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Regional Gastspiele in zauberhaftem Ambiente
Nachrichten Kultur Regional Gastspiele in zauberhaftem Ambiente
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20:08 04.09.2011
Meisterhafte Meisterklasse: Requisiteur Hausi Naef, Pianist Helmut Vogel, Callas-Darstellerin Graziella Rossi, Tenor Daniel Bentz sowie die Soprane Olga Kindler und Anna Steiner (von links). Quelle: Heller
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Zu tief ins Glas geschaut

Peter Schröder spielt „Die Legende vom heiligen Trinker“

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Andreas Kartak ist obdachlos, arbeitslos, freudlos und dazu noch Alkoholiker. Kartak kommt aus Polen und schläft unter französischen Brücken, weil man damals Kohlearbeiter brauchte in Quebecque. Eine Frau und ein Totschlag haben ihn ruiniert. Doch er lebt in einer Welt voller Wunder.
„Die Legende vom heiligen Trinker“ ist Joseph Roths letzte literarische Hinterlassenschaft, quasi die Memoiren eines trinkenden Schriftstellers ein Jahr vor seinem Tod. Es ist ein milder, ein philosophischer Blick auf seine eigene Schwäche. Der Autor lässt den zerlumpten Clochard zufällig, „warum wissen wir nicht“, einem wohlgekleideten Herrn begegnen, der ihm 200 Francs schenkt. Damit beginnt Kartaks „Reise“ durch seine letzten Tage.
Er soll das Geld, sofern er es denn irgendwann einmal wieder erübrigen könne, der Heiligen Therese von Lisieux zurückgeben. In der Kapelle Ste Marie des Batignolles. Ausgerechnet an einem Sonntag. Kartak hält sich für einen Ehrenmann, „wenn auch ohne Adresse“, der diesem Ruf folgen will, wenn er auch hin und wieder, eigentlich immer wieder zu tief ins Glas schaut.
Peter Schröder vom Basler Theater spielt diese Novelle mit einem feinfühligen, gar mitfühlenden Timbre und einem offenen Blick, der scheinbar immer wieder den Kartak in allen sucht, den kleineren oder größeren Makel, der so fatalistisch menschlich ist, dass aus einer melancholischen Geschichte ein ironisch-tragisches Stück wird, das auch gelegentliches Schmunzeln erlaubt. Aus dem Leben des Protagonisten wird ein Film, für den eine dumpf beleuchtete Leinwand über der Bühne hängt, für den ein schmaler roter Teppich ausgerollt ist und Schröder die Stühle buchstäblich entstaubt und zurecht rückt.
Schröder raucht und seufzt, schaut erinnernd, freut sich als wäre er Kartak selbst und füllt mit Anzug, Schlips und seiner Solo-Rolle die Bühne, dass sich nichts vermissen lässt – und das ist eine Leistung, wenn über 90 Minuten lang die Aufmerksamkeit in der kargen Scheune allein von einer Erzählung getragen wird. Applaus gab es reichlich.

Von Anna Kleimann

Virtuose Schlacht durch die halbe Musikgeschichte

Lachmuskeltraining: „Alleinunterhalter (Mehrzahl)“

Zwei Alleinunterhalter auf einer Bühne und nur ein Publikum. Ist so eine Doppelbuchung der Super-GAU oder wird der Abend einfach nur zweimal so gut? Dass beides zutrifft, bewiesen Jürg Kienberger und Clemens Sienknecht mit einer virtuosen Schlacht, die von Barock über Rock, Schlager, Chansons und Canzoni durch die halbe Musikgeschichte führte.
Sienknecht spielt den Part des trockenen Norddeutschen, der seine Programmpunkte zu „Klassik-Kompresse“ und „Frauen-Kompresse“ einschmelzen muss. Da darf es auch mal kreativ zugehen: „Hello, is it me you looking for, pretty woman?“ Selbst für Flachwitze ist sich der engagierte Entertainer im Kampf um die Publikumsgunst nicht zu schade: „Wie heißt der gesündeste Chinese? Müs-li.“ Kienberger schlägt Kapital aus seinem melodiösen Schwyzerdütsch, mit dem er sowohl alpine Volkslieder wie „Mei Muatta kocht Knedel so kloani, drum iss is am liabstn alloani“ als auch im Duett mit Sienknecht Monteverdi-Opern (Pur ti Miro) herrlich lächerlich mit piepsigem Falsett persiflieren kann.
Die Rollen des ungleichen Duos boten die perfekte Plattform für alle möglichen Arten von Humor: Ob aus der Situation heraus, im Stand-Up-Format oder durch musikalische Parodie, die Lachmuskeln der zahlreichen Gäste genossen ein ausführliches Training.

