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14:44 27.05.2019
Vereint zum Ruhm Britanniens: Jacobi-Kantorei und Göttinger Symphonie-Orchester unter Nicholas Milton. Quelle: Schäfer
Göttingen

Vorbild für das Programm dieses heiteren Abends sind die legendären Londoner „Last Night of the Proms“-Konzerte. Dazu gehören als unverzichtbare Zutaten die titelgebende Hymne – eine Textierung des ersten „Pomp and Circumstance“-Marschs von Edward Elgar – und das nationalstolze Lied „Rule, Britannia“ von Thomas Arne. Zu diesen beiden Stücken hatte GSO-Chefdirigent Nicholas Milton zwei beschwingte Opernouvertüren von Rossini und Otto Nicolai gestellt, dazu Percy Graingers gefühlvolle Nordirland-Hymne „A Londonderry Air“, die ebenfalls sehr britische Hymne „Jerusalem“ von Hubert Parry und drei empfindsame Stücke für Solovioline und Orchester. Selbstverständlich zollte er auch den Händel-Festspielen Tribut mit zwei Händel-Werken: der Sinfonia „Arrival of the Queen of Sheba“ aus dem Oratorium „Solomon“ und dem majestätischen Krönungs-Psalm „Zadok the Priest“.

In denkbar bester Spiellaune präsentierte sich das GSO schon gleich in Rossinis „Elisabetta“-Ouvertüre, ließ blitzsaubere Holzbläser-Soli hören, fein konturierte Streicherfiguren, markante Akzente der Pauken und des Schlagzeugs. Die „Elisabetta“-Ouvertüre ist zwar dieselbe wie die zum „Barbier von Sevilla“, aber zweifellos passt die Titelheldin Elisabetta – sie ist nämlich die Königin von England – wesentlich besser zu einem solchen Last-Night-Konzert als ein Friseur aus Spanien. In Ralph Vaughan Williams’ „The Lark ascending“ (Die aufsteigende Lerche) ließ Violinsolist Daniel Sepec zart-virtuos und mit langem Atem die Vogelstimme über der sanften Orchestergrundierung jubilieren. Hatte sich Sepec schon damit tief in die Herzen des Publikums gespielt, so intensivierte er dies in seinen beiden weiteren Beiträgen erheblich – in Piazzollas „Primavera porteña“ mit geradezu narkotischer Wirkung, in Elgars „Salut d’amour“ mit bemerkenswert unsentimentalem, nirgends schmalzig-klebrigem Gefühl und einer ganz unaufdringlichen Virtuosität.

Choristen der Jacobi-Kantorei

Für die Vokalstücke hatte Milton die von Stefan Kordes sorgfältig einstudierten Choristen der Jacobi-Kantorei engagiert. Die wünschten – unter den (gemalten) Augen der britischen Herrscher aus dem Hause Hannover an der Königswand der Universitäts-Aula – mit machtvollen Akkorden dem König ein langes Leben. In „Rule, Britannia“ huldigten sie der stolzen Seefahrer-Nation Britannien mit angemessenem Pathos, was gleichermaßen auch für ParrysJerusalem“ gilt.

Eine Musik, die England lautstark preist, mag in der Zeit der quälenden britischen Brexit-Krise bei dem einen oder anderen Hörer zwiespältige Gefühle ausgelöst haben. Doch wenn am Tag der Europa-Wahl ein deutsches Orchester unter der Leitung eines australischen Dirigenten ein solches Programm spielt, ist das durchaus als ein Pro-Europa-Signal zu verstehen, ausgesendet freilich nicht als eine bierernste Botschaft, sondern mit augenzwinkernder Ironie. Denn dass er das nationale Pathos nicht etwa ernst meint, bewies Milton in seiner humorvollen Moderation immer wieder, forderte das Publikum auch – freilich mit nur mäßigem Erfolg – zum Mitsingen auf und belehrte bei der Ansage des Piazzolla-Tangos die staunenden Zuhörer mit dem überraschenden Gedanken, Argentinien sei das Gegenteil von England.

Die Stimmung im Saal war prima, der Beifall stürmisch. Zum Dank gab es eine abermals fröhliche Zugabe (auch wenn die Musik aus einem Kriegsfilm von 1955 stammt), den „Dam Busters“-Marsch von Eric Coates und zum guten Schluss Händels „Halleluja“.

Von Michael Schäfer

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