Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Jan Kämmerer liest Victor Hugo
Nachrichten Kultur Regional Jan Kämmerer liest Victor Hugo
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:28 16.07.2019
Jan Kämmerer im Kaisersaal. Quelle: Udo Hinz
Anzeige
Bad Gandersheim

Paris-Fans hören es nicht gerne: Das moderne Paris ist ein Sammelsurium stilloser Bauten – nur das Paris des 15. Jahrhunderts war in seiner gotischen Anmut großartig. Und die Kathedrale Notre-Dame? Durch Generationen an Baumeistern verhunzt! So sieht es zumindest Victor Hugo.

Textpassagen jenseits der bekannten Handlung

Der französische Schriftsteller schrieb in seinem historischen Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ viel über Architektur der Stadt an der Seine. Unbekannte Textpassagen jenseits der bekannten Handlung um den Glöckner standen am Montag im Mittelpunkt einer Lesung im Kaisersaal bei den Gandersheimer Domfestspielen. Sie ergänzte die aktuellen Aufführungen des Werkes auf der großen Bühne vor der Stiftskirche – und zeigte den Autor von seiner gesellschaftskritischen Seite.

Hugo (1802-1885) liebte Paris. Das spürt man in den Texten, die der Schauspieler Jan Kämmerer präsentiert. In den mit süffisantem Unterton gelesenen Passagen zieht der Schriftsteller über viele neumodische Erscheinungen der Stadt her. In seinem großen Notre-Dame-Roman führt er in die Baugeschichte der Kathedrale ein. Er sagt klar: „Es gibt schönere Bauwerke“. Hugo kennt Details wie sich das ursprüngliche Bauwerk verändert hat. Schauspieler Kämmerer verschmilzt geradezu mit der Person des Schriftstellers, wenn er mit aufgebrachter Stimme die Stellen des Romans vorträgt, in denen Hugo voller Empörung beschreibt, was dem Bauwerk zugesetzt hat: Die Zeit mit ihrem Verfall und Rost, die Zerstörungen bei politischen Umwälzungen und architektonische Moden – sie haben den Bau zur Fratze verzerrt.

Blick des Kultur-Philosophen

Dabei sieht Hugo Bauwerke mit dem Blick des Kultur-Philosophen. Die Kunst des Buchdrucks habe die Architektur vernichtet. Während bis zum Mittelalter Gebäude und Denkmäler aus Stein den Geist der jeweiligen Epoche verewigten, übernahm ab der Neuzeit das Buch diese Rolle. Die Druckpresse saugte alle Ideen auf und wurde zum Medium der Wissenschaft. Der Schriftsteller betont die Zäsur im 15. Jahrhundert: „Hier änderte sich alles.“ Künstler wie der Maler Raffael oder der Komponist Palestrina übernehmen eine führende Rolle, und die Architektur verkommt zur Imitation.

Kämmerer steht in der Lesung vor einem riesigen Stadtplan von Paris und nimmt die Zuhörer mit auf die Türme von Notre-Dame. Er liest Passagen von Victor Hugo, in denen er auf Paris aus der Vogelperspektive blickt. Im 15. Jahrhundert war dies eine riesige, gotisch geformte Stadt. Mit seiner Hand illustriert der Schauspieler auf dem Stadtplan den gelesenen Text. Er zeigt auf die Straßen als Schlagadernund umkreist mit einem Stift die Tore des historischen Paris. Mit schwärmerischem Tonfall und strahlendem Lächeln rezitiert er Textstellen über Paläste, Bürgerhäuser und die 44 Kirchen der Stadt. Dann wieder klingt er betrübt: Das schöne gotische Paris wurde ausgelöscht, ersetzt von einem stilistischen Flickenteppich des schlechten Geschmacks. Für den Autor steht fest: Das wahre Paris war im Mittelalter.

Engagierter Freiheitskämpfer und latenter Humoristen

Schauspieler Jan Kämmerer lässt Hugo und dessen Buch lebendig werden. Ihm zuzuhören, ist ein Erlebnis. Mit seiner Stimme wechselt er Gefühlslagen von amüsiert über begeistert bis hitzig oder trübselig. Er zeigt den Romancier als engagierten Freiheitskämpfer und latenten Humoristen. Zwischendurch spielt Vassily Dück auf seinem Knopfakkordeon kleine Kompositionen: eine New Musette des Akkordeonisten Richard Galliano, mediterranes Flair des Jazz-Bassisten Renauld Garcia-Fonds, eine verträumte Stimmung des Mystikers Erik Satie und ein verschlungenes Werk des Amerikaners Daniel E. Gawthrop. Das Publikum bedankte sich mit stürmischem Applaus, Jubel und Bravo-Rufen für eine neue Sichtweise auf Victor Hugo und auf die Stadt an der Seine.

Von Udo Hinz

Anatoly Rybkin stellte im vergangenen Jahr Bilder in der Galerie „Dreiklang“ in Hann. Münden aus. „Die schönste Stadt der Welt“, habe der Künstler gesagt.

15.07.2019

„Wenn du mich verlässt, komme ich mit“: So heißt das Programm von Tina Teubner. Mit ihrem Pianisten Ben Süverkrüp hat sie beim Göttinger Kultursommer ein komödiantisches Feuerwerk gezündet.

15.07.2019

Tomke Braun ist Kuratorin des Kunstvereins Göttingen. Mit Daniela Seitz hat sie die Ausstellung „For Better Or Worse“ im Alten Rathaus kuratiert – und ihr Engagement um ein Jahr verlängert.

15.07.2019