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Regional Preisträger Wiglaf Droste gestorben
Nachrichten Kultur Regional Preisträger Wiglaf Droste gestorben
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17:13 16.05.2019
Erst im vergangenen Jahr war Wiglaf Droste mit dem Satire-Preis „Göttinger Elch“ ausgezeichnet worden. Quelle: Heller
Göttingen

Das Westfälische konnte er nie ganz verleugnen, obgleich er zuletzt in Franken und davor in Leipzig gelebt hatte. Wiglaf Droste wurde in Herford geboren. Das konnte man ihm anhören. Er hämmerte die Konsonanten ins Mikrofon, ließ das R sägen und das I immer ein bisschen wimmern. Er sprach wuchtig. Und so hat er auch geschrieben. Er war immer ein bisschen maßlos in seiner Kritik, manchmal auch in seinen Reimen, vielleicht in seinen Ansprüchen und wohl auch im Leben. Jetzt ist Wiglaf Droste in seinem Wohnort in Pottenstein in Franken gestorben. Er wurde 57 Jahre alt.

Erklärung der Jury des „Göttinger Elch“ zum Tod von Wiglaf Droste

Die Jury des Göttinger Elch-Preises erklärte am Donnerstag zum Tod von Wiglaf Droste: „Mit ihm verlieren wir einen Individualisten, der dem scheinbar Selbstverständlichen widerstand und stets seinen eigenen Weg ging – er verspottete, kritisierte, verlachte, was uns allen normal schien, und ‚bekämpfte kompromisslos und unbestechlich den Konformismus der Menge und die vom Zeitgeist verführten Mitläufer, die angemaßte Autorität der Tugendwächter links ebenso wie den hässlichen Deutschen rechts und die grünschwarze Verspießerung in der Mitte der Gesellschaft‘ – wie in der Verleihungsurkunde zum Elch formuliert.“

Weiter erklärte die Jury: „Keiner verstand sich auf die formvollendete, gleichermaßen witzige und stilsichere Kunst der Attacke wie Wiglaf Droste. Keiner führte den schweren Säbel der heftigen Invektive und das elegante Florett der originellen Formulierung so treffsicher wie er. Wiglaf Droste hatte das untrügliche Gespür für das Falsche im Leben und das Verlogene in Politik wie Kultur. Wiglaf wird uns und dieser Gesellschaft fehlen.“

Den „Göttinger Elch“ hatte Droste erst im vergangenen Jahr erhalten. Davor war er 2003 mit dem Ben Witter-Preis, 2005 mit dem Annette von Droste-Hülshoff-Preis und 2013 mit dem Peter-Hille-Literaturpreis ausgezeichnet worden.

Ihn einen Satiriker zu nennen, reicht nicht. Droste war mehr. Ein manchmal gnadenloser Zeitkritiker, ein Ankläger, ein Spaßmacher und ein Artist. Und manchmal war er auch ein bisschen weniger. Denn er hat nicht immer nur gut geschrieben. Manche seiner Reimereien nervten. Anderes aber war so witzig, dass einem auch beim wiederholten Anschauen älterer Arbeiten die Augen tränen können. Seine geradebrechte Coverversion von Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ („Musse pfeife inne Wind“) zeigt schön, wie er selbst auf alles mögliche pfeifen konnte. Diese Freiheit brachte ihm auch eine Menge Ärger ein. Mit der Redaktion der „taz“ hatte er sich mehrfach verkracht, Feministinnen und Autonome störten in den neunziger Jahren seine Lesungen. Droste war ein Freigeist und er war ein Genussmensch, einer, der immer mehr wollte, einer, für den das Leben eigentlich eine Nummer zu klein war.

Das Gegenteil eines Vegetariers

Mit dem Koch Vincent Klink zusammen hat er die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ herausgebracht. Essen war ihm wichtig. Droste war das Gegenteil eines Vegetariers – was sich nicht nur darin zeigt, dass er zusammen mit Vincent Klink und Nikolaus Heidelbach die Bücher mit den schlichten, aber treffenden Titeln „Wurst“ und „Wild“ herausgebracht hat. Wer Drostes Karriere verfolgt hat, konnte wahrnehmen, dass sein Platzverbrauch auf der Bühne im Laufe der Jahre immer mehr zunahm. Eine Diät verweigerte der Westfale. „Diät ist Mord am ungegessenen Knödel“ hat er gesagt – einer der Sätze von ihm, die ins Zitatenschatzkästlein der deutschen Sprache Eingang gefunden haben.

„Der infrarote Korsar“

Wie funkelnd sein Witz sein konnte, zeigen allein schon die Titel seiner vielen Bücher: „In 80 Phrasen um die Welt“ , „Der Barbier von Bebra“, „Der Mullah von Bullerbü“, „Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke“, „Der infrarote Korsar“. Oder auch „Wir sägen uns die Beine ab und sehen aus wie Gregor Gysi“. Sehr lustig. Bis man beim Stöbern auf ein Buch trifft, das den Titel trägt: „Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses“.

Ach nö.

Von Ronald Meyer-Arlt

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