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Regional Göttinger Entwurf für Kirchenfenster
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16:30 08.09.2013
Julius Schnorr von Carolsfeld: Madonna. / Eduard Bendemann: Johannes der Täufer. Quelle: Uni-Kunstsammlung
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Göttingen

Die Blätter stehen aufgrund ihrer gotisierenden Vierpass-Form und ihrer Thematik in engem Zusammenhang: Johannes der Täufer verweist mit dem Zeigegestus seiner rechten Hand auf Christus, der als segnendes Kind auf dem Schoß der thronenden Maria im AquarellMadonna“ erscheint.

Der Kreuzstab und die daran befestigte Fahne mit der Inschrift „Ecce Agnus Dei“ („siehe das Lamm Gottes“) sind charakteristische Attribute des Johannes, die sich auf die Passion Christi beziehen. So bilden die Blätter ein Paar, obgleich sie in unterschiedlichen Formaten ausgeführt sind.

Bislang war kaum etwas über die Aquarelle bekannt. Eine Bleistiftnotiz auf dem Madonnenbild „Original v. Bendemann für Kirche“ weist sie als Entwürfe für eine Kirchenausstattung aus. Form und Farbigkeit der Aquarelle legten dabei nahe, dass es sich um Entwürfe für Glasfenster handeln könnte.

Diese Vermutung lässt sich nunmehr bestätigen, denn es ist gelungen, die Glasfenster ausfindig zu machen, die nach den Entwürfen ausgeführt wurden. Sie befinden sich in der Patronatsloge der Kirche von Rüdigsdorf in Sachsen, heute einem Ortsteil von Kohren-Sahlis zwischen Leipzig und Altenburg.

Die größten Kostbarkeiten des Sakralbaus

Damit gehören die Fenster in einen faszinierenden Kontext. Patron des Ritterguts Rüdigsdorf war Dr. Wilhelm Crusius (1790-1858). Bürgerlicher Herkunft (sein Vater war der Verleger Siegfried Leberecht Crusius), setzte sich dieser für die Verbesserung der Landwirtschaft ein, engagierte sich für den Bau der Eisenbahn von Dresden nach Leipzig, war aber auch ein bedeutender Mäzen, der sich für die Pflege von Musik und Bildender Kunst seiner Zeit einsetzte.

Ihm ist es zu verdanken, dass man bis heute im kleinen Rüdigsdorf auf eine seltene Konzentration von Werken namhafter Künstler des 19. Jahrhunderts trifft.

So enthält der Gartensaal der Orangerie Fresken zur Geschichte von Amor und Psyche von Moritz von Schwind in einem von Gottfried Semper entworfenen Dekorationssystem.

Die neugotische Kirche wurde 1848/49 nach Entwürfen von Sempers Schüler Oskar Mothes errichtet. In ihr befinden sich zwei Werke von Ernst Rietschel.

Zu den größten Kostbarkeiten des Sakralbaus gehören schließlich die beiden Glasfenster in der Patronatsloge, zu denen sich in Göttingen die aquarellierten Vorzeichnungen erhalten haben. Sie wurden 1849 von dem Nürnberger Glasmaler Georg Kellner ausgeführt.

Alles andere als ein Verlust

Studiert man die Bauakten der Rüdigsdorfer Kirche, so erlebt man eine weitere Überraschung: Während der Entwurf zu Johannes dem Täufer eindeutig von Eduard Bendemann stammt, der zu dieser Zeit in Dresden wirkte, muss das Fenster mit der thronenden Madonna auf einen Entwurf des bedeutenden Malers und Zeichners Julius Schnorr von Carolsfeld zurückgehen.

Bislang stand die Autorschaft Bendemanns für das Göttinger Madonnen-Aquarell außer Frage. Aufgrund der Aktenlage, die bei genauerer Betrachtung auch durch stilkritische Beobachtungen gestützt wird, handelt es sich aber tatsächlich um eine Arbeit von Schnorr, seit 1846 Direktor der Dresdner Gemäldegalerie.

Für die Göttinger Universitätskunstsammlung ist dies alles andere als ein Verlust, war Julius Schnorr von Carolsfeld doch einer der bedeutendsten Künstler des 19. Jahrhunderts und ist nicht zuletzt durch sein zeichnerisches und druckgraphisches Werk (darunter die „Bibel in Bildern“) bis heute bekannter geblieben als Eduard Bendemann.

Von Christian Scholl

Zu sehen letztmals am Sonntag, 8. September, von 10 bis 16 Uhr in der Universitäts-Kunstsammlung, Weender Landstraße 2.