Von Anna Kleimann

Harter Kampf um dramatische Kunst

„Meisterklasse – Maria Callas“: Psychogramm einer Primadonna

Ein Konzertflügel, ein Stuhl. Der Pianist, beileibe kein Bühnenstar, setzt sich, schraubt seine Klavierbank ein Stück höher. Probiert die Tasten mit ein paar gebrochenen Akkorden, schweigt. Wartet. Wartet auf sie, die frühere Primadonna, die jetzt hier eine Meisterklasse für junge Sänger anbietet: auf Maria Callas.
Was folgt, ist eine wohlabgewogene Mischung aus Realität und Fiktion, aus ernstzunehmender musikalisch-dramatischer Arbeit, einem Psychogramm der alternden Sängerin, Rückblenden auf ihre Laufbahn und Einblicken in ihre Arbeit mit dem Nachwuchs. Autor Terrence McNally hat die Master Classes der Callas an der New Yorker Juilliard School Anfang der siebziger Jahre gesehen, er weiß also, was er sagt.
Und wohl deshalb ist diese „Meisterklasse – Maria Callas“ ein derart faszinierendes Stück geworden. Es wirkt (fast) durchweg authentisch, die Aussagen der Sängerin über die Art und Weise, wie sich ein Sänger mit seiner Rolle identifizieren muss, sind nicht nur immer glaubhaft. Man möchte sie auch manchem heutigen Opernstar ins Stammbuch schreiben.
Der zweite Grund, weshalb „Meisterklasse – Maria Callas“ so fasziniert, ist Graziella Rossi. Denn die Schweizer Schauspielerin spielt nicht die Callas, sie ist sie. Und sie deckt in den Rückblenden auch tiefere Seelenschichten der Sängerin auf.Uin weiterer Glücksfall: Die drei Meisterklassen-Schüler im Stück – allesamt Schüler von Jane Thorner-Mengedoht in Zürich – sind echte Sänger, die ihre Kunst beherrschen und viel von dem musikalisch transportieren, was hier angesprochen ist. Das gilt für die im Sinne ihrer Rolle noch sehr vorsichtig agierende Sopranistin Anna Steiner, das gilt für den prächtigen Tenor Daniel Bentz, der auch die Tenor-Eitelkeit ausgesprochen überzeugend spielt. Und in besonderem Maße gilt es für die dramatische Sopranistin Olga Kindel, die aus Odessa stammt und inzwischen naturalisierte Schweizerin ist: Am liebsten hätte man noch die ganze weitere „Macbeth“-Szene von ihr gehört. Am Ende war das Publikum im ausverkauften Saal schier aus dem Häuschen.

Von Michael Schäfer

Kein Platz für Jesus

Christoph Bantzer liest Dostojewski

Was wäre, wenn Jesus heute aufträte? Dieser Frage hat Dostojewski in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ ein Kapitel gewidmet. Er lässt Jesus zur Zeit der spanischen Inquisition unter die Menschen kommen. Von allen wird er erkannt, doch der Großinquisitor erklärt ihm, er habe kein Recht, auf die Erde zurückzukehren. Dieses Kapitel hat der Schauspieler Christoph Bantzer am Sonnabend rezitiert: eine fesselnde Lesung.

Von Michael Schäfer