einen Dokumentarfilm zu sehen. Dieser Film zwingt zum Hinsehen. Es gibt viele Schicksale wie das von Ayka.

„Ayka“, Regie: Sergey Dvortsevoy, mit Samal Yeslyamova, 100 Minuten, FSK o. A., Filmladen Kassel

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert, Margret Köhler und Ernst Corinth

Die polnische Streicherformation Apollon Musagète Quartett interpretiert am Sonntag, 28. April, in der Reihe der Aulakonzerte (am Wilhelmsplatz) das übergreifende Thema „Variation und Entwicklung“.

16.04.2019

„Die Clavier-Tage Göttingen sind für mich wie ein Geburtstagsfest“, sagt Veranstalter Gerrit Zitterbart. Er erwartet vom 2. bis 5. Mai „hochkarätige Gäste“ in der Kirche der Reformierten Gemeinde.

16.04.2019

Neubau oder Sanierung? Am Albaniplatz oder an einem anderen Ort? Was für eine Stadthalle braucht Göttingen? Uwe Vater, Geschäftsführer der Konzertagentur MM Konzerte, hat Fragen dazu beantwortet.

15.04.2019