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Regional Gedemütigt und wie Tiere behandelt
Nachrichten Kultur Regional Gedemütigt und wie Tiere behandelt
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19:20 12.11.2010
Von Peter Krüger-Lenz
Arena für die Zuschauer im Jungen Theater: Eunice Kadzuwa spielt die Sklavin Aba.
Arena für die Zuschauer im Jungen Theater: Eunice Kadzuwa spielt die Sklavin Aba. Quelle: Eulig
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Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes hat JT-Intendant Andreas Döring Kadzuwa und Mzumara für die Produktion „Mutter Afrika“ des Niederländers Ad de Bont engagiert. Jetzt spielen sie – ausgerechnet Sklaven. Denn de Bont, einer der profiliertesten Autoren des europäischen Kinder- und Jugendtheaters, hat ein ganz finsteres Kapitel der niederländischen Kolonialgeschichte aufgeschlagen. Regisseur Gernot Grünewald hat das Stück für seine Inszenierung ein wenig gewendet, denn auch Deutschland kann auf eine wenig ruhmreiche Vergangenheit in Afrika zurückblicken.

Erzählt wird rund ein halbes Leidensjahrzehnt der 14 Jahre alten Aba und ihres Bruders Kodjo, gerade noch nicht Teenager. Aus wirtschaftlicher Not heraus verkauft ihr Vater die beiden an die Westindische Handelskompanie. Schon auf dem Schiff geraten sie in die Hölle, der sie nicht mehr entrinnen. Sie werden sexuell missbraucht, gedemütigt, wie Tiere behandelt. Rassismus pur, den Regisseur Grünewald bis in die Gegenwart dreht. Aus dem Off werden Redebeiträge aus dem Deutschen Bundestag verlesen. Auch der Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete Hartwig Fischer, Afrikaexperte seiner Bundestags-
fraktion, kommt zu Wort.

Was nach trockenem Schulunterricht klingt, wird jedoch von dem Ensemble außerordentlich berührend gespielt. Wenige, dafür umso prägnantere Szenen haben Grünewald und Dramaturgin Rachel Clarke aus dem Stück extrahiert. Wenn Aba auf dem Schiff vom Kapitän vergewaltigt wird, wenn Kodjo Fäkalien mit der Hand beseitigen muss, weil es Plantagenbesitzer Soesmann so will, wenn die gläubige Miss Parpot die Freilassung Abas an ihrem 18. Geburtstag verweigert und das entsprechende Schriftstück verbrennt, wenn der Plantagenbesitzer seine Tochter ermordet, weil sie ein Kind von Kodjo erwartet, sträuben sich beim Zuschauen die Nackenhaare und der Hals schwillt an.

Das ist zum einen ein Verdienst des Textes, das Ensemble allerdings trägt durch sein bewegendes Spiel sehr viel dazu bei. Dabei kommt den Gästen ein großer Anteil zu. Kadzuwa, sie ist 1989 geboren, und Mzumara, Jahrgang 1976, agieren sehr unbekümmert. Sie lassen sich von ihrer Spiellust tragen und schaffen bruchlos den Spagat zwischen ihrem tatsächlichen Alter und dem ihrer Charaktere. Und trotz aller Sprachbarrieren – gespielt wird auf Deutsch, Englisch und Chichewa, der Nationalsprache Malawis – gelingt in der Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen ein geschlossener Ensembleeindruck. Und auch das Publikum, das wie in einer Arena rund um das Geschehen sitzt (Bühne: Michael Köpke), kann der Geschichte problemlos folgen. Eine produktive Kooperation, von der alle Beteiligten profitieren, so viel ist sicher. Das Premierenpublikum würdigte den denkwürdigen Abend mit begeistertem Applaus.

Weitere Vorstellungen: am Sonnabend, am 17. und 21. November sowie am 8., 10., 17. und 22. Dezember um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05     51    /    49     50     15.