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16:28 27.02.2017
Maybach bringt Kirche und Kabarett zusammen. Unter dem Motto „Viva la Reformation“ hat der Pfarrer und Kirchenkabarettist seine christlich-satirische Unterhaltung in der Göttinger Christophoruskirche präsentiert. Quelle: Mischke
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Göttingen

„Wenn wir diese Kirche fit machen wollen für 500 weitere erfolgreiche Jahre Reformation, brauchen wir mehr Mut zum Personenkult.“ Maybach heizt gleich zu Beginn seines dritten Kabarettprogramms „Viva la Reformation“ seinem Publikum kräftig mit einer kurzen Gebrauchsanweisung ein. Danach kommt er ein zweites Mal in den Kirchenraum, jetzt begleitet von viel Applaus und „Maybach“-Rufen. Die Lacher der gut 100 Besucher sind ihm sicher, das Eis ist gebrochen.

„Wir tun uns so schwer mit dem Personenkult, weil wir eine Volkskirche sind. Und in einer echten Volkskirche sind wir alle Papst“, sagt Maybach und verweist damit auf den Reformator aus Wittenberg und die vielzitierte Überschrift „Wir sind Papst“ in der Bildzeitung. „Was Luther gedacht hat, hat Springer vollendet.“

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Der Pfarrer und Kirchenkabarettist aus dem Odenwald schlägt eine humoristische Brücke zwischen Politik und Religion. Er erzählt, liest, singt und bringt dabei die Institution Kirche, die Bibel, Menschliches und ganz Alltägliches zusammen. Begleitet zwischen Liedermacher-Songs an der Akustikgitarre, Rap, Blues und Kirchenliedern wird er dabei von dem Musiker-Duo „Die fabelhaften Wartburg-Brothers“ an E-Gitarre und Keyboard/Orgel.

Was einen Pfarrer umtreibt, wenn er nachts grübelnd auf Ideensuche geht, erfahren die Zuhörer in dem „Predigtlied“. Als schnulziger Schlager-Troubadour, mit viel Augenzwinkern und im kreischfarbigen Guildo-Horn-Gedächtnis-Jackett stellt sich Maybach der Frage, wie man wohl mit den besten Bibel-Liebes-Textstellen den nächsten ESC-Gewinnersong komponiert.

In einem Drei-Akter lässt er „Die Braut“ zu Höchstform auflaufen. Mit rosa Plüschohren erzählt Maybach sehr anschaulich, was so alles passieren kann zwischen Trauspruch-Suche und der kurzfristigen Absage, weil die Kirche doch nicht zum Brautkleid passe. „Lieber zwei Beerdigungen als eine Hochzeit“ laute ein verbreiteter Kommentar unter Pfarrern.

Satirisch-bissig ist das „Gleichnis vom gierigen Bankmanager“ wie auch eine tiefenpsychologische Variante des Kirchenliedes „Geh aus mein Herz“ und die Analyse der konfessionellen Aspekte der Eurokrise („Kapitalismus und das Versicherungswesen sind ein Nebenprodukt der Reformation“). Zudem zieht der Kirchenmann aktuelle Parallelen zwischen dem radikalen Münsteraner Täufer-Reich und dem „Terrorstaat“ im Nahen Osten.

Maybach trifft den richtigen Ton. Frech entstaubt er Klischees, ist mal lustig, mal kritisch und auch mal unfreiwillig komisch, wenn manche Ansage fast so lang gerät wie das folgende Lied oder der Wortbeitrag. Der studierte Soziologe und Theologe mit dem langen Pferdeschwanz ist mit viel Charme, Verve und Herzblut bei der Sache. Das vergnügt lachende und schmunzelnde Publikum bedankt sich mit großem Applaus.

Von Karola Hoffmann