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Regional „Froschperspektive der Zeitgenossen“
Nachrichten Kultur Regional „Froschperspektive der Zeitgenossen“
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15:32 30.05.2017
Von Peter Krüger-Lenz
Volker Kutscher Quelle: dpa
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Göttingen

Rath ist „der erfolgreichste deutsche Krimiautor“. So stellte die Berliner Literaturwissenschaftlerin Anne-Bitt Gerecke den Schriftsteller vor. 2007 erschien mit der erste Band der Reihe, „Der nasse Fisch“. Darin ermittelt der junge Kommissar Rath, frisch in Berlin eingetroffen, im Jahr 1929. Und damit startete der Historiker Kutscher sein auf inzwischen auf neun Bände konzipierte Reise durch die Geschichte Nazi-Deutschlands.

Mit „Lunapark“ ist Kutschers Kommissar im Jahr 1934 angekommen. Hitler hat die Macht übernommen. Rath wird zu einem Tatort gerufen, ein Mann wurde erschlagen. Allerdings trägt der Tote eine braune SA-Uniform, und an die Mauer über ihm hat jemand einen unvollendeten Aufruf zum Kampf gegen die Nationalsozialisten geschrieben. Raths Ermittlungen werden schwierig, weil auch die Geheime Staatspolizei am Tatort auftaucht. Raths Gegenspieler ist sein ehemaliger Assistent, der in dieser Organisation Karriere gemacht hat.

Kutscher startete seine Lesung mit dem Prolog, der zehn Tage vor dem Fund der Leiche spielt. Drastisch schildert er schon hier, wie skrupellos die Nazis ihre Macht missbrauchten. Judenhass, SA, Terror, Sozialneid, Ablehnung des Kommunismus, die deutsch-nationale Einstellung – viele prägende Themen dieser Zeit seien in dem Prolog schon verarbeitet, erläuterte die Moderatorin. Und Kutscher ergänzte: „Ich wollte den Schockeffekt.“ Die Stimmung in der Bevölkerung sei eher schlecht gewesen, sagte Kutscher, „viele Bürger konnten mit den Geistern, die sie gerufen hatten, nicht mehr umgehen“.

Eine Besonderheit der Romane Raths schilderte Gerecke: „Der Autor ist immer auf Augenhöhe mit den Protagonisten.“ Kutscher nennt das „aus der Froschperspektive der Zeitgenossen zeigen, wie sich Gesellschaft verändert“. Um das zu erreichen, recherchiert Kutscher ausgiebig vor allem in Zeitungsarchiven. Kutscher: „Was hat damals eigentlich ein Stück Butter gekostet? Oder ein Auto?“ 

Zwei Fragen von Besuchern stellte sich Kutscher am Ende des Abends. Ob er eher der Geschichte den Vorrang gebe oder dem Krimiplot?, wollte ein Besucher wissen. „Der historische Rahmen muss stimmen“, antwortete der Autor kategorisch. Auch die Frage nach einer möglichen Überforderung der Leser durch viele und konstruiert wirkende Handlungsstränge beantwortete Kutscher mit großem Selbstbewusstsein: „Kompliziertheit finde ich gut, wenn sie elegant aufgelöst wird.“ Und: „Ich möchte nicht von allen gelesen werden.“

Volker Kutscher: „Lunapark“, Kiepenheuer&Witsch, 560 Seiten, 19,99 Euro

Kutscher-Krimi im Film

Verfilmt und übersetzt

Der deutsche Regisseur Tom Tykwer arbeitet derzeit an einer laut dem Autor Volker Kutcher 16-teiligen Serie, die auf der Krimireihe um den Kommissar Gereon Klug beruht. Die Szenen seien abgedreht, derzeit werde im Schneideraum an dem Projekt „Babylon Berlin“ gearbeitet, erzählte Kutscher. Im Gespräch habe sich Tykwer sehr kreativ gezeigt, und anders als bei vielen anderen Romanverfilmungen seien Passagen nicht gestrichen, sondern neue hinzugeschrieben worden. Voraussichtlich im Herbst soll die Serie auf Sky laufen, zwölf Monate später in der ARD. Das erste Buch der Reihe, „Der nasse Fisch“, ist als Graphic Novel von Arne Jysch erschienen. Übersetzungen von Kutscher-Romanen sind in Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, Ungarn und Japan herausgekommen. pek