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Regional Frauenrechtlerin Erica Fischer im Literarischen Zentrum Göttingen
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00:26 01.07.2019
Frauenrechtlerin Erica Fischer im Literarischen Zentrum Quelle: Udo Hinz
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Göttingen

Erica Fischer baut Brücken zwischen Generationen. Die 76-jährige Schriftstellerin vermittelt zwischen dem 70er-Jahre-Feminismus und der aktuellen Frauenbewegung. Voller Neugierde ist die österreichische Frauenrechtlerin auf junge Akteurinnen des Neuen Feminismus zugegangen, hat mit ihnen gesprochen, um sie zu verstehen und von ihnen zu lernen. Daraus entstand ihr neues Buch „Feminismus Revisited“ – fast schon ein Überblick über derzeitige Themen und Strömungen in der Frauenbewegung. Ihre Lesung am Donnerstag im Literarischen Zentrum zeigte Brüche und Kontinuitäten in der Frauenbewegung der letzten Jahrzehnte auf.

Die 1943 geborene Autorin baute Anfang der 1970er Jahre die Frauenbewegung in Wien auf, gründete eine feministische Zeitschrift und eine Buchhandlung. Durch ihre 1994 veröffentlichte Erzählung „Aimée & Jaguar“ wurde die Autorin weltbekannt. Hier schildert sie die Liebesbeziehung einer Jüdin und einer Nichtjüdin in der Zeit des Faschismus mit dem schrecklichen Ende, dass die Jüdin im Konzentrationslager umgebracht wird. Als der Feminismus in den 1990er Jahren an Relevanz verlor, nahm auch bei Erica Fischer das Interesse ab. Jetzt ist bei ihr die Neugierde zurückgekehrt.

Mit Blick auf die vitale junge Generation von Aktivistinnen sagt sie: „Ich suchte nach Gemeinsamkeiten, und wollte etwas von ihnen lernen.“ Ihr neues Buch ist voll mit aktuellen Themen: Netzfeminismus auf Internet-Blogs, #MeToo, Vergewaltigung, Transgender, Sexarbeit, Rassismus oder „Fat Activism“ – eine Bewegung fettleibiger Frauen.

Frauen sind nach wie vor Opfer

Fischer liest gleich zu Beginn der Lesung über ihre Begegnung mit Hengameh Yaghoobifarah, einer deutsch-iranische Journalistin. Bei dieser Redakteurin des feministischen Missy Magazins, die sich selber weder als weiblich oder männlich identifiziert, kommt die Autorin erstmalig mit der komplexen muslimisch-queeren-feministischen Perspektive in Kontakt. Hier erfährt sie neue Sichtweisen. So sei Yaghoobifarah gelangweilt von der Polarität zwischen der Alt-Feministin Alice Schwarzer und der jüngeren Netzaktivistin Anne Wizorek. Große Erfolge der letzten Jahre seien Rücktritte von Politikern wegen Sexismus, Verurteilung von Vergewaltigung oder die Artikulation von Frauen über ihre eigenen Erfahrungen unter #MeToo. Doch Frauen seien beispielsweise nach wie vor Opfer der Diät-Industrie und junge Feministinnen würden mit Hass-Mails attackiert.

„Ich selber bin milder geworden“

Fischer berichtet von ihrem Treffen mit der Sexarbeiterin Marleen. Diese sei bei ihrer Begegnung eine sehr natürliche Frau gewesen, eine Studentin der Genderwissenschaft, in deren Wohnung sich die Gender-Literatur stapelt. Der Autorin fällt auf, dass alle Gesprächspartnerinnen einen Bezug zu Rassismus haben. Feminismus würde heute nicht mehr auf die Befreiung von Patriarchat reduziert, sondern als etwas Größeres gesehen hin zu einer menschlicheren Welt. „Die Debatten sind nicht mehr so konfrontativ und es gibt mehr Sensibilität – und ich selber bin milder geworden.“

Warmherzigkeit in Fischers Texten

Erica Fischer spricht oft mit einem Lächeln im Gesicht und liest mit freundlicher Stimme. Diese Warmherzigkeit spürt man in ihren Texten, ihren Formulieren und ihren Sichtweisen. Autobiografisch ist die Textpassage, in der sie ihre erste Liebe, die Angst vor Schwangerschaft, den gesellschaftlichen Druck im katholischen Österreich, eine Abtreibung und die anschließende Scham beschreibt. Hier beneidet sie die jüngere Generation: „Die Pille bedeutet Befreiung von der Angst, schwanger zu werden.“

„Ich habe mich nicht verbogen“

Mit Erica Fischer saß Tanita Kraaz auf dem Podium. Die 1991 geborene Mitarbeiterin des Literarischen Zentrums war an diesem Abend genau die passende Gesprächspartnerin, weil sie einer jüngeren Generation angehört und entsprechende Fragen stellte. Als aus dem Publikum die Frage kam, was heutige Feministinnen von der älteren Generation lernen können, musste Erica Fischer länger nachdenken. Es sei eine schwere Frage. Dann betont sie, dass sie sich selber nie angepasst habe, sich in keine Struktur fügte und so zu ihrer Karriere als freiberufliche Schriftstellerin kam. „Ich habe mich nicht verbogen.“

Erica Fischer: Feminismus Revisited, 320 Seiten, Piper-Verlag, 20 Euro

Von Udo Hinz

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