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Regional Geschichte eines verfolgten Andersdenkenden
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18:45 20.09.2011
Von Christiane Böhm
Versetzt sich gern in andere Realitäten: Sjón mit Moderatorin Judith Bilstein (links). Quelle: CH
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Sjón, eigentlich Sigurjón Birgir Sigurðsson, war am Montagabend im Literarischen Zentrum Göttingen zu Gast, um einige seiner Gedichte und vor allem seinen aktuellen Roman „Das Gleißen der Nacht“ vorzustellen. Moderiert wurde der Abend von Judith Bilstein, Isländisch-Tutorin an der Göttinger Universität.

Manchem ist Sjón vielleicht als Textschreiber für Björk bekannt. Der Isländer ist das, was man ein Multitalent nennt. Er spielte in verschiedenen Bands, schrieb Songtexte, ein Opernlibretto, beschäftigt sich mit bildender Kunst, aber vor allem schreibt er. Ins Deutsche übersetzt wurden bislang neben dem Roman über den Gelehrten Jónas ein schmaler Gedichtband und der Roman „Schattenfuchs“.

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Vorbild für den Jónas ist eine tatsächlich lebende Figur, Jón Guðmundsson. Er lebte an der Wende zum 17. Jahrhundert und hinterließ interessante Arbeiten, unter anderem eine isländische Naturgeschichte und eine Familiengeschichte. Mit einem Schriftstück über ein Massaker an baskischen Walfängern geriet er in Konflikt mit der isländischen Obrigkeit und wurde verbannt. Der Romanfigur Jónas ergeht es genauso. Der Leser kann seinen Gedankengängen von seinem Verbannungsort, einer winzigen Felseninsel im Meer, folgen.

Die Geschichte dieses Andersdenkenden – dieser Jón sei ja im Grunde ein verfolgter Schriftsteller gewesen – habe ihm sehr am Herzen gelegen. Man merkt es dem Autor an, wenn er zwar immer wieder versetzt mit trockenem Humor, aber deswegen nicht minder engagiert von der Zeit um 1630 in Island berichtet.

Er versetze sich ausgesprochen gern in andere Realitäten, so Sjón im sehr gut besuchten Literarischen Zentrum. Mit seiner Romanfigur Jónas könne er dieses andere Jahrhundert besuchen, mit seinen Augen auf die damalige Welt schauen. Jónas sei über vieles sehr ärgerlich gewesen. Und „ich teile seinen Ärger“, erklärt Sjón. Vor allem darüber, was die Reformation den Armen in Island angetan habe. Quasi über Nacht verschwand damals die katholische Kirche von der Insel. Und mit ihr all die karitativen Einrichtungen, plötzlich gab es niemanden mehr, der Verantwortung für sie übernahm. „Es gab keine Städte, keinen König, die das leisten wollten.“ Die Reichen, so Sjón, mussten nun keine Rechenschaft mehr ablegen, es war nur noch eine Sache zwischen ihnen und Gott, sie mussten nichts mehr teilen.

Die Gier regierte. Es sei leicht gewesen, schiebt Sjón ein, diesen Roman 2008 zu schreiben.