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Regional Göttinger DT-Intendant Zurmühle: Abschied mit Carmen-Bearbeitung
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17:38 23.06.2014
Zwiespalt im Zwielicht: Marie-Kristien Heger, Andreas Jeßing, Michael Meichßner und Gaby Dey.
Zwiespalt im Zwielicht: Marie-Kristien Heger, Andreas Jeßing, Michael Meichßner und Gaby Dey. Quelle: Thomas Müller
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Göttingen

Das Ergebnis ist eine schlanke, leichtfüßige, aber stringente Inszenierung, die dem bekannten Stoff und der Institution des Theaters neue Facetten abgewinnen kann.

Wie schon „Faust“ wird Zurmühles „Ay! Ay! Carmencita!“ in der Göttinger Lokhalle aufgeführt. Ein Raum, der Inszenierungen Freiheiten lässt, die im Theatersaal nicht gegeben sind: Wie zum Beispiel die Maske direkt an den Einlass zu positionieren.

Die Bühne selbst ist von allen vier Seiten von Zuschauerrängen umgeben, die erste Reihe bilden Tische, an denen Besucher ein Abendessen mit den Schauspielern einnehmen können. Gläser klirren, Textbücher  und Requisiten liegen herum – das Theater lässt Zurmühle nicht hinter dem Stück verschwinden.

Flickenteppich aus Oper und Novelle

Aber was ist jetzt eigentlich das Stück? Ein bunter Flickenteppich aus Oper und Novelle, der von eigenen Textpassagen zusammengehalten wird. Die Handlung wird meist szenisch, oft auch mithilfe von Mérimées Worten vorangetrieben.

Durch die Konzentration auf dramaturgische Schlüsselszenen entsteht zu keiner Zeit das Gefühl, ein Versatzstück vor sich zu haben. Und: Die klug und witzig inszenierte Handlung, die immer wieder die Künstlichkeit der Theatersituation hervorbrechen lässt, bildet einen schönen Gegensatz zu Bizets eigentlich  schon veristischer Oper – eine italienische Form, deren Anhänger nach mehr Realismus trachteten.

Dem wird in der Lokhalle allein schon durch die Tatsache eine Abfuhr erteilt,  dass die Rolle der Carmen vierfach besetzt ist. Gaby Dey, Angelika Fornell, Marie-Kristien Heger und Anja Schreiber stehen für jeweils eine Facette einer geheimnisumwobenen Persönlichkeit, der sich in der Kunst immer wieder aus anderen Perspektiven genähert wurde.

Großartiges Charakterspiel

Die prismenartige Zerlegung ihres komplexen Charakters funktioniert – dank des großartigen Charakterspiels der Schauspielerinnen und der Wendigkeit, mit der sie andere Rollen übernehmen, wenn ihre Carmen gerade nicht gebraucht wird. Auch ihren Verehrer Don José gibt es zweimal: Andreas Jeßing ist der schon durch Carmen gebrochene Mann, Benjamin Krüger der bis in den Wahnsinn verliebte Jüngling.

Auch diese Aufspaltung funktioniert. Nicht zuletzt, da mit Prosper (wunderbar verschroben: Michael Meichßner) der Erzähler der Novelle selbst an der Handlung teilnimmt und die Geschichte von Don José erzählt bekommt.

Weiteren Aufwind erhält der Abend durch die Musikeinlagen einer siebenköpfigen Band unter der musikalischen Leitung Albrecht Zieperts, die Bizet ebenso beherrscht wie Klezmer, Flamenco oder Balkan-Beats. Auch wenn man beim Gesang des Schauspielensembles selbstverständlich Abstriche machen muss, schadet das dem lustvollen Abend nicht. Es muss halt nicht immer Oper sein.

Weitere Vorstellungen in den kommenden Wochen am Dienstag, 24. Juni, um 20 Uhr, Sonntag, 29. Juni, um 20 Uhr, Sonntag, 6. Juli, um 16 Uhr, Montag, 7. Juli, um 20 Uhr, Montag 14. Juli, um 20 Uhr und Dienstag, 15. Juli, um 20 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Buchvorstellung zum Abschied

Zum Ende der Intendanz von Mark Zurmühle wird am Donnerstag, 10. Juli, das von „Theater der Zeit“ verlegte Buch „Bleibt alles anders“ vorgestellt.

In der 180-seitigen Veröffentlichung wird auf die 15-jährige Arbeit des scheidenden Intendanten zurückgeblickt. Die in Kooperation mit dem DT-Förderverein organisierte Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Keller des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11.

Von Jonas Rohde

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