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14:32 16.06.2018
„Jedermann“ bei den Gandersheimer Domfestspielen 
„Jedermann“ bei den Gandersheimer Domfestspielen  Quelle: r
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Bad Gandersheim

Wer einen Dom hat, muss „Jedermann“ spielen. Das geschah so in Salzburg 1920, in Bad Gandersheim 1959 und vielfach anderswo. Der Hofmannsthal-Klassiker war am Sonnabend die Eröffnungspremiere der 60. Domfestspiele, vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert.

Auf der Spielfläche vor der hoch aufragenden Westfassade des Domes liegen rund 15 weiß gestrichene hölzerne Rahmen. Es sind allem Anschein nach offene Gräber. Ihnen entsteigen angsterfüllte Wesen, die durcheinander schreien, bis sich aus dem Tohuwabohu ein Satz formt „Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod!“. Dann fallen die Gestalten schmerzgekrümmt zurück in die Gräber, verschließen sie mit weißen Deckeln.

Viel Wohlklang

Ein eindrucksvoller Einstieg in das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, inszeniert von den Schwestern Laura und Lisa Goldfarb in der angemessen kargen Ausstattung von Simone Graßmann. Das Regie-Zwillingspaar ist bislang vor allem mit musikalischen Inszenierungen hervorgetreten, unter anderem in Trier mit „Cabaret“ und der „Dreigroschenoper“. Auch in Gandersheim setzt es auf Musik. Eine dreiköpfige Band mit Komponist Ferdinand von Seebach an der Posaune, dazu Klarinette und Gitarre, ist fast durchweg auf der Bühne präsent: viel Wohlklang, der mit wenigen Akkorden und melodischen Linien Stimmungen schafft, unaufdringlich, eher leise als laut. Das Ensemble ist vielfach in die Musik einbezogen, hat viel zu singen (was es durchaus beherrscht), tanzt beachtlich synchron, hat körperlich eine Menge zu leisten.

Wird Hofmannsthals Stück derart belebt, verliert es ein wenig von der Bühnenweihfestspiel-Attitüde, die ihm spätestens seit Salzburg 1920 anhaftet. Dazu gehören beispielsweise die Besetzung der Hauptrollen mit Schauspiel-Stars und die angemessene Zuschauer-Ehrfurcht. Solche Stars gibt es in Gandersheim 2018 nicht (das schlichte Festspiel-Motto lautet „Läuft bei uns“), das Publikum ist vom Spiel gefesselt, erstarrt aber nicht vor Respekt. Mit viel Geschick sorgt Intendant Achim Lenz, seit 2017 für die Festspiele verantwortlich, für eine solche Atmosphäre. Sein Vertrag ist vor wenigen Tagen unbefristet verlängert worden, wie Uwe Schwarz, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Domfestspiel-GmbH, bei der offiziellen Eröffnung am Freitag mitteilte.

Bewegungsfreudig

Auch wenn die Regisseurinnen Laura und Lisa Goldfarb Hofmannsthals sehr artifizielle Fantasie-Volkssprache nicht verändert haben, wirkt ihr bewegungsfreudiger „Jedermann“ überraschend jugendlich. Das liegt nicht nur am Regie-Konzept, sondern selbstverständlich auch an der Besetzung mit Darstellern eher unter als über 30, die aber die existenzielle Tiefe des Stoffes sehr wohl vermitteln können. Wenn Jedermann zunächst noch ungehemmt feiert, dann aber von Urängsten gepackt wird, seinen Halt verliert, stellt das Marco Luca Castelli sehr glaubhaft dar. Das gibt Gänsehaut-Gefühle. Felicitas Heyerick ist eine ausgesprochen sinnliche Buhlschaft – und sehr wandlungsfähig, wenn sie in ihrer zweiten Rolle als Glaube am Ende die Botschaft der Erlösung transportiert, ohne dass es peinlich wird. Als Tod und Teufel lässt der bühnenpräsente Jan Kämmerer den Menschenwurm zittern, ihn sich seiner Ohnmacht bewusst werden. Auch die übrigen zehn Darsteller geben dieser Inszenierung Farbe und Konturen.

Dieser „Jedermann“ ist vielleicht kein großes, aber ein sehr ehrliches Theater. Und dazu noch ein akrobatisches: Die beiden Tanzakrobaten Katarzyna Gorczyca und Patryk Durski bespielen – mit Seilen gesichert – gleichsam als nicht-irdische Wesen die senkrechte Westfassade des Doms bis hinauf zum Turm. Das ist stellenweise atemberaubend. Das Premierenpublikum war von diesem rund anderthalbstündigen Welttheater tief beeindruckt und beklatschte das Ensemble laut und ausdauernd.

Vorstellungstermine: Sonntag, 17., Sonntag, 24., und Sonnabend, 30. Juni, um 20 Uhr, Donnerstag, 5., Mittwoch, 18., Dienstag, 24. Juli und Sonnabend, 4. August, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 22. Juli, um 15 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0 53 82-73 7 77 sowie online unter gandersheimer-domfestspiele.de

Von Michael Schäfer

